Interview: "Alle Zutaten für eine neuen Krieg im Nahen Osten sind da"

Zur aktuellen Krise im Libanon und dem Nahen Osten haben wir mit Hasni Abidi gesprochen. Er ist Politologe und Leiter des Zentrums für Studien zur arabischen Welt und dem Mittelmeerraum (CERMAM) in Genf.

Audrey Tilve, euronews

Viele glauben, Saudi-Arabien habe Saad Hariri zum Rücktritt gezwungen. Hariri ist Sunnit und hat sowohl die libanesische als auch die saudische Staatsbürgerschaft. Er ist Riad sehr verbunden. Inwiefern könnte sein Rücktritt saudischen Interessen dienen?

Hasni Abidi, Arabien-Experte

Saudi-Arabien, dessen Ton sich mit der neuen Führung klar gewandelt hat, steckt in einem schweren Konflikt mit dem Iran und der Hisbollah. Die Hisbollah spielt im libanesischen Parlament und der libanesischen Regierung eine wichtige Rolle. Sie ist ein wichtiger Verbündeter des Iran, und Saudi-Arabien möchte die Hisbollah nun bestrafen und ihr ihren Anteil an der Macht nehmen. Der Rücktritt Saad Hariris und die Tatsache, dass dieser Rücktritt in Riad verkündet wurde, ist eine starke Botschaft an die Hisbollah, die Libanesen, aber auch an den Iran. Vielleicht wurde Sadd Hariri erpresst, denn er ist der mächtige Mann im Libanon, aber auch der Mann der Saudis.

Der Libanon zahlt der Preis für den saudisch-iranischen Machtkampf

euronews

Wird Libanon nun zwischen den beiden Hauptgegnern, dem Iran und Saudi-Arabien, aufgerieben, deren Kampf um die Vorherrschaft in der Region immer brutaler wird, wie man in Syrien und im Jemen sieht?

Hasni Abidi

Der Libanon ist die Geisel der Feindschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, die sich einen Stellvertreterkrieg liefern. Die Saudis haben Triumphe der Iraner nie akzeptiert, die ja nach Syrien, in den Jemen, den Libanon und jetzt den Irak gelangt sind. Mit dem Irak ist des Teheran gelungen, diesen schiitischen Bogen aufzuspannen, den die sunnitischen Saudis fürchten. Der Libanon zahlt heute den Preis dieses Kampfes um Einfluss zwischen zwei Regionalmächten.

euronews

Droht Libanon im Chaos zu versinken?

Hasni Abidi

Der Rücktritt Saad Hariris gefährdet das zerbrechliche Gleichgewicht. Die Folgen könnten schwerwiegend sein, sowohl für den Libanon als auch dessen Nachbarländer.

euronews

Viele Libanesen haben von diesen Machtspielen, den ganzen Intrigen, genug. Werden sie von den Politikern und den zivilgesellschaftlichen Akteuren in ihrem Land überhaupt gehört?

Hasni Abidi

Die Libanesen sind sich der Komplexität der aktuellen Krise im Land durchaus bewusst und sie möchten, dass der Libanon den regionalen Mächten gegenüber und den Krisen in der Region eine neutrale Position einnimmt. Es gab einen regelrechten Ruck bei den Libanesen, egal welcher Konfession, und sie sagen: wir wollen keine neue Krise, die auch noch vom Ausland aufgezwungen ist. Die Forderung nach der Rückkehr Hariris zeigt, dass die Menschen fordern, dass Fragen, die den Libanon betreffen auch im Libanon verhandelt werden, ohne schädliche Einmischung anderer Länder in der Region.

Droht ein neuer Krieg im Nahen Osten

euronews

Die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran nehmen zu. Auch Israel, ein eiserner Gegner Teherans, ist betroffen. Glauben Sie in diesem Zusammenhang, dass wir gerade die Anfänge eines neuen Kriegs in der Region erleben?

Hasni Abidi

Im Nahen Osten sind derzeit ganz klar alle Zutaten für neue und möglicherweise militärische Auseinandersetzungen vorhanden, und der Libanon könnte eventuell den Preis für diesen Konflikt, diese Spannungen, zahlen müssen. Israel wiederum will, dass die Saudis die Arabische Liga kommenden Sonntag dazu bringen, drastische Maßnahmen gegen die Hisbollah und den Iran zu ergreifen, und auch eine Auseinandersetzung zwischen der Hisbollah und Israel ist möglich. Deshalb wollen die Libanesen, dass die internationale Gemeinschaft dabei hilft, einen Ausweg aus dieser Krise zu finden.

Website des CERMAM

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