Interview mit Börsenkönig Florian Homm: Vom Saulus zum Paulus?

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Florian Homm zählt zu den schillerndsten Figuren der Börsenszene (Bild: Florian Homm)

Florian Homm ist eine Person, die polarisiert. Unglaublich polarisiert. Er war wie kaum ein anderer aggressiv an den Börsen dieser Welt aktiv. Verschob nicht Millionen, sondern Milliarden. Er ließ Aktien steigen und verdiente ein Vermögen. Er ließ Aktien in den Keller krachen und verdiente ein Vermögen. Er rettete mit seinem Geld den Dortmunder BVB und die USA haben versucht, ihn in die Finger zu bekommen, um ihn für Jahrhunderte ins Gefängnis zu werfen.

Am Ende landete er in einem menschenunwürdigen italienischen Abschiebegefängnis, stand dort kurz vor seinem Tod und nur wenige Menschen standen ihm bei – teils Menschen, von denen er es nie erwartet hätte. Im Gefängnis vollzog sich augenscheinlich eine Wandlung, die schon in der Zeit des Großkapitals begann. Echte Werte kamen zum Vorschein.

Wir haben eines der wenigen Interviews mit Florian Homm geführt.

Herr Homm, Erich Sixt nannte sie einmal den “Anti-Christen der Finanzwelt”. Vor kurzem titulierte Sie die “Welt am Sonntag” als den “König der Leerverkäufer”. Kapitalmarkt-Insider behaupten, Sie hätten einen großen Teil Ihres damaligen Milliardenvermögens mit Baisse- oder Short-Spekulationen in den großen Börsencrashs verdient. Über ein Jahrzehnt waren Sie Deutschlands erfolgreichster Hedgefonds-Manager, eine der ganz großen “Heuschrecken”. Warum sind Sie so skeptisch, was Wirtschaft und Börse betrifft?

Florian Homm: Dafür muss man eigentlich nicht zwei Studiengänge in Harvard abgeschlossen haben. Das Zinsniveau wird künstlich niedrig gehalten und befindet sich auf dem niedrigsten Stand, seit wir Zinsdaten haben, also seit circa 2000 Jahren. Laut der Deutschen Bank und Bloomberg befinden sich Aktien und Anleihen auf dem höchsten Bewertungsniveau seit 217 Jahren. Global gesehen war die Verschuldung seit Menschengedenken niemals höher. Das ist für eine Buy-and-Hold-Investmentstrategie mittelfristig ein sehr schlechtes Chancen- und Risikoverhältnis. Die Upside beträgt maximal 30 Prozent, aber die Märkte könnten locker 60 Prozent korrigieren. Sie wissen sicherlich, dass Märkte nach oben, aber auch nach unten massiv übertreiben können. Der Crash muss nicht morgen kommen. Im Gegensatz zu den selbsternannten Crashpropheten der letzten Jahre haben wir immer gesagt, dass sich das Kollapsrisiko in den Jahren 2017 bis Ende 2019 signifikant erhöht.

Ihre Kritiker behaupten, dass solange das Geld in Masse gedruckt wird, ein Börsencrash unwahrscheinlich wäre. Wie stehen Sie dazu?

Florian Homm: Tatsächlich korrelieren die Aktienmärkte noch mit den Gelddruckmaßnahmen der Zentralbanken und den Zinssätzen auf Junk Bonds. Na und? Die EZB, Federal Reserve Bank, Bank of China und Bank of Japan können doch nicht ewig Wirtschaftszyklen außer Kraft setzen! Gelddrucken hat keinen nachhaltigen Einfluss auf Paradigmenwechsel wie den destruktiven Amazon-Effekt im Einzelhandel. Durch die Digitalisierung ist, laut der Oxford-Universität, jeder zweite Arbeitsplatz langfristig gefährdet. Demnächst müssen zwei deutsche Angestellte einen Rentner oder Pflegefall finanzieren. Um zu erkennen, dass dies nicht gut gehen kann, reicht die einfachste Arithmetik. Die Zentralbanken genießen den Nimbus der Allmächtigkeit. Diese Prämisse ist absurd. In Japan, wo die Zentralbank seit fast drei Jahrzehnten Märkte manipuliert, hält die Börsenbaisse seit 29 Jahren an. Sowas kann uns auch im Westen passieren. Das bedeutet, lediglich eine “Kauf und Halten”-Strategie, ohne Wertabsicherung, ist verantwortungslos. Nur eine Total- oder Absolute-Return-Strategie macht bei solch schlechten Chance/Risiko-Verhältnissen Sinn.

