International: Pyrotechnik in Österreich: Schließung der Raucherbereiche

Dank Ausnahmegenehmigungen darf in österreichischen Stadien derzeit legal Pyrotechnik gezündet werden. Die neue Regierung will das beenden - und stößt damit auf vehementen Widerstand von Fans, Vereinensvertretern und der Bundesliga.

Dank Ausnahmegenehmigungen darf in österreichischen Stadien derzeit legal Pyrotechnik gezündet werden. Die neue Regierung will das beenden - und stößt damit auf vehementen Widerstand von Fans, Vereinensvertretern und der Bundesliga.

"Raucherbereich Block West" stand da neulich in großen Lettern unter einer rauchenden und glühenden Kurve. Unter dem Block West, der Heimat der lautesten Rapid-Fans. Dort, wo es seit Monaten bei fast jedem Spiel raucht und glüht - dank großzügig erteilter Ausnahmegenehmigungen des österreichischen Pyrotechnikgesetzes von 2010 völlig legal.

Doch mit dieser großzügigen Verteilung soll bald Schluss sein, so will es zumindest die neue österreichische Mitte-Rechts-Regierung. Ausnahmegenehmigungen für Pyrotechnik werde es künftig nicht mehr für gewöhnliche Ligaspiele, sondern nur mehr "für ein Finale der Champions League oder eine Weltmeisterschaft" geben, hieß es aus dem Innenministerium, das von der rechtspopulistischen FPÖ besetzt ist.

Der Partei also, die ein vollständiges Rauchverbot in der Gastronomie blockiert. Und der Partei, die diese Maßnahme gerne mit dem "Recht auf Selbstbestimmung" verteidigt. Im Stadion könnten aber die "akuten toxischen Wirkungen" und "krebserregenden Folgen" der Pyrotechnik nicht mehr länger akzeptiert werden. Selbstbestimmung hin, Selbstbestimmung her.

Rapid-Fans reagieren erstmal mit Schmäh

Ein Widerspruch, auf den die Fans des SK Rapid erstmal so reagierten, wie man in Österreich halt erstmal reagiert, wenn es auf irgendwas zu reagieren gilt: mit Schmäh. Sie eröffneten beim Spiel gegen den Wolfsberger AC den "Raucherbereich Block West". In einem Statement äußerten sie außerdem ihr Unverständnis über die geplante "Dreistigkeit" der Regierung.

Unterstützung bekamen sie dabei vom Geschäftsführer Wirtschaft ihres Vereins, Christoph Peschek. "Eine hervorragende Lösung, für die wir von vielen Klubs in ganz Europa beneidet werden", nannte er das bisherige Vorgehen und erklärte, dass die angekündigte Initiative "keine Probleme lösen, sondern neue schaffen" würde.

Der größte Verein Österreichs stellt sich geschlossen gegen das Vorhaben der Regierung und seine Rivalen stellen sich daneben. Auch Fans und Verantwortungsträger von Sturm Graz sowie Rapids Erzrivalen Austria kritisierten die Initiative, bezeichneten sie als "Schnellschuss". Einen Schnellschuss, über den die österreichische Bundesliga kurioserweise nicht einmal informiert war - trotz regelmäßiger Treffen mit Vertretern aus dem Innenministerium. Vorstand Christian Ebenbauer erfuhr von der Initiative in den Medien und erklärte daraufhin im Kurier: "Pyrotechnik soll legal möglich bleiben."

Rapid: 50 pyrotechnische Fackeln pro Heimspiel

Legal per se ist Pyrotechnik in den Stadien bisher jedoch auch nicht - es sei denn, der jeweilige Verein besitzt eine besagte Ausnahmegenