International: River Plate vor dem Superclasico: Phönix aus dem Silberfluss

Auf den historischen und skandalträchtigen Abstieg des argentinischen Rekordmeisters River Plate in die zweite Liga im Jahr 2011 folgte eine märchenhafte Rückkehr bis an die Spitze des südamerikanischen Fußballs. Nun empfängt der Klub den ewigen Erzrivalen Boca Juniors (So., 22.05 Uhr live auf DAZN ) zum 368. "Superclásico" - einem der heißesten Derbys der Fußballwelt.

Auf den historischen und skandalträchtigen Abstieg des argentinischen Rekordmeisters River Plate in die zweite Liga im Jahr 2011 folgte eine märchenhafte Rückkehr bis an die Spitze des südamerikanischen Fußballs. Nun empfängt der Klub den ewigen Erzrivalen Boca Juniors (So., 22.05 Uhr live auf ) zum 368. "Superclásico" - einem der heißesten Derbys der Fußballwelt.

Seite 1: River Plates historischer Absturz und Volkes Zorn

Matías Almeyda musste den Tiefpunkt seiner Laufbahn aus den Katakomben verfolgen. In der Umkleidekabine starrte der 37-Jährige wortlos auf einen winzigen Fernseher und versuchte zu verstehen, was im argentinischen Fußball bis zu diesem Moment unvorstellbar schien.

110 Jahre nach seiner Gründung und drei Jahre nach der letzten seiner 35 Meisterschaften stand der glorreiche Club Atlético River Plate aus Buenos Aires - benannt nach der englischen Aufschrift der Container, die von Europa bis an die Mündung des "Silberflusses" Río de la Plata verschifft wurden, vor dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte.

Zum Abschluss seiner aktiven Karriere musste Klublegende Almeyda eine Gelbsperre absitzen und tatenlos zusehen, wie sein Team vergeblich einem 0:2-Rückstand aus dem Hinspiel der Relegation hinterherlief. "Während der zweiten Halbzeit lag ich auf einer Krankenbahre vor dem Bildschirm", schrieb er später: "Niemand sagte etwas. Uns fehlten die Worte. Wir waren wie tot."

Auf den Tag genau 15 Jahre zuvor, am 26. Juni 1996, hatte "el Pelado" (der Glatzkopf) Almeyda im selben Stadion den Gipfel des südamerikanischen Fußballs erklommen. Durch einen Doppelpack des jungen Hernán Crespo besiegte River Plate im heimischen Estadio Monumental den kolumbianischen Klub América de Cali und sicherte sich zum zweiten Mal in der Historie des Vereins den Titel in der kontinentalen Königsklasse, der Copa Libertadores.

Misswirtschaft bei River Plate: "Millonarios" in der Krise

Der damals 22-jährige Almeyda, der im Laufe der Saison zum Anführer im zentralen Mittelfeld aufgestiegen war, wechselte im Anschluss an diesen Triumph für die argentinische Rekordablöse von 9,4 Millionen Dollar zum FC Sevilla. Erst 2009 sollte der verlorene Sohn am Ende einer titelreichen Karriere bei Lazio Rom, Inter Mailand und dem AC Parma zu seinem Heimatverein zurückkehren.

Zu diesem Zeitpunkt steckte der Klub aus dem Stadtteil Núñez - aufgrund seiner Finanzkraft und kostspieligen Transfers schon seit den 1930er Jahren als "Los Millonarios" bekannt - jedoch bereits in einer sportlichen und wirtschaftlichen Krise. Misswirtschaft, Korruptionsvorwürfe und fragwürdige Transferentscheidungen führten nicht nur zu einem Schuldenberg von mehr als 55 Millionen Dollar und an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, sondern auch in die sportliche Bedeutungslosigkeit.

Im Sommer 2011 kam es dann zum Kollaps. Dabei wurde dem Rekordmeister das Abstiegssystem zum Verhängnis, das der argentinische Verband AFA knapp drei Jahrzehnte zuvor eigentlich zum Schutz der großen Traditionsvereine eingeführt hatte. Anstelle der Abschlusstabelle jeder einzelnen Saison entscheidet der Punktedurchschnitt der vergangenen drei Jahre über den Verbleib in der Liga. Einmalige Ausrutscher großer Klubs werden dadurch nicht direkt mit dem Absturz in die Zweitklassigkeit bestraft.

Skandal in Cordoba: Fans attackieren River-Spieler

Nach mehreren Spielzeiten im grauen Mittelmaß der Primera División fand sich River Plate so trotz Tabellenplatz neun in der Relegation wieder. Keinen einzigen Sieg hatte das Team an den letzten sieben Spieltagen einfahren können, die Stimmung war bereits vor den Relegationsduellen gegen den Club Atlético Belgrano angespannt.

Das Hinspiel im nordargentinischen Córdoba wurde für den Favoriten nicht nur sportlich zum Desaster. Kurz nachdem César Pereyra die Gastgeber in der 49. Minute mit 2:0 in Führung gebracht hatte, rissen rund 20 teils maskierte Anhänger von River Plate den Zaun vor ihrer Tribüne ein, stürmten auf den Platz und attackierten die Spieler der eigenen Mannschaft. Nach einer 18-minütigen Unterbrechung wurde das Spiel fortgesetzt, ein Treffer gelang den Gästen jedoch nicht mehr.

Im Rückspiel in Buenos Aires standen die Millonarios ohne Almeyda und zwei weitere gesperrte Leistungsträger mit dem Rücken zur Wand. Bereits nach fünf Minuten schenkte der Führungstreffer von Mariano Pavone den 65.000 Zuschauern im Monumental neue Hoffnung. Mitte der ersten Halbzeit drang dessen Sturmpartner Leandro Caruso von der linken Seite in Belgranos Strafraum ein und wurde von Claudio "Chiqui" Pérez niedergestreckt - ein glasklarer Elfmeter.

Schiedsrichter: "Grondona und die Regierung übten Druck aus"

Doch anstatt auf den Punkt zeigte Schiedsrichter Sergio Pezzotta zur Eckfahne. Die Schlussfolgerung vieler Anhänger des Rekordmeisters war eindeutig: Julio Grondona, skandalumwitterter Präsident der AFA, erster Stellvertreter und enger Vertrauter von FIFA-Boss Sepp Blatter und jahrzehntelanger Gebieter über Wohl und Wehe des argentinischen Fußballs, wollte River Plate in die Zweitklassigkeit zwingen.

Vereinspräsident Daniel Passarella, dem man in Argentinien aufgrund seiner Eleganz als Spieler den Beinamen "el Káiser" gegeben hatte, steckte seit Wochen in einer persönlichen Fehde mit "Don Julio", dem er öffentlich vorgeworfen hatte, den argentinischen Fußball "in Schutt und Asche" zu legen. Nun, so waren sich die Fans des Rekordmeisters sicher, hatte Grondona mithilfe des Schiedsrichters das Schicksal des Giganten aus der Hauptstadt besiegelt.

Erst Jahre später wurde bekannt, dass tatsächlich das Gegenteil der Fall gewesen war. In einem Interview mit der Zeitung Clarín offenbarten Pezzotta und Guillermo Marconi, Vorsitzender der Schiedsrichtergewerkschaft, ein Gespräch mit dem AFA-Präsidenten vor dem entscheidenden Rückspiel im Monumental. "Grondona und sogar die Regierung übten Druck aus, um Rivers Abstieg zu verhindern", so Marconi.

Grondona: "Wenn die Sache schiefgeht, hängen sie uns auf"

Staatspräsidentin Cristina Kirchner fürchtete im Falle eines Abstiegs Unruhen im ganzen Land, nur wenige Wochen vor den im August und Oktober anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Grondona sah in einer solchen tektonischen Verschiebung im argentinischen Fußball noch dazu eine Gefahr für seine Machtposition im Verband. "In vierzig Jahren hatte ich Julio noch nie so unter Druck gesehen", erzählte Marconi: "Er hatte mit der Präsidentin gesprochen. Sie hatte ihm gesagt, dass ein möglicher Abstieg von River Plate ein Skandal sei, der überall im Land zu gewaltsamen Ausschreitungen führen könne."

"Don Julio" wandte sich an Schiedsrichter Pezzotta: "Hör zu: Wenn die Sache schiefgeht, bringen die uns um, dann hängen sie uns am Obelisken auf." Der Gedanke an den Obelisken, das Wahrzeichen von Buenos Aires, wurde dem Unparteiischen spätestens nach seiner schwerwiegenden Fehlentscheidung wieder ins Gedächtnis gerufen. In der Halbzeitpause drangen acht Männer in seine Umkleidekabine ein, Mitglieder von River Plates berüchtigter Ultra-Gruppierung "Los Borrachos del Tablón" (Die Besoffenen von der Stehtribüne).

Das Sicherheitspersonal im Stadion hatte den "Borrachos" - vermeintlich in stiller Duldung oder gar im Auftrag der Vereinsführung - nicht nur Zutritt zu den Katakomben gewährt, sondern ihnen sogar den Weg durch einen Hintereingang gewiesen, der nicht von Polizisten bewacht war. "Wenn du uns keinen Elfmeter gibst, kommst du hier nicht mehr lebend raus", drohten sie Pezzotta: "Du pfeifst oder wir bringen dich um."

Almeyda: "Der traurigste Moment meiner Karriere"

Anstatt das Spiel daraufhin jedoch abzubrechen, bat der Schiedsrichter die Teams zur zweiten Halbzeit aufs Feld. Nach 68 Minuten zeigte er nach einem leichten Rempler gegen Caruso tatsächlich auf den Punkt, doch dem Schützen des Führungstreffers, Mariano Pavone, versagten aus elf Metern die Nerven. So blieb es beim 1:1 und der von Präsidentin Kirchner prophezeite Skandal nahm Gestalt an.

Noch vor dem Abpfiff, der River Plates historischen Abstieg besiegelte, zogen erste Rauchschwaden von mehreren Brandherden auf den Tribünen durchs Stadion. Sitzschalen flogen auf den Rasen, Zuschauer versuchten aufs Feld zu gelangen. Pezzotta pfiff die Begegnung in der 89. Minute ab, Schiedsrichter und Spieler wurden im Mittelkreis von Sicherheitskräften umringt.

Während seine Teamkollegen ihren Tränen freien Lauf ließen, saß Matías Almeyda im Kabinengang fest: "Wir konnten nicht zum Rest der Mannschaft aufs Spielfeld, weil alle möglichen Gegenstände durch die Luft flogen. Die Polizei versperrte den Eingang zu den Kabinen. Also habe ich mich einfach hingelegt und bitterlich geweint. Es war der traurigste Moment meiner Karriere."

Seite 2: Neuanfang, Meisterschaft, Pfefferspray

David Trezeguet führt River Plate zurück ins Oberhaus

Doch der 37-Jährige, der seinem Verein in dessen bitterster Stunde auf dem Rasen nicht mehr hatte helfen können, wollte Verantwortung übernehmen. Am gleichen Abend, noch während wütende Anhänger der Millonarios rund um das Stadion Autos und Geschäfte in Brand setzten und rund 90 Personen nach Randalen verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nahm "el Pelado" das Angebot an, River Plate als Trainer in die Zweitligasaison zu führen.

"Wir mussten den direkten Wiederaufstieg schaffen, sonst wäre meine Trainerkarriere wohl sofort wieder vorbei gewesen", ist sich Almeyda sicher: "Niemand hätte mich je wieder verpflichtet." Aufgrund der katastrophalen finanziellen Situation musste der Verein dieses Ziel jedoch mit einem deutlich dezimierten Kader ins Visier nehmen. Das 19-jährige Offensivtalent Erik Lamela - heute in Diensten der Tottenham Hotspur - verkaufte man für 17 Millionen Euro an die AS Rom, auch einige weitere Leistungsträger musste der Absteiger ziehen lassen.

Stattdessen füllten Almeyda und Passarella den Kader mit Spielern aus der eigenen Jugend und ein paar Veteranen im Herbst ihrer Karriere. Unter anderem kam der in Buenos Aires aufgewachsene Welt- und Europameister David Trezeguet ablösefrei aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, um seine Laufbahn in der Heimat seiner Eltern ausklingen zu lassen. Mit 13 Toren in 19 Einsätzen trug der Franzose seinen Teil dazu bei, dass die Millonarios nach nur einer Saison wieder in die Primera División zurückkehren konnten.

Rivers Abstieg: "Diese Schande wird nie wieder ausgelöscht"

In der argentinischen Fußballkultur, in der insbesondere River Plates jahrzehntelange Feindschaft mit dem Erzrivalen Boca Juniors Millionen von Fans in Fleisch und Blut übergegangen ist, war die Scharte des Abstiegs damit noch lange nicht ausgewetzt. Bis heute werden in argentinischen Tageszeitungen an jedem 26. Juni Traueranzeigen geschaltet, die genüsslich an das Dahinscheiden des Club Atlético River Plate im Jahr 2011 erinnern. Und bis heute prägt die Schadenfreude zahlreiche Gesänge der Boca-Anhänger:

River, sag, wie fühlt es sich an / in der zweiten Liga gewesen zu sein
ich schwöre, auch wenn die Jahre vergehen / werden wir niemals vergessen
dass du abgestiegen bist / das Monumental angezündet hast
diese Schande wird nie wieder ausgelöscht

Doch der phönixartige Aufstieg aus der Asche des brennenden Monumental war mit der Rückkehr in die Erstklassigkeit noch nicht beendet. Nur zwei Jahre später holten die Millonarios ihren 36. nationalen Meistertitel und gewannen die Copa Sudamericana, den zweithöchsten kontinentalen Klubwettbewerb, unter anderem nach einem dramatischen Halbfinalduell gegen den Lokalrivalen aus La Boca.

Lucas Alario schießt River zum Copa-Triumph

2015 durfte River Plate nach sechsjähriger Abstinenz dann endlich wieder in der Königsklasse antreten und traf im Achtelfinale der Copa Libertadores erneut auf die Boca Juniors. Nach einem knappen 1:0-Erfolg im heimischen Monumental kam es im Rückspiel nach torloser erster Halbzeit zum Eklat. Auf dem Rückweg aus der Kabine auf den Rasen attackierten Anhänger der Gastgeber das Team von River Plate mit Pfefferspray.

Der folgende Spielabbruch brachte die Mannschaft des neuen Trainers Marcelo Gallardo - wie Almeyda und Passarella ein gefeierter ehemaliger Spieler des Klubs - in die nächste Runde. Wenige Wochen später konnte Gallardo den größten Vereinserfolg seit beinahe zwei Jahrzehnten feiern. In einer Regenschlacht vor heimischem Publikum schossen Carlos Sánchez, Ramiro Funes Mori und der heutige Leverkusener Lucas Alario River Plate zum Triumph über die mexikanischen Tigres.

In der vergangenen Woche stand der Klub aus Núñez nun erneut mit einem Bein im Finale der Copa Libertadores. Im Viertelfinale unterlag man dem Außenseiter Jorge Wilstermann aus Bolivien im Hinspiel mit 0:3. Doch wie so oft zeigten die Millonarios erst vor den eigenen Fans ihr wahres Gesicht und konnten das Scheitern mit einem unglaublichen 8:0-Erfolg im Monumental abwenden.

Der Superclásico: Chance zur Wiedergutmachung

Im Halbfinale gegen den argentinischen Rivalen Lanús stand River Plate dann auf der anderen Seite einer dramatischen Aufholjagd. Nach einem 1:0-Heimsieg lagen die Millonarios auch im Rückspiel vor den Toren von Buenos Aires bereits mit 2:0 in Führung, bevor José Sand in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit die Wende einleitete. Mit dem entscheidenden 4:2 ließ Alejandro Silva schließlich vom Elfmeterpunkt Rivers Finalträume platzen.

Doch bereits an diesem Sonntag gibt es die Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Auch der 368. Superclásico gegen den Erzfeind aus La Boca wird für Fans und Vereine wieder beinahe so wichtig wie ein internationales Endspiel.

Auch "el Pelado" Almeyda, der inzwischen den mexikanischen Klub Chivas Guadalajara trainiert, wird die Partie mit Sicherheit verfolgen - wenn auch wie im Jahr 2011 nur vor dem Fernseher. "Bei River bin ich geboren, habe gelebt, geschuftet, gelitten, meine Zukunft als Trainer aufs Spiel gesetzt. Der Abstieg war der traurigste Moment meiner Laufbahn. Aber glücklicherweise gibt einem der Fußball immer mehr Freude als Schmerz."

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