International: Ezgjan Alioski: Der mazedonische Gareth Bale

Sowohl privat als auch in seiner Fußballerlaufbahn musste Ezgjan Alioski lange Zeit um Anerkennung und Akzeptanz kämpfen. Nach einem Positionswechsel zum Außenstürmer entwickelte sich der gelernte Abwehrspieler in dieser Saison beim FC Lugano unverhofft zu einem der Topstars der Schweizer Liga, dem nun viele Türen offen stehen.

Sowohl privat als auch in seiner Fußballerlaufbahn musste Ezgjan Alioski lange Zeit um Anerkennung und Akzeptanz kämpfen. Nach einem Positionswechsel zum Außenstürmer entwickelte sich der gelernte Abwehrspieler in dieser Saison beim FC Lugano unverhofft zu einem der Topstars der Schweizer Liga, dem nun viele Türen offen stehen.

Es läuft die Schlussphase im Schweizer Pokalhalbfinale 2015/16, der FC Lugano spielt gegen den FC Luzern. Beim Stande von 2:1 für Lugano holt Trainer Zdenek Zeman seinen Linksverteidiger Ezgjan Alioski zu sich, um ihn auf seine Einwechslung vorzubereiten. Zur Überraschung Alioskis soll er aber nicht als Außenverteidiger die Führung über die Zeit retten, sondern auf dem rechten Flügel für neue Impulse im Offensivspiel sorgen.

"Ich hatte das Gefühl, alle, die mich kennen, schauen mich an und denken: 'Was macht jetzt dieser Verteidiger da vorne?'" erzählt er später im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung von seinem plötzlichen Positionswechsel. Zemans Plan geht jedoch voll und ganz auf, Alioski beschäftigt die gegnerischen Verteidiger in der Schlussphase und holt sogar einen Elfmeter heraus. Zwar vergibt Sabbatini die Vorentscheidung vom Punkt, doch Lugano sichert sich schlussendlich den 2:1-Sieg und zieht ins Pokalfinale ein.

Im Nachhinein gilt dieses Spiel als entscheidende Wende in der Karriere des Mazedoniers, der bis dahin zwar als solider Außenverteidiger galt, von der Öffentlichkeit jedoch nur selten allzu große Aufmerksamkeit erfuhr. Es war die Wiedergeburt eines Spielers, dessen Karriere zwischendurch schon zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte.

Alioskis langer Kampf um Anerkennung

Als Kleinkind im Alter von einem Jahr kam Alioski mit seiner Familie aus Mazedonien in die Schweiz. Als Teil der albanischen Minderheit, die fortan in Flamatt nahe der Berner Großstadt lebte, verfolgte den Linksfuß lange Zeit ein Gefühl der Heimatlosigkeit: "Du bist dort Ausländer, und du bist hier Ausländer, du weißt nicht, was richtig ist."

Zusammen mit seiner Familie musste Alioski lange Zeit um Akzeptanz und Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen. Der Fußball war schnell als Mittel auserkoren, diesen Kampf zu einem positiven Ende zu bringen.

Über den FC Flamatt landete der Mazedonier mit zehn Jahren in der Jugendabteilung der großen Young Boys Bern. Durch Einsätze in der U18- und der U21-Mannschaft empfahl sich Alioski für regelmäßige Trainingseinheiten bei den Profis, ein Einsatz in der ersten Mannschaft wurde ihm jedoch verwehrt.

In einer schwierigen Saisonphase für den Berner Traditionsverein fehlte das Vertrauen in junge Spieler, Alioski wurde mitgeteilt, er sei nicht gut genug für den Profifußball. Erneut musste der Blondschopf die bittere Erfahrung mangelnder Anerkennung machen. Doch ließ er sich von der Einschätzung der Berner Verantwortlichen nicht entmutigen.

Schaffhausen holt Alioski aus der Arbeitslosigkeit

Eine Ausleihe im Januar 2013 in die dritte Schweizer Liga zum FC Schaffhausen sollte die Wende zum Guten bringen. Denn tatsächlich etablierte sich der 25-jährige in der beschaulichen 35.000-Einwohner-Stadt in kurzer Zeit auf der linken Abwehrseite und schöpfte neuen Mut, seinen Traum von der Fußball-Karriere zu verwirklichen. Trotz des auslaufenden Vertrags bei seinem Stammverein Bern platzte jedoch in der anschließenden Transferperiode ein endgültiger Wechsel zum FC Schaffhausen. Im Sommer 2013 stand Alioski plötzlich ohne Verein da.

Zwei Monate lang hielt sich der bekennende Real-Madrid-Anhänger alleine auf einem Fußballplatz in Flamatt mit Übungen aus seiner Berner Zeit fit und bezog sogar Arbeitslosengeld. "Du bist ganz alleine, du musst dich da selber herausarbeiten: Es kann funktionieren oder nicht funktionieren", berichtet Alioski von jener Zeit.

Alioskis Geduld und Ausdauer wurden schließlich belohnt. Nachdem beim FC Schaffhausen eine Vakanz auf der Position des Außenverteidigers auftrat, kam er bei seinem vorherigen Leihverein doch noch fest unter.

Dort war der Linksfuß auf Anhieb wieder in der Abwehrkette als linker Verteidiger gesetzt und machte in zweieinhalb Jahren nachhaltig auf sich aufmerksam. Aus jener Zeit datiert auch Alioskis Debüt für die mazedonische A-Nationalmannschaft, für die er bereits seit der U17 auflief. Richtig etablieren konnte er sich dort jedoch erst nach seiner Umschulung zum Offensivspieler, sein erstes Tor gelang ihm ausgerechnet gegen Albanien.

Im Winter 2016 ermöglichte Dino Lamberti, der als Berater sowohl Spieler als auch Trainer bei Schaffhausen und beim FC Lugano vertritt, Alioski für ein halbes Jahr eine Ausleihe zu Lugano in die erste Liga. Auch im Tessin wusste der Mazedonier zunächst als linker Verteidiger und nach seiner dauerhaften Versetzung als Rechtsaußen zu überzeugen. Am Ende der Saison 2015/16 verpflichtete Lugano den Nationalspieler ablösefrei und stattete ihn mit einem Vertrag bis 2018 aus.

Alioski erfindet sich immer wieder neu

Die Idee Zemans, Alioski aus der Viererkette auf den rechten Angriffsflügel vorzuziehen, kann im Rückblick als famose Eingebung der tschechischen Trainerikone gewertet werden. Weder Alioski selbst noch seine Mitspieler verorteten die Idealposition des Mazedoniers auf dem rechten Flügel. "Er besaß zwar einen harten Schuss, aber einen Stürmer sah ich in ihm nicht. Niemals!", staunte Teamkollege Davide Mariani über die Entwicklung seines Teamkollegen.

Spätestens diese Umschulung bedeutete für Alioski endgültig den Durchbruch in seiner Karriere. In der abgelaufenen Saison krönte er sich mit 16 Toren und 14 Vorlagen zum besten Scorer der Super League und war eine der größten Attraktionen im Schweizer Fußball.

Sein Werdegang vom Außenverteidiger zu einem der besten Außenstürmer der Liga veranlasste Schweizer Medien bereits zu einem Vergleich mit Gareth Bale. Der Waliser etablierte sich ebenfalls zunächst als Linksverteidiger im Profifußball, ehe er sukzessive immer weiter nach vorne rückte und sich als offensiver Flügelspieler den Ruf eines internationalen Topstars erwarb. Die Versetzung auf den Angriffsflügel sollte für Alioski jedoch noch nicht das Ende seiner fußballerischen Weiterbildung bedeuten. Nachdem der Mazedonier zuvor bereits sporadisch in der Angriffsmitte zum Einsatz kam, wurde er in der Rückrunde dauerhaft ins Sturmzentrum versetzt.

Trainer Paolo Tramezzani habe ihm erklärt, "da sei ich näher beim Tor und unberechenbarer als auf dem Flügel", berichtete Alioski der Aargauer Zeitung von der Idee hinter dem erneuten Positionswechsel. In den zehn Spielen als Mittelstürmer machte der gelernte Abwehrspieler in Sachen Effizienz und Torgefahr nochmal einen deutlichen Schritt nach vorne. Sechs Tore und sieben Assists zeugen von Alioskis Weiterentwicklung in diesem Zeitraum.

Alioski steht die Fußballwelt offen

Durch seine beeindruckenden Statistiken hat sich Alioski in der vergangenen Saison in die Notizbücher zahlreicher Vereine gespielt. Da der Vertrag des 25-Jährigen nur noch bis Sommer 2018 läuft, ist ein Wechsel in diesem Sommer wahrscheinlich, will Lugano den Leistungsträger nicht im darauffolgenden Jahr ablösefrei verlieren.

Bereits Mitte April berichtete der Schweizer Blick von einem Interesse der Berliner Hertha, wo die Verantwortlichen nach Verstärkungen für die offensive Außenbahn fahnden. In der Folgezeit nannte das Blatt den FC Schalke, Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, den VfB Stuttgart, Leicester City und Lazio Rom als mögliche Interessenten.

"Er hat noch ein Jahr Vertrag. Dass deutsche und englische Klubs interessiert sind, ist bestätigt. Anfragen aus Deutschland gab es bereits im Januar. Er wird stark umworben und im Fußball kann alles sehr schnell gehen", bezog Alioskis Management Ende Mai gegenüber fussballtransfers.com Stellung zu den Wechselgerüchten.

Maurizio Jacobacci, der Alioksi zu seiner Zeit beim FC Schaffhausen trainierte, traut seinem einstigen Zögling sogar den ganz großen Karrieresprung zu: "Er kann als Stürmer bei jedem Klub spielen. Bei den Topvereinen aber wären seine Chancen als Außenverteidiger größer. Warum nicht bei Bayern München als Nachfolger von Philipp Lahm?"

Nach jahrelangen Irrwegen und Sackgassen genießt Alioski sichtlich die Anerkennung der Fans und der Öffentlichkeit, die ihm neuerdings zu Teil wird. Selbst bei einem Wechsel zu einem der Brachenriesen in England oder Deutschland muss bei dem Mazedonier aber wohl kein Verlust der Bodenhaftung befürchtet werden. "Ich denke immer wieder: 'Jetzt darfst du nicht meinen, du seist der Größte, sonst bist du schnell wieder weg'", weiß Alioski seinen rasanten Aufstieg realistisch einzuschätzen.

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