Interview mit Al Gore: "Ich dachte, Donald Trump wäre zur Vernunft gekommen"

Der ehemalige US-Vizepräsident über den Klimawandel und das Gefühl zu versagen.

Wie knapp 70 wirkt Al Gore nicht, aber stämmiger und grauhaariger sieht er doch aus, wie er da in einem schicken Besprechungszimmer des Hotel Adlon auf der Couch sitzt. Er ist hier, um über den zweiten Teil seiner Klimawandel-Dokumentation – „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ – zu sprechen. Der Ex-Politiker und Umweltaktivist trägt dunklen Anzug mit Krawatte, dazu aber verschnörkelte Cowboystiefel. „Die sind über 30 Jahre alt“, erklärt er, darauf angesprochen, und lacht. „Es sind meine bequemsten Schuhe, also trage ich sie immer auf langen Reisen.“

Davon hat er in den letzten Jahren viele gemacht, wie man auch im Film sieht – die Stiefel trägt er aber nur bei Szenen aus den Hinterzimmern der Klimagipfel und auf den Podien, von denen er über Ursachen und Folgen der Erderwärmung spricht. In der schmelzenden Arktis und in Überflutungsgebieten Amerikas trägt er wetterfestes Schuhwerk. Im November kommt Gore wieder nach Deutschland: nach Bonn, zur nächsten großen Klimakonferenz. Gefragter Gesprächspartner bleibt man eben, wenn man mal der 45. Vizepräsident der USA war – so wie man diesen Titel immer behält.

Mr. Vice President, wir würden mit Ihnen gern über Versagen sprechen.

Okay.

Im neuen Film sagen Sie, Sie haben manche Rückschläge in der Klimapolitik als persönliches Versagen empfunden. Klingt ganz schön vermessen. Wann war das denn?

Als ich mich dem Kampf gegen den Klimawandel gerade mit Leib und Seele verschrieben hatte, dachte ich, dass die Lösungen dafür schneller kommen, als sie kamen. Dann hatte ich das Gefühl, darin versagt zu haben, fachkundig und klar vor den Gefahren zu warnen. Ich fragte mich: Wären wir schneller vorangekommen, wenn ich meinen Job besser gemacht hätte?

Da waren Sie junger Senator in Washington. Sehen Sie es heute, mit fast 70, gelassener?

Das nicht. Aber je älter ich wurde, desto mehr sah ich den großen Zusammenhang. Ich denke, dass wir uns in eine gute Richtung bewegen. Wie der Ökonom Rudi Dornbusch sagte: „Es dauert länger als man will, bis etwas passiert. Aber dann passiert es schneller, als man dachte, dass es ginge.“

Schon vor elf Jahren warnten Sie in Ihrem ersten Film vor dem Klimawandel. Kommt nun die Fortsetzung, weil keiner auf Sie hörte – und der CO2 -Ausstoß weiter stieg?

Viele unserer Warnungen traten seither ein, wie die vom Klimawandel ausgelösten Extremwetter-Ereignisse. Dazu gehören Hitzewellen wie jüngst in Südeuropa, Starkregen und Überschwemmungen. Darum geht es heute weniger darum, den Menschen die Augen zu öffnen. Da hat sich Mutter Natur als überzeugender erwiesen. Es ist wichtiger, die Klimaschutz-Bewegung zu stärken.

In den USA hat die Bewegung einen heftigen Rückschlag erlitten: Mit Trump wurde jemand Präsident, der den wissenschaftlichen Fakt leugnet, dass der Ausstoß von Treibhausgasen zur Erderwärmung führt.

Aber Sie kennen das physikalische Gesetz: Auf jede Aktion folgt eine Reaktion. Die Reaktion auf Trump ist sehr stark, die Klimaschutzbewegung steht in den USA kurz davor, den Kampf zu gewinnen. Bei solchen Revolutionen – von der Abschaffung der Sklaverei bis zur Gleichberechtigung – gab es immer so lange erbitterten Widerstand, bis klar wurde: Hinter all den falschen Argumenten steckt am Ende die simple Wahl zwischen richtig und falsch. Wenn das klar ist, kommt der Wandel sehr schnell. Und da stehen wir jetzt: Wirtschaftlich setzen sich die Öko-Energien längst durch, die Solarbranche wächst in den USA 17 Mal so schnell wie die Wirtschaft insgesamt. Dazu die energetische Sanierung, die Einführung von LED-Beleuchtung, Hunderte Effizienzverbesserungen – es ist...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung