Interne Verhöre, Abmahnung, Versetzung: Eine Gerichtsakte zeigt, wie der NDR mit einem Mitarbeiter umging, der die Senderleitung kritisiert hatte

 - Copyright: Axel Heimken/picture alliance/Getty Images
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Es fehlt an „Vertrauen und Gerechtigkeit“ im Norddeutschen Rundfunk in Schleswig-Holstein, hielt die Freiburger Forschungsstelle für Arbeitswissenschaften Ende 2018 in einem Bericht fest. Monatelang hatten die Experten mit dem sogenannten „Copenhagen Psychosocial Questionnaire“ (COPSOQ) die Mitarbeiter befragt, um ihre psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz, also beim NDR, zu ermitteln. Wenig berauschend fielen die anonymen Antworten demnach in der Abteilung „Politik und Recherche“ im Landesfunkhaus in Kiel aus.

Wochen nach dem kritischen Befund lud die Abteilungsleiterin Julia Stein ihre Mitarbeiter zu einer internen Besprechung ein. In offener Atmosphäre sollten sie die Gelegenheit bekommen, ihre dringenden Fragen an den Funkhaus-Direktor Volker Thormählen persönlich zu stellen. Fast eine Stunde lang, so berichten es heute mehrere Teilnehmer, habe die Besprechung damals vor sich hingeplätschert. Dann habe Patrik Baab das Wort ergriffen, ein renommierter Investigativ-Journalist und Buchautor. Mit dem preisgekrönten Filmemacher Stephan Lamby etwa dokumentierte er das Rätsel um den Tod von Uwe Barschel. Nun stellte Baab bei der internen Sitzung in Kiel die Strukturen, Abläufe und den Rückhalt des Führungspersonals infrage. Es fehle nicht nur an Unterstützung, so Baab, er fühle sich in seiner Arbeit behindert: Thormählen habe schon einmal in eine Recherche eingegriffen und ihn aufgefordert, eine bestimmte politische Position stärker in der Berichterstattung abzubilden.

Vom 5. Februar 2019, dem Tag, an dem Baab die Hausleitung auf offener Bühne attackierte, dürfte man sich noch heute auf den Fluren der Abteilung "Politik und Recherche" erzählen. Denn die knallharte Reaktion des NDR auf die Wortmeldung des Mitarbeiters in einer internen Sitzung sollten das "Klima der Angst" prägen, von dem mittlerweile alle sprechen. Vor einer Woche enthüllte Business Insider vertrauliche Ermittlungsberichte des Redaktionsausschusses aus dem vergangenen Jahr. Demnach hatten sich mehrere Mitarbeiter unter Zusicherung ihrer Anonymität an das interne Gremium gewandt, um die toxische Atmosphäre in der Redaktion und eine "politische Einflussnahme" zu beklagen. Die massiven Vorwürfe rütteln nicht weniger als an der journalistischen Unabhängigkeit des Norddeutschen Rundfunks in Schleswig-Holstein.

Der NDR weist dies entschieden zurück. Bis die Aufklärung, die mittlerweile vehement von der Belegschaft eingefordert wird, abgeschlossen ist, ließen sich die verantwortlichen Führungskräfte in Kiel, Julia Stein und Chefredakteur Norbert Lorentzen, aber vorerst von ihren Aufgaben entbinden. Funkhaus-Direktor Thormählen sieht dagegen keinen Anlass, sein Amt vorerst ruhen zu lassen. In einem "Open talk", einer virtuellen Konferenz mit den Mitarbeitern, betonte er vor ein paar Tagen, dass die anonymen Schilderungen nicht dem tatsächlichen Bild seines Hauses entsprächen. Seine Tür stehe immer offen, sprach Thormählen in die große Runde. Und niemand, der Kritik offen übe, müsse Nachteile befürchten.

Mehr als 100 Seiten an internen Akten zum Fall Baab, die Business Insider vorliegen, hinterlassen allerdings Zweifel an diesem Versprechen. Sieben Tage vergingen nach der kritischen Wortmeldung Baabs, bis ihm die Personalverwaltung des NDR anschrieb und zu einem Gespräch zitierte. "Dabei wollen wir auch herausfinden, ob es für die von Ihnen erhobenen Behauptungen Belege gibt", heißt es in dem Brief vom 11. Februar 2019 an den einst gefeierten und prämierten Mitarbeiter. Da Baab selbst als Vertrauensperson der Schwerbehinderten tätig sei, dürfe er seinen Stellvertreter mitbringen.

Der Journalist reagierte zunächst schriftlich – und überrascht: "Im Vertrauen darauf, dass eine offene Diskussion mit Herrn Thormählen ausdrücklich erwünscht war, habe ich mich zu Wort gemeldet." Baab habe in der internen Besprechung lediglich seine persönlichen Eindrücke von einem Treffen am 29. Mai 2017 wiedergegeben, schreibt er an die Personalverwaltung. Damals habe der Journalist in einer Rocker-Affäre recherchiert, bei der es unter anderem um Mobbing-Vorwürfe gegen die Polizeiführung ging. Laut einer Gesprächsnotiz, die er damals angefertigt habe, bestellte Thormählen Baab zu einem Gespräch mit dem damaligen Fernsehchef Norbert Lorentzen und der Abteilungsleiterin Julia Stein ein.

Bei dem damaligen Treffen, so zeichnete es Baab vom NDR unwidersprochen auf, soll Thormählen erklärt haben, den Landespolizeidirektor Ralf Höhs gut zu kennen. Mit dem Beamten habe es einen "regen SMS-Verkehr" zur Berichterstattung des NDR gegeben. "Volker Thormählen erläuterte mir in zehn Punkten, welche Kritik der damalige Landespolizeidirektor Ralf Höhs und der damalige Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, Jörg Muhlsack, an einem Film aus der Vorwoche geübt hatten", fasst Baab in dem Schreiben an die Personalverwaltung das damalige Treffen mit dem Führungstrio in Kiel zusammen. "Herr Thormählen ergänzte mit dem Hinweis, diese Überlegungen stärker zu berücksichtigen."

In seinem damaligen Gesprächsvermerk notierte Baab, dass Thormählen die Vorwürfe gegen die Polizeiführung für eine "Kampagne" des Oppositionspolitikers Patrick Breyer (Piratenpartei) halte. Er habe das Gefühl, ein "Kopf soll rollen". Der NDR solle sich daran nicht beteiligen, sondern "das ganze Bild" zeichnen. Laut Vermerk erklärte der Journalist, dass er anhand von Akten die Vorbehalte der Polizeiführung widerlegen könne und stets ausgewogen berichtet habe. Baab äußerte demnach bereits in dem Gespräch im Mai 2017 seine Verwunderung über die Intervention des Direktors.

Der pikante Hintergrund: Im Funkhaus war es schon damals ein offenes Geheimnis, dass Thormählen der CDU von Ministerpräsident Daniel Günther zugewandt war. Mit dem ebenfalls unionsnahen Landespolizeidirektor Höhs verband ihn eine lange Beziehung und schlechte Erfahrungen mit dem ehemaligen Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU). Laut Presseberichten verurteilte ein Gericht Thormählens Bruder 2014 wegen Betrugs, nachdem ihn Grote, damals Oberbürgermeister von Norderstedt, belastet hatte. Nachdem Grote Mitte 2017 zum Innenminister aufgestiegen war, räumte er in der Polizeiführung auf, servierte Beamte ab – darunter Thormählens Bekannten, den Landespolizeidirektor Höhs.

In seinem Schreiben an die NDR-Personalverwaltung schlug Baab aber versöhnliche Töne an. Mit den Schilderungen über das Gespräch zwischen ihm und Thormählen habe er den Direktor in der internen Sitzung nicht persönlich angreifen wollen. Es sei ihm bei seinem Redebeitrag nur darum gegangen, herauszufinden, ob er als Redakteur bei kritischer Berichterstattung künftig auf den Rückhalt der Hausführung zählen könne. "Sollte dabei der Eindruck entstanden sein, ich hätte Herrn Thormählen zu nahe treten wollen, so bin ich bereit, ihn in geeigneter Weise um Verzeihung zu bitten."

Diese Klarstellung reichte dem NDR aber nicht aus, um den Fall auf sich beruhen zu lassen. Aus Sicht des Senders hatte Baab den Direktor mit seinen Äußerungen beschuldigt, gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstoßen zu haben. Und das sei eben keine Petitesse. Zudem könnten die Gesprächsnotizen von Baab den weitreichenden Verdacht auch nicht belegen. Wie aus den Akten hervorgeht, legte der Sender nach langem Hin und Her Baabs Anwalt eine vorformulierte Erklärung vor. Der Journalist habe behauptet, Thormählen habe mit seinem Eingreifen eine "Recherche behindert bzw. verhindert" und verlangt "im Sinne der Landesregierung" zu berichten, heißt es in dem Textentwurf. Und weiter: "Diese Äußerungen nehme ich zurück. Ein solches Eingreifen von Volker Thormählen ist nicht erfolgt, ich wurde in meiner Recherche nicht behindert und es wurde auch nicht von mir verlangt, im Sinne der Landesregierung zu berichten."

Für den Fall, dass Baab das Papier bis zum Auslaufen einer Frist unterschreibt, bot der NDR an, es bei einer Ermahnung zu belassen, "die nach 18 Monaten wieder aus seiner Personalakte genommen wird". Das Angebot schlug Baab allerdings aus. Sein Anwalt schrieb in einer Reaktion, er habe den Eindruck, "dass bei dem Aufwand, wie er jetzt auch Ihrerseits bzw. hier im Funkhaus in Kiel betrieben wird, eine nach außen wirkende Maßnahme (...) erachtet wird". Arbeitsrechtliche Schritte halte er angesichts der Sachlage aber für falsch.

Drei Wochen später bekam Baab Post vom NDR. Darin sprach der Sender eine offizielle "Abmahnung" aus. „Mit ihrem Verhalten haben Sie gegen ihre arbeitsvertragliche Nebenpflicht verstoßen“, heißt es in dem Schreiben vom 24. April 2019. „Denn diese beinhaltet eine Rücksichtnahmepflicht gegenüber Kollegen, aber auch Ihren Vorgesetzten. Dazu gehört auch, dass Sie Ihrem Vorgesetzten nicht unzutreffend vorwerfen, er habe eine unabhängige Berichterstattung nicht zugelassen.“ Und weiter: Sollte Baab "derartige unwahre Aussagen" weiter tätigen, müsse er "mit weitergehenden arbeitsrechtlichen Maßnahmen bis hin zu einer Kündigung" rechnen.

Im Juni 2019 verklagte Baab den NDR vor dem Arbeitsgericht Kiel (Az. 4 Ha 13/19), verlangte dort die Abmahnung zu widerrufen und aus der Personalakte streichen zu lassen. Auch seine Versetzung sei rechtswidrig und müsse aufgehoben werden. Brisant: In der Klageschrift wies der Anwalt auch auf fragwürdige Methoden hin, die Thormählen und andere im Zuge der Auseinandersetzung gegen seinen Mandanten angewandt hätten. "Nach Erkenntnissen des Klägers" seien alle Teilnehmer der umstrittenen Redaktionskonferenz in ein "Sondergremium" zitiert worden, um ihre Wahrnehmung der damaligen Sitzung zu überprüfen. Dabei habe es "bohrende Fragen" gegeben, die "wenn die Belastungstendenz der Aussagen nicht deutlich genug war, in eine ständige Wiederholung dieser Fragen mündete", heißt es in der Klageschrift. Auf Anfrage von Business Insider bestätigten mehrere Betroffene dieser Befragung eine bedrückende Atmosphäre.

Auf die Vorwürfe in der Klage ließ sich der NDR inhaltlich zunächst nicht ein, befürwortete in einem Schriftsatz lediglich ein "Mediationsverfahren". Das Ergebnis lag im September auf dem Tisch: Laut Gerichtsprotokoll schlossen Baab und der NDR einen vertraulichen Vergleich. Darin verpflichtete sich Baab künftig nicht zu wiederholen, dass Thormählen Recherchen behindert oder verhindert habe. Im Gegenzug nahm der NDR die Abmahnung zurück. Allerdings kehrte Baab auch danach nie wieder an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Stattdessen widmete er sich verstärkt seiner Aufgabe als Vertrauensperson der Schwerbehinderten. Mittlerweile gilt für ihn eine Ruhestandsregelung.

Business Insider konfrontierte den NDR am Dienstag mit den Recherchen zum Fall Baab. Am Mittwoch Nachmittag erklärte der Sender, dass die Frist für die 23 Fragen zu kurz bemessen sei, da es sich um einen arbeitsrechtlich relevanten Vorgang handele, der datenschutzrechtliche Implikationen mit sich bringe und obendrein lange zurückliege. Die Sprecherin kündigte an, sich melden zu wollen. Bis zum Erscheinen dieses Artikels erreichte uns keine Stellungnahme.

Auch Baab äußerte sich nicht. Sein Anwalt schrieb: "Mein Mandant möchte sich derzeit dazu nicht äußern. Der Sachverhalt spricht für sich." Nur soviel: Seinem Gedächtnisprotokoll der Besprechung mit Volker Thormählen im Mai 2017 habe er in dem gerichtlichen Vergleich "nicht widersprochen".

"An Baab wurde ein Exempel statuiert", sagt uns ein heutiger Mitarbeiter des NDR in Kiel. Und mit dieser Meinung steht er nicht allein. Tatsächlich hat es lange Zeit gedauert, bis sich im Landesfunkhaus Kiel wieder ein Journalist über die Beeinflussung seiner Berichterstattung beschwert hat. Wie Business Insider berichtete, wandte sich der freie Mitarbeiter Carsten Janz Mitte 2020 vertraulich an den Redaktionsausschuss und beklagte sich darüber, dass die Leitung ein exklusives Interview mit einem gerade zurückgetretenen Minister aus unverständlichen Gründen abgelehnt habe. Zufall oder nicht: Es ging um ein Interview mit Ex-Innenminister Grote.

Die Veröffentlichung des Falls sorgt seit Tagen für Wirbel beim NDR. Bei einer offenen Gesprächsrunde mit dem Programmdirektor Frank Beckmann meldete sich Janz zu Wort und schilderte, was er im Landesfunkhaus in Kiel erlebt habe. Ausgerechnet diese minutenlange Passage, bei der Beckmann zunächst versuchte, Janz zu unterbrechen, lässt sich im Intranet des Senders nicht mehr abspielen. Die NDR-Sprecherin erklärt das auf unsere Nachfrage so: "Wie bei jeder PC-Anwendung kann es durchaus vorkommen, dass lokale Applikationen bei starker Belastung auch mal fehlerhaft sein können."

Der NDR gab am Donnerstag bekannt, dass Landesfunkhaus-Direktor Volker Thormählen für einen Monat unbezahlten Urlaub nimmt. Thormählen habe das am Mittwochabend dem NDR-Intendanten Joachim Knuth vorgeschlagen, um sicherzustellen, "dass der Aufklärungsprozess von Personen verantwortet werden kann, die nicht persönlich betroffen sind", wie Knuth in einer Pressemitteilung des Senders erklärte.