Internationale Experten dürfen Blut von Skripal und Tochter untersuchen

Nach dem scharf formulierten Beschluss des EU-Gipfels zum Giftanschlag von Salisbury erwägen mehrere Mitgliedstaaten eigene Strafmaßnahmen gegen Russland. Dabei dürfte es nach britischem Vorbild vor allem um die Ausweisung russischer Diplomaten gehen

Ein britisches Gericht hat internationalen Chemiewaffenexperten die Untersuchung von Blutproben des vergifteten russischen Ex-Agenten Sergej Skripal und von dessen Tochter Julia gestattet. Ein britischer Richter erteilte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) am Donnerstag die entsprechende Erlaubnis. Unterdessen wurden erste Ergebnisse einer Untersuchung zur Todesursache des Exil-Russen Nikolai Gluschkow bekannt.

Der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März in der südenglischen Stadt Salisbury vergiftet worden. Die beiden befinden sich weiter im Koma im Krankenhaus, ihr Zustand wird von den Ärzten als ernst aber stabil bezeichnet. Ein ebenfalls zunächst schwer erkrankter Polizist, der der einer der ersten vor Ort eingetroffen war, konnte am Donnerstag das Krankenhaus wieder verlassen.

Die OPCW untersucht den Fall. Die Analyse wird nach Angaben der Organisation bis zu drei Wochen dauern. Richter David Williams urteilte, es sei "rechtmäßig", dass Ärzte den beiden Blut abnähmen, um dieses sowie "Kopien ärztlicher Notizen" der OPCW zur Verfügung zu stellen.

Der Richter befand, dass die Untersuchungen der OPCW im Sinne der derzeit nicht äußerungsfähigen Skripals seien. In der von der Justiz online veröffentlichten Entscheidung heißt es zudem, es sei noch nicht absehbar, welche Langzeitfolgen die Vergiftung auf den Gesundheitszustand der Opfer haben werde. Es sei nicht auszuschließen, dass sich ihr Zustand "schnell verschlechtert".

Die britische Regierung macht Russland für den Giftanschlag verantwortlich und geht davon aus, dass dabei ein Gift der Nowitschok-Gruppe aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. Russland weist dies von sich und bestreitet auch die Herstellung von Nowitschok.

Der Fall Skripal löste eine schwere Krise in den Beziehungen zwischen London und Moskau aus. Nachdem Großbritannien die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten angeordnet hatte, reagierte Russland mit einem entsprechenden Schritt.

Zum mysteriösen Tod des russischen Geschäftsmanns Nikolai Gluschkow wurde am Donnerstag in London eine gerichtliche Untersuchung der Todesursache eröffnet. Nach rechtsmedizinischen Untersuchungen gibt es Hinweise darauf, dass der Exil-Russe offenbar an den Folgen eines Zusammenpressens des Halses starb. Der 68-Jährige könnte folglich stranguliert worden sein. Die Londoner Polizei hatte am vergangenen Freitag Mordermittlungen eingeleitet.

Der Exilant, der in Großbritannien Asyl erhalten hatte, war am Montag tot in seinem Haus in London aufgefunden worden. Gluschkow war ein früherer Geschäftspartner des Unternehmers und Kreml-Kritikers Boris Beresowski, der 2013 unter ungeklärten Umständen nahe London gestorben war.

Die EU-Staats- und Regierungschefs wollen Großbritannien nach dem Giftanschlag von Salisbury ihre "uneingeschränkte Solidarität" zusagen, eine direkte Schuldzuweisung an Russland aber vermeiden. Im jüngsten Entwurf für die Abschlusserklärung des Brüsseler EU-Gipfels, der AFP am Donnerstag vorlag, verurteilen die EU-Chefs den Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergej Skripal "auf das Schärfste". Die 28 EU-Staaten machen sich aber nicht die Auffassung der britischen Regierung zu eigen, wonach Russland direkt für den Anschlag verantwortlich ist.

Stattdessen greift der Entwurf die Formulierung auf, auf die sich die EU-Außenminister bei ihrem Treffen am Montag verständigt hatten: Demnach nehmen die EU-Staats- und Regierungschefs die britische Einschätzung "äußerst ernst, dass es höchst wahrscheinlich ist, dass die Russische Föderation verantwortlich ist". Grund für den Verzicht auf eine direkte Schuldzuweisung an Russland ist der Widerstand von Ländern wie Griechenland und Italien, die im Umgang mit Russland auf einen weniger harten Kurs setzen.