Was sich viele Leser fragen, wie kann ein zum Christen gewandelter Ex-Hardcore-Kapitalist sich immer noch so intensiv mit diesen weltlichen Themen auseinandersetzen?

Florian Homm: Ich sehe es als meine Verpflichtung, auf Missstände und Risiken aufmerksam zu machen und einer breiten Bevölkerung konkrete Lösungsalternativen anzubieten, entweder umsonst durch meinen YouTube-Kanal, oder zu übersehbaren Kosten. Warum sollte der Bürger beim nächsten Bailout oder Wirtschaftscrash in schwerste Mitleidenschaft gezogen werden, nur weil Zentralbanker und viele Politiker sich mehr für die Interessen des Geldadels und der Großkonzerne interessieren?

Das ist ja schön von Ihnen zu hören, aber wo sind Ihre konkreten Beweise, dass Sie wirklich christlich oder sozial unterwegs sind?

Florian Homm: Wir haben zwei Bestseller geschrieben: “Endspiel” und danach “Erfolg im Crash”. Im ersten Buch ging es um das Gesamtbild und Lifestylemaßnahmen. Im zweiten Buch geht es um konkrete Anlagestile. In unserem Börsenbrief “Florian Homm Long & Short”, der von fünf weiteren Mitarbeitern in der Schweiz aufbereitet wird, geht es um absolute oder Total Returns. Der ist sehr spezifisch.

Wie steht es denn bei Ihrem Blatt mit der Performance?

Florian Homm: Im ersten Monat lagen wir bei Plus sechs Prozent, bei einem DAX-Index von minus zwei Prozent. Wir verpflichten uns einem Total-Return-Ansatz. Die relative Performance ist uns nicht besonders wichtig. Wenn der Markt sechzig Prozent verliert und ein Fonds “nur” fünfzig Prozent fällt, ist das trotzdem eine Halbierung des Anlagevermögens. Uns ist es wichtig, dass unsere Leser, Youtube- und Börsenbrief-Abonnenten unbeschädigt durch die nächste Krise kommen und mit etwas Glück ihr Vermögen steigern können. Letzten Monat hat unser Short- sowie unser Long-Musterportfolio Geld verdient. Um sein Vermögen in einer Krise zu schützen oder zu vermehren, kann man gelegentlich auch auf fallende Kurse setzen.

Trotzdem, Herr Homm, das ist vielleicht schön und gut, aber etwas zu abstrakt für mich. Was machen Sie denn konkret Christliches oder Menschliches?

Florian Homm: Besten Dank für diese Frage, denn die meisten Medien kümmern sich nicht um diese weniger spektakulären, menschlichen Themen. Ich bin in zwei gemeinnützigen Vereinen tätig: Our Lady’s Message Of Mercy Society e.V. (www.olmoms.org) und Thallion (www.thallion.de). Des Weiteren haben wir zwei christliche Bücher verlegt. Eines – “Die Botschaften der Barmherzigkeit der Jesusmutter Maria für die Welt” – hat sich zum Amazon-Bestseller entwickelt. Das hätte ich mir vor zehn Jahren, als damaliger Diener Mammons, nie erträumen können.

Nach einem Sinneswandel stellt Florian Homm sein soziales Engagement in den Vordergrund (Bild: Florian Homm)

Medial sind Sie ja zumindest verurteilt und genießen wirklich nicht den besten Ruf am Finanzplatz. Wie stehen Sie dazu?

Florian Homm: Über zwei Jahrzehnte war ich der meist prämierte deutsche Hedgefonds-Manager und das ist messbar und bestens belegt. Es ist viel wichtiger, dass ich das tue, an das ich glaube, als irgendwelchen Medien zu gefallen. Ich achte nie darauf, was Unternehmen oder Menschen sagen. Mich interessiert nur, was sie tun. Erst dann bilde ich mir meine eigene Meinung. Mir geht es um Fakten und nicht Wahrnehmungen. Wenn Sie zu tief im System stecken, können Sie sich keine freie Meinung leisten. So bin ich geschaffen. Einen Beliebtheitswettbewerb werde ich niemals gewinnen. Das ist in meinem Metier auch nicht erstrebenswert.

Die Bild schrieb über sie “Milliarden-Betrüger arbeitet für Putin TV”? Stimmt das?

Florian Homm: Mir wird für die Jahre 2004 bis 2007 konspirative Kursmanipulation und so einiges anderes vorgeworfen. Seit zehn Jahren gibt es nicht einmal eine Anklage. Warum eigentlich nicht? Für RT arbeite ich sehr gerne. Meine historischen Auseinandersetzungen mit staatsnahen russischen Unternehmen und Oligarchen sind recht gut dokumentiert. Dass RT Deutschland mich trotzdem engagiert hat, spricht für die Organisation. Was meine Rechtslage betrifft, bin ich strafrechtlich weder verurteilt noch angeklagt. Auch das wird sich eines Tages so oder so klären. Bis dahin mache ich mir darüber so wenig Gedanken wie möglich, weil ich dieses Thema sowieso nicht wesentlich beeinflussen kann.

Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass Sie für einen “Propagandasender” arbeiten?

Florian Homm: David Stockman, der ehemalige Budget Director von Ronald Reagan, Kongressabgeordnete und renommierte Wall-Street-Banker, sagte zu Russia Today, dass die Berichterstattung wesentlich “fundierter, kritischer und sachlicher ist als die der großen Mainstream-US-Medien, die größtenteils amerikanischen Konglomeraten gehören”. Meine Beiträge wurden noch nie in Frage gestellt oder inhaltlich zensiert. Bei den öffentlich-rechtlichen Programmen gibt es schwarze Listen. Hier werden kritische und sehr unbequeme Persönlichkeiten mit kontroversen Stellungnahmen bewusst ausgeschlossen. An dem Tag, an dem RT mir sagt, was ich zu sagen und nicht zu sagen habe, kündige ich.

Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?

Florian Homm: Ich bin mir sicher, dass wir noch wesentlich mehr Aufklärung und Wissen im Finanzwesen für Wissensbegierige und Querdenker vermitteln müssen. Vier Bücher haben wir zu diesen Themen veröffentlicht auch zum Thema leer Verkaufen (Short Selling) und Value Investing. Um diese Wissenspalette abzurunden, werden wir wahrscheinlich nächstes Jahr die Investment Master Society lancieren. Hier geht es darum, in den wesentlichen Finanz- und Wirtschaftsthemen ein verständliches Wissen zu vermitteln. Als “Novize” möchte ich, dass wir die Botschaften der Jesusmutter auch noch auf Spanisch und Französisch veröffentlichen. Wir wollen zudem mehr Spenden einsammeln und diese behinderten Kindern und Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen zukommen lassen. Ansonsten wäre ich dankbar, wenn meine Prozesse, so oder so, nächstes Jahr zum Abschluss kommen. Mehr als ein Jahrzehnt medial verurteilt zu sein, macht mein Privat- und Berufsleben nicht gerade einfach.

Herr Homm, wir bedanken uns für das Gespräch.