Das Investment meines Lebens

Gründe, warum eine Aktie im Depot landet, gibt es viele – ob Kommunionsgeschenk, der richtige Riecher für einen ganz großen Trend oder einfach nur ein Pflichtkauf. Experten erinnern sich an ihr bestes Investment.


Sie gilt als „Trade des Jahrhunderts“: die Wette von George Soros gegen das britische Pfund. Und es dürfte auch das Investment seines Lebens gewesen sein. Mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn machte Soros an nur einem einzigen Tag, dem 16. September 1992, mit seinen Spekulationen gegen die britische Währung. Aber das „Investment meines Lebens“ muss nicht immer ein Milliarden-Deal sein.

Bei Christoph Bruns beispielsweise war es der Kauf von Nokia-Aktien im Jahr 1994 – und der sollte sich als „die reinste Freude“ entpuppen. Der Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys erkannte früh den Trend zum schicken Mobiltelefon, dass nicht mehr nur funktional war. „Nokia schwang sich aufgrund besseren Designs und Marketing bald zum Marktführer auf und nahm dem vormals dominanten Spieler Ericsson die Butter vom Brot“, erinnert er sich. Gleichzeitig wuchs der Markt für mobile Telefonie exponentiell und Nokia wurde binnen weniger Jahre das wertvollste Unternehmen Europas und zählte zu den – gemessen am Börsenwert – größten Gesellschaften der Welt.


Es war die Zeit der Jahrtausendrally nebst gigantischer Internetblase. Bruns ließ sich von der Euphorie und dem Mobilfunk-Hype nicht blenden. „Nachdem die Aktie weit mehr als 1000 Prozent zugelegt hatte und jedermann um die Großartigkeit der Finnen wusste, die Bewertung zudem astronomisch war und der Himmel geradezu voller Geigen zu hängen schien, veräußerte ich den Titel im Jahr 1999“, erinnert er sich. „Das war keineswegs der Höhepunkt, aber mir war klar, dass es ideal gelaufen war und man gehen soll, wenn die Party am schönsten ist.“ Nokia stieg zwar noch deutlich weiter und erreichte im Frühjahr 2000 sein Allzeithoch, wurde aber von Crash infolge des Platzens der Internetblase voll getroffen und verlor anschließend einen Großteil des Börsenwertes. Da hatte Bruns seine Gewinne längst realisiert.

Das Nokia-Engagement war und ist für seinen konservativen Anlagestil eher untypisch. Aber auch mit weniger spektakulären Werten lassen sich hohe Renditen erzielen. So hat Bruns Aktien der Maschinenfabrik Berthold Hermle in seinem Fonds Loys Global. „Dort steht inzwischen eine Kurszuwachs von nahezu 1000 Prozent zu Buche, wenngleich es sich um einen wenig beachteten Langweiler handelt“, sagt er.


Es müssen auch nicht immer Renditen von 1000 Prozent sein. Manchmal wird auch aus einem „Pflichtkauf“ ein Super-Investment. Christine Bortenlänger, Vorstand beim Deutschen Aktieninstitut, hat genau das erlebt. Als Mitglied des Aufsichtsrats bei Covestro hatte sie sich verpflichtet, jährlich etwa die Hälfte der Vergütung in Aktien des Unternehmens zu investieren. Und zwar so lange, wie sie in diesem Gremium arbeitet. Der Erfolg dieses Investment stellte sich quasi sofort ein. „Der Wert der Aktien stieg relativ kontinuierlich“, freut sie sich. Die Aktien hat Bortenlänger noch immer in ihrem Depot, „weil ich dem Aufsichtsrat weiterhin angehöre und zudem von langfristigen Investments sehr überzeugt bin.“ Das passt auch zu Bortenlängers grundsätzlicher Anlagestrategie: „Ich steige generell nicht schnell ein und aus.“

Ebenfalls nicht ganz freiwillig ging Robert Halver das Investment seines Lebens ein: Er bekam RWE-Aktien zu seiner Kommunion geschenkt, es waren seine ersten Aktien überhaupt. „Der Sparkassen-Berater hatte Tanten und Onkeln, Omas und Opas zu dieser Langfristanlage geraten“, erinnert sich der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank. Man solle sich doch die steigenden Stromkosten durch die hohen Dividenden zurückholen. Damals hätte er sich zwar lieber eine Eisenbahn von Märklin oder eine Carrera-Bahn gewünscht. „Aber im Zeitablauf habe ich dennoch immer mehr Gefallen an dieser Versorger-Aktie gefunden, vor allem an den besagten hohen Ausschüttungen.“ Diese seien in seinem Studium immer ein „schönes Zubrot“ gewesen.


Auch nach der Ausbildung hielt Halver der Aktie die Treue. Erst vor ein paar Jahren stieg er aus. Die plötzliche Energiewende nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima traf RWE „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“. Die Aktien der Versorger stürzten ab und haben sich bis heute nicht erholt. Der beschleunigte Ausstieg aus der Kernenergie führt noch immer zu milliardenschweren Abschreibungen bei der konventionellen Stromerzeugung. „In der Folge habe ich die Aktie schließlich verkauft“, sagt er.

Dass einem Unternehmen quasi über Nacht das Geschäftsmodell wegbricht, passiert eher selten. Doch auch Firmen mit eigentlich stabilen Geschäftsmodellen können an der Börse unter die Räder kommen, vor allem in Krisenzeiten, wenn mehr oder weniger alle Aktien fallen. Doch gerade dann können sich auch Chancen bieten.


Böse Überraschungen und einige Fehlschläge


Fondsmanager und Börsenprofessor Max Otte war vor der Finanzkrise mit seinem PI Global Value Fonds fast voll investiert. Doch dann stürzten die Kurse ab und innerhalb weniger Monate notierte der neu aufgelegte Fonds 35 Prozent im Minus. Einige Positionen hatte es besonders heftig erwischt. „Das Buffett-Investment American Express war von 62 Dollar im Jahr 2007 auf unter zwölf Dollar Anfang 2009 gefallen, weil das Unternehmen fälschlicherweise von den Märkten in einen Topf mit den Banken geworfen wurde. Dabei hat es ein stabiles Geschäftsmodell“, erinnert sich Otte. „Ich verkaufte andere gefallene Positionen und ging stark in American Express, weil ich mir meiner Sache sicher war.“ Es sollte sich lohnen. Binnen eines Jahres erholte sich die Aktie auf 40 Dollar und Otte verbuchte mit seiner Positionen einen Gewinn von mehr als 200 Prozent – das hat auch zur Erholung des Fonds beigetragen. „Ich habe dann verkauft, weil ich andere Sachen interessanter fand.“


Frank Thelen investiert in Start-ups – noch vor dem Börsengang. Und dabei hat er schon oft ein gutes Gespür bewiesen. „Mein bestes Investment war immer, harte und ehrliche Arbeit für Produkte, die mich begeistern“, sagt der Investor. „Aus rein finanzieller Sicht war Wunderlist, das heute Microsoft gehört, mein bisher bestes Investment.“ Wunderlist ist ein kostenloser Onlinedienst zur Verwaltung von Aufgaben und Notizen – eine clevere To-do-Liste für Smartphone und PC. Der Dienst ging im November 2010 online und ist in mehr als 20 Sprachen verfügbar. „Ich wollte das Produkt für mich selber haben“, sagt Thelen. Die meisten Profis hätten nach seinem Investment nicht an einen finanziellen Erfolg geglaubt. „Ich hatte nie eine finanzielle Kalkulation oder Return-Erwartung, es ging mir rein um das Produkt“, sagt er. Doch es wurde das Investment seines Lebens. Nach zwei Jahr stieg Atomico als Investor ein, nach sieben Jahren übernahm Microsoft die Firma und das Produkt für mehrere hundert Million Dollar.


Planen lassen sich solche Super-Investments natürlich nicht. Selbst die besten Investoren greifen mal daneben, öfter als ihnen lieb ist. Auch die befragten Experten haben schon böse Überraschungen erlebt. „Fehlschläge gab es immer dann, wenn die Einschätzung des Unternehmens sich im Laufe der Zeit als falsch erwies“, bringt es Fondsmanager Bruns auf den Punkt. „An solchen Aktien hat es auch nicht gefehlt, wenn ich beispielsweise an Imtech aus den Niederlanden oder KSB aus Frankenthal denke.“ Bei Imtech verhagelten ihm „Größenwahn und Bilanzbetrug“ die Rendite, bei KSB war es ein Corporate-Governance-Problem.

Christine Bortenlänger hat in den 1980er-Jahren schlechte Erfahrungen mit einem Dax-Optionsschein gemacht. „Da war ich zu blauäugig“, gibt sie offen zu. „Den musste ich mit viel Verlust verkaufen, sonst wäre er wertlos verfallen.“ Seither investiert sie nur noch direkt in Aktien, und zwar langfristig. Doch es sind nicht nur böse Überraschungen oder Fehlschläge, weshalb den Experten Rendite entgangen ist. „Ich habe etliche schöne Aktien zu früh verkauft – Richemont, United Internet oder Anheuser-Busch“, sagt Otte. „Man sollte sich immer an Warren Buffetts Auspruch erinnern, dass das Geld vor allem mit dem Hintern verdient wird.“


Und bei Robert Halver war die RWE-Aktie Top- und Flop-Investment zugleich. „Wegen familiärer Verbindung und vielleicht auch Sentimentalität habe ich den RWE-Aktien zu lange die Treue gehalten“, gibt er offen zu. „Ich dachte, Kostensenkungen, Restrukturierungen, Investitionskürzungen und der Ausbau der Erneuerbaren Energien würden der sich eintrübenden Ertragslage entgegenwirken. Auch hoffte ich, dass RWE sozusagen NRW-systemrelevant sei, auch mit Blick auf die Arbeitsplätze des Versorgers und die Abhängigkeit vieler Sparkassen und Kommunen von der Dividende.“ Diese Hoffnungen erwiesen sich jedoch nicht als berechtigt. Halver erlitt deutliche Kursverluste und die Dividende, die auch noch dramatisch gekürzt wurde, konnte diese Verlust nicht mehr wettmachen. „RWE war für mich also gleichzeitig Erfolg und Misserfolg“, sagt er.

Ähnlich erging es übrigens George Soros mit dem britischen Pfund. Er spekulierte 2016 in den Tagen der Brexit-Abstimmung auf einen Aufwertung der Währung. Doch die Briten entschieden sich für den Ausstieg aus der Europäischen Union und das Pfund geriet unter Druck. Dieses Mal lag der Super-Investor falsch.

KONTEXT

Wie Deutsche ihr Vermögen verteilen - und welche Folgen dies hat

Wo steckt das viele Geld?

Sparbuch und Co. werfen wegen der Zinsflaute kaum noch etwas ab, zugleich nagen die Niedrigzinsen an der Rendite von privaten Renten- und Lebensversicherungen. Dennoch liegt das Geld vor allem auf Girokonten, es steckt in Sparbüchern oder Lebensversicherung. Der größte Posten waren der Bundesbank zufolge Ende vergangenen Jahres Bargeld, Geld auf Girokonten oder Spareinlagen mit insgesamt 2.200 Milliarden Euro. Weitere 2.113 Milliarden Euro steckten in Versicherungen und Pensionseinrichtungen. 2016 hatten einer GfK-Umfrage zufolge 40 Prozent der Bundesbürger ihr Geld auf einem Sparbuch angelegt - wohlwissend, dass es sich um eine unattraktive Form der Geldanlage handelt.

Was ist mit Aktien?

Die meisten Menschen in Deutschland meiden Aktien nach wie vor. Die Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland sank im vergangenen Jahr sogar wieder unter die Marke von neun Millionen. "Die Deutschen sind eben leider immer noch kein Volk der Anleger, sondern ein Volk der Sparer - daran hat selbst die anhaltende Niedrigzinsphase bis heute nichts ändern können", meint der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Marc Tüngler.

Welche Folgen hat das?

Sparer verzichten nicht nur auf Gewinne durch steigende Börsenkurse, sondern auch auf Dividenden. Nach Berechnungen von Aktionärsvertretern schütten allein die 30 Börsenschwergewichte im Leitindex Dax in diesem Jahr die Rekordsumme von 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner aus. Die Gewinnbeteiligung bei 640 untersuchten Aktiengesellschaften steigt im Vergleich zum Vorjahr um rund 9 Prozent auf die Bestmarke von insgesamt 46,3 Milliarden Euro.

Sind Aktien immer eine gute Wahl?

Nicht unbedingt. Zwar gelten die Anteilsscheine langfristig als lukrative Geldanlage. Wer beispielsweise Ende 1995 Aktien kaufte und bis Ende 2010 hielt, habe in diesem Zeitraum im Schnitt 7,8 Prozent Rendite pro Jahr erzielt, rechnet das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vor. Doch nicht jede Aktie zahlt sich aus - wie die DSW-Liste der 50 "größten Kapitalvernichter" zeigt. Wer dort investierte, musste herbe Kursverluste hinnehmen, "die durch die Dividendenzahlungen meist nicht ansatzweise kompensiert werden konnten", wie Tüngler erläutert.

Wie ist der Reichtum verteilt?

Darüber gibt die Analyse der Bundesbank keine Auskunft. Der aktuelle Armut- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kommt aber zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Netto-Vermögens besitzen. "Die untere Hälfte nur ein Prozent", erläuterte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) jüngst. Von dem seit Jahren anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland profitieren danach vor allem die Reichen. "Die unteren 40 Prozent der Beschäftigten haben 2015 real weniger verdient als Mitte der 90er Jahre", so die Ministerin.

KONTEXT

Meilensteine des Dax

1. Juli 1988

Der Dax wird aus der Taufe gehoben. Basis der Berechnung ist der 30. Dezember 1987 mit einem Wert von 1.000 Punkten.

18. November 1996

Bei der Privatisierung der Deutschen Telekom wird die T-Aktie als Volksaktie vermarktet. Das Interesse der Öffentlichkeit am Dax nimmt dramatisch zu.

7. März 2000

Der Dax erreicht ein Rekordhoch von 8136,16 Punkten. Händler begründen die Euphorie mit Fusionsfieber. Ein geplanter Zusammenschluss der Deutschen mit der Dresdner Bank scheitert aber. Die Dresdner Bank geht an die Allianz, die sie im Mai 2009 an die Commerzbank weiterreicht. Auf dem Höhepunkt der Börseneuphorie wird die Chip-Tochter von Siemens, Infineon, zu einem Emissionspreis von 35 Euro an den Anleger gebracht. Die Platzierung ist 33-fach überzeichnet. Danach beginnt beim Dax eine langjährige Abwärtsbewegung, die von den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 verschärft wird.

12. März 2003

Der Dax rutscht unter 2200 Punkte und notiert damit so tief wie zuletzt im November 1995. Im Laufe des Jahres dreht er. Mit der Erholung der Weltwirtschaft in den Folgejahren wächst auch das Vertrauen in die Gewinnentwicklung der Unternehmen wieder.

13. Juli 2007

Mit 8.152 Zählern setzt der Dax einen neuen Meilenstein. Trotz erster Bankenpleiten und Notoperationen der EZB am Geldmarkt hält sich der Dax zu Beginn des Krisenjahres 2008 über 8000 Zählern. Doch ab dann geht es bergab. 2009 beschleunigt der Absturz des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate die Talfahrt des Dax.

9. März 2009

Die Krise der Banken hat Tribut gefordert: Mit 3588 Punkten erreicht der Dax zeitweise den niedrigsten Stand seit Oktober 2003. Doch es gibt Hoffnung. Denn nur wenige Tage später wirft die Fed die Notenpresse an. Von nun an geht es bergauf. Am 25. Oktober schafft der Dax zum ersten Mal in seiner Geschichte den Sprung über die Marke von 9000 Punkten.

5. Juni 2014

Erstmals in seiner Historie ist der Dax fünfstellig. Um 14:33 Uhr knackt der deutsche Leitindex die magische Marke und steigt bis auf 10.014 Punkte.

22. Januar 2015

EZB-Präsident Mario Draghi beschließt ein Anleihekaufprogramm im Stile der Federal Reserve. Die Zentralbank wird bis September 2016 Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 60 Millionen Euro aufkaufen. Insgesamt sollen so 1,14 Billionen in die Märkte gespült werden. Der Dax springt nach nervösen Pendelbewegungen auf ein Rekordhoch von 10.454 Punkten. In den folgenden Tagen hält die Hausse an, am 13. Februar springt der Dax das erste Mal über in seiner Geschichte über die 11.000-Punkte-Marke. Damit sollte die Rekordjagd aber gerade erst beginnen.

16.März 2015

Bereits wenige Wochen nach der Eroberung der 11.000-Punkte steht ein weiterer Meilenstein der Dax-Geschichte auf der Börsen-Agenda. Der Leitindex klettert zum ersten Mal über 12.000 Punkte. Weder der Konflikt in der Ostukraine noch der sich immer weiter zuspitzende Schuldenstreit scheinen die Börsenteilnehmer groß zu stören. Sie kaufen Aktien und befeuern die Hausse.

14. Juni 2017

In Erwartung einer positiven Zinsentscheidung der US-Notenbank knackt der Dax das erste Mal im Laufe seiner Geschichte die 12.900 Punkte und erreicht schließlich sein Allzeithoch von 12.921 Punkten. Schon in den Monaten zuvor hatte der Dax im Anschluss an den Erfolg des europafreundlichen Politikers Emmanuel Macron bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich seinen Höchststand mehrfach verbessert.