Warum Introvertierte im Home Office zu Höchstleistungen auflaufen

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Das Jahr zählt erst wenige Tage, und da trudeln sie schon wieder ein: die E-Mails der Arbeitgeber, dass ab sofort wieder vermehrt Home Office angesagt ist. Lena Ebert, 35, jubelt, denn sie ist zu Hause wesentlich produktiver. Die junge Juristin arbeitet als Referentin in einem Berliner Bundesministerium und galt schon immer als introvertiert. Ihre Energie schöpft sie aus dem Alleinsein, dann kann sie ihre Batterien wieder aufladen. Der trubelige Büroalltag laugt sie aus, schleudert sie täglich hundertfach aus ihrer Komfortzone. Ebert hat gelernt, mit fremden Situationen, Konferenzen und Kollegen zurecht zu kommen. Dennoch kostet sie jeder Kontakt, jede Unterbrechung Kraft.

Die Home Office-Phasen der vergangenen zwei Jahre verschafften Lena Ebert einen Wettbewerbsvorteil: Sie arbeitet remote besser als viele ihrer Kolleginnen und Kollegen. Zum einen verlangte ihr Vorgesetzter öfter schriftliche Vorschläge. Der Unterabteilungsleiter merkte dann schnell, dass seine Mitarbeiterin oft die im Vergleich mit anderen besseren Argumente hatte – und diese auch präziser zu Papier brachte. Die anderen Mitglieder des Teams, die sonst stets die üblichen Meetings mit Besprechungskeksen und lauwarmem Filterkaffee mit Anekdoten und Ausführungen dominierten, lieferten nun plötzlich dünne Elaborate mit geringerer analytischer Schärfe und Gründlichkeit.

Als 2020 über Nacht das Home Office Normalität wurde, so schreibt Kate Morgan von der "BBC", ging es einigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern besser als vorher. Viele Introvertierte empfanden das Arbeiten von zuhause als angenehmer. Sie waren weniger ablenkt, die Kommunikation mit Kunden fiel ihnen in virtuellen Meetings leichter, da ihnen niemand ins Wort fiel. So war es leichter, ihre Gedanken in Ruhe zu präsentieren.

Flogen die Introvertierten sonst unter dem Radar, konnten sie im Home Office ihre Leistung steigern und aus dem Team herausstechen. „Während Extrovertierte dafür gefeiert werden, offen, handlungsorientiert und enthusiastisch zu sein, steuern Introvertierte analytische Gedanken und Empathie bei“, so Richard Etienne, ein Branding-Experte aus Großbritannien, bei "BBC". In der Pandemie seien diese Fähigkeiten plötzlich sehr gefragt gewesen. "Introvertierte sind verlässlich, sie wenden sich nacheinander den Projekten zu und bearbeiten sie gründlich. Sie sind gut darin, eine Sache zu durchdenken.“ Introvertierte gelten auch als gute Zuhörer. Während der Pandemie kam es darauf an, den Kunden am Telefon gut zuzuhören – nicht so sehr, bei einer Verkaufsveranstaltung eine Runde zu unterhalten.

Karrierecoach Beth Buelow sagt im "BBC", dass Introvertierte einen Preis dafür zahlen, wenn sie täglich viele soziale Kontakte haben. Sie sind abends erschöpft. Extrovertierte hingegen ziehen Energie aus jedem einzelnen sozialen Kontakt. Interaktion ist das Benzin, das sie tanken. Ohne Bühne fühlen sie sich leer.

Virtuelle Meetings aber geben den Ruhigen eine Chance, im Chat ihre Fragen zu stellen. Bei Präsenzveranstaltungen müssen sie darum kämpfen, Gehör zu finden. Wie oft gehen sie sonst aus dem Termin, ohne gesagt zu haben, was sie vorbereitet hatten, einfach, weil die Wortführerinnen und Wortführer den kommunikativen Raum besetzt haben. Die Introvertierten haben mit ihrem bedächtigeren Vorgehen in virtuellen Formaten mehr Chancen, sich einzubringen.

Wenn wir nach der Pandemie wieder zur Präsenz zurückkehren, ob hybrid oder komplett, dann sollten Vorgesetzte daher vermehrt darauf achten, dass alle Kolleginnen und Kollegen zur Sprache und damit zur Geltung kommen. Egal, welcher Persönlichkeitstyp sie sind.

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