Im Interview erklärt Signal-Iduna-Chef Leitermann seinen Standpunkt im Jagdfeld-Prozess. Klar ist: Er ist sich seiner Sache sicher.

Im Interview erklärt Signal-Iduna-Chef Leitermann seinen Standpunkt im Jagdfeld-Prozess. Klar ist: Er ist sich seiner Sache sicher.

Ulrich Leitermann verpasst am Freitagmorgen ein Richtfest in Dortmund. Der Vorstandsvorsitzende der Signal-Iduna-Gruppe muss als Beklagter vor Gericht erscheinen und sich einer fast fünfstündigen Befragung unterziehen – zum zweiten Mal in dieser Woche. Der Grund: eine Klage des Gründers des legendären Hotels Adlon in Berlin. Anno August Jagdfeld, langjähriger Fondsunternehmer, wirft Leitermanns Versicherung eine Rufmordkampagne vor und fordert eine Milliarde Euro. Es ist der letzte Tag der Beweisaufnahme. Im Interview im Café gegenüber des Dortmunder Landgerichts bezeichnet der Vorstandschef die Vorwürfe für „haltlos“ – und hält sich mit seiner Kritik an Jagdfeld nicht zurück.


Herr Leitermann, lassen Sie sich eigentlich lieber von Richtern oder von Journalisten befragen?
Das ist eine gemeine Frage. Aber ich lasse mich gerne von sachkundigen Journalisten befragen, wenn sie neutral und um Objektivität bemüht sind.

Der Initiator des Adlon-Fonds, in den sie fünf Millionen Euro investiert haben, wirft Ihnen vor, Sie hätten eine Rufmordkampagne gegen ihn geplant.
Davon kann überhaupt keine Rede sein. Es hat sich niemand aus der Signal Iduna Gruppe jemals negativ öffentlich zu Herrn Jagdfeld geäußert. Das hat auch die Beweisaufnahme gezeigt.


Im Fall geht es ja vor allem um eine Anlegerschutzgemeinschaft und deren Anwalt Thomas Fritsch. Warum sind Sie beigetreten?
Herr Jagdfeld hat 2008 als Geschäftsführer des Adlon-Fonds auf Pachtzahlungen verzichtet, zugunsten einer Gesellschaft seiner Familie. Aus den Gesamtumständen haben wir pflichtwidriges Verhalten vermutet. Herr Jagdfeld hat nach unserer Auffassung keine belegten Anstrengungen unternommen, nach dem Zahlungsausfall einen anderen Pächter zu suchen. Er hat im Ergebnis vier oder fünf Jahre auf die Pacht und zeitweise sogar auf die Betriebs- und Nebenkosten verzichtet. Da ist es doch logisch, dass man das kritisch hinterfragt. Auch, um die Vorgänge möglichst kostengünstig prüfen zu lassen, sind wir dann der „Schutzgemeinschaft der Adlon-Anleger“ beigetreten.

Sie sprechen von der Nobeldiskothek „Felix“ auf der Südseite des Adlon-Gebäudes, die von Jagdfelds Sohn betrieben wurde.
Wir haben ihn damals darauf angesprochen und gefragt, welche Maßnahmen er unternommen hat. Denkbar wäre etwa, einen anderen Pächter zu suchen, der vielleicht immerhin einen Teil der Pacht zahlt. Herr Jagdfeld behauptet, der Pachtverzicht sei alternativlos gewesen. Nachvollziehbar nachgewiesen hat er das bis heute nicht. Mit dem Beitritt zur Schutzgemeinschaft wollten wir diese Umstände aufklären.

Herr Fritsch, der inzwischen verstorbene Anwalt der Schutzgemeinschaft, hat Jagdfeld damals wüst beschimpft: Er forderte öffentlich ein „Jagdfeld-freies Adlon“, bezichtigte ihn der „Untreue vor laufender Kamera“ und drohte, „Jagdfeld und seine Entourage zu entsorgen“. Bereuen Sie, dass Sie ihn damals beauftragt haben?'
Fritsch stand damals in Kontakt mit einem Verwaltungsratsmitglied des Fonds und hatte bereits mehrere Anleger hinter sich. Er hatte nachgewiesen, dass er mit der Thematik vorbefasst war. Da schien es uns opportun, der Schutzgemeinschaft beizutreten. Die Äußerungen kamen erst später. Die zitierte Wortwahl ist selbstverständlich nicht mal ansatzweise akzeptabel.

Warum haben Sie ihn da nicht gestoppt?
Ich habe die Rundschreiben von Herrn Fritsch, in denen er diese Dinge äußerte, zur damaligen Zeit nicht gekannt. Erst im Rahmen dieses Verfahrens habe ich davon erfahren. Sehen Sie, wir reden hier bei der Adlon-Beteiligung von weniger als 0,01 Prozent unseres Gesamtportfolios an Kapitalanlagen.

Ihre Mitarbeiter haben auch nichts davon mitbekommen?
Wir sind ein seriöses Haus und arbeiten sehr sorgfältig. Sie können nicht immer noch einen fünften und sechsten und siebten Prüfungsgang draufsetzen. Der Mitarbeiter, der damals dafür verantwortlich war, ist inzwischen im Ruhestand. Er war ein absolut sorgfältiger und zuverlässiger Mitarbeiter, Rechtsanwalt und Steuerberater. Er hatte ein Portfolio von 2,7 Milliarden Euro mit einer relativ kleinen Mannschaft zu verwalten, die Adlon-Beteiligung mit fünf Millionen war eine von vielen. Ich kenne ihn seit mehr als 16 Jahren. Der hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Der hat immer souverän und sauber gearbeitet.

Warum haben Sie überhaupt ins Adlon investiert? Der Fonds galt schon bei seiner Auflage in den Neunzigern eher als Liebhaberprojekt.
Entscheidend war die Immobilie selbst, also das Hotel Adlon, und der Standort. Das ist eine exzellente Lage in Berlin, besser geht es nicht. Dort Anteile an einem Fünf-Sterne-Plus-Hotel zu haben, in der Bundeshauptstadt… Das schien uns so attraktiv zu sein, dass wir uns darauf eingelassen haben. Bei einer ordnungsgemäßen Geschäftsführung kann da ja nichts schiefgehen.

Herr Jagdfelds Geschäftsführung war nicht ordnungsgemäß? Anzeigen gegen ihn wegen Untreue sind gescheitert – auch Ihre.
Wo Familienangehörige untereinander Geschäfte machen, gilt ein besonderes Augenmerk. Immer, wenn es zu Unregelmäßigkeiten kommt, taucht doch die Frage auf: Tut das jemand im Interesse seiner Familie? Herr Jagdfeld wirft uns jetzt vor, was er selbst gerade tut: Wir haben damals unsere rechtlichen Instrumente ausgenutzt, um Aufklärung zu erreichen.

Dass Herr Jagdfeld gerne Unternehmen seiner Familienmitglieder beschäftigt, stand schon so im Fondsprospekt.
Da stand aber nicht, dass man mit Familienmitgliedern gegebenenfalls einen Pachtverzicht vereinbart.

Im Adlon-Fonds sind ja noch andere institutionelle Investoren engagiert. Warum hat keiner so reagiert wie die Signal Iduna?
Ich kenne die Investoren und ihre Arbeitsweise nicht und weiß auch nicht, wer wie reagiert hat. Für uns gab es dieses Vorgehen, weil wir gegenüber unseren Kunden verpflichtet sind. Uns stehen Gelder treuhänderisch zur Verwaltung. Wir hatten den Verdacht pflichtwidrigen Verhaltens durch Herrn Jagdfeld – da hatten wir keine Alternative.

Obwohl die Beteiligung so unbedeutend war?
Das spielt dabei keine Rolle.

Haben Sie vor Ihrem Beitritt mögliche Haftungsfragen klären lassen?
Wir haben langjährige Mitarbeiter in diesen wesentlichen Positionen, die absolut fachkundig sind und über jeden Zweifel erhaben. Und in genau dieser Weise haben die auch ihre Aufgaben erfüllt. Wir haben nicht irgendeinen x-beliebigen Anwalt beauftragt, sondern eine bekannte Sozietät, die auch heute noch für Seriosität spricht. Wir hatten damals keine Veranlassung, Haftungsfragen zu klären.

Mehr hätten Sie nicht tun können?
Wir können die Frage ja einmal andersherum stellen: Warum hat Herr Jagdfeld denn nicht getan, was er hätte tun können?

Wir fragen ja nun Sie.
Ich will Ihnen ja auch meine Sicht der Dinge darlegen und Sie bitten, den Blick andersherum zu richten. Anlegerschutzgemeinschaften gibt es in der Republik ziemlich viele. Wenn das Beispiel von Herrn Jagdfeld Schule macht, dann tritt kein Mensch mehr einer Schutzgemeinschaft bei.

Sie sollen die Schutzgemeinschaft gegründet haben, um Jagdfeld fertigzumachen.
Wir haben die Schutzgemeinschaft nicht gegründet und der Beitritt erfolgte auch nicht, um Herrn Jagdfeld fertig zu machen. Ich bitte Sie: Wir sind doch nicht daran interessiert, Gerichtsprozesse zu führen und Strafanzeigen einzureichen. Das alles hat sich darauf begründet, dass Herr Jagdfeld die Unterlagen nicht offengelegt hat. Insofern muss er sich die Dinge selbst zuschreiben. Es wird immer so getan, als ob er das Unschuldslamm wäre.

Aber halten Sie es nicht mit Ihren Unterlagen genauso? Die Gegenseite wirft Ihnen im Prozess auch vor, dass Sie Dokumente zurückgehalten hätten.
Wir haben im Gegenteil heute Schriftstücke vorgelegt, die eindeutig nachweisen, dass wir die Schutzgemeinschaft nicht gegründet haben. Bei dem Dokument, von dem Sie sprechen, ist es so: Die Sache schien uns nicht relevant – und am Ende hat sie sich ja auch in Luft aufgelöst. Wir können belegen, dass wir nicht Gründungsmitglied waren.


Jagdfeld spricht von Prozessbetrug und zieht den Vergleich zum Verfahren Leo Kirch gegen die Deutsche Bank. Auch da gab es Schwierigkeiten mit Dokumenten.
Ich sehe diese vermeintlichen Parallelen überhaupt nicht. Bei der Deutschen Bank hat nach meiner Kenntnis der damalige Vorstandsvorsitzende (Rolf Breuer) sich vor laufenden Kameras  zur Bonität von Leo Kirch geäußert. Der  Vergleich  ist aber aus meiner Sicht völlig absurd. Bei uns hat nie jemand etwas Negatives über Herrn Jagdfeld in der Öffentlichkeit gesagt.

Im Fall Kirch haben sich die Beteiligten nach einer langen Prozessschlacht geeinigt. Der Richter hat Ihnen heute ebenfalls empfohlen, sich zu vergleichen – und Rückstellungen zu bilden. Ist das eine Option?
Ich habe die Worte des Richters sehr wohl vernommen. Zu einem Vergleich werden wir uns im Moment nicht äußern.

Und die Rückstellungen?
Auch das habe ich gehört und verstanden. Wir haben ordnungsgemäß testierte Jahresabschlüsse der letzten Jahre und werden jetzt nach sieben Tagen Beweisaufnahme mit unseren Wirtschaftsprüfern sehen, wie wir damit verfahren. Aber es geht hier um eine Feststellungsklage, das heißt, es geht noch überhaupt nicht um irgendeine Schadenhöhe. Und wir gehen fest davon aus, dass wir diesen Prozess gewinnen.

Herr Leitermann, vielen Dank für das Gespräch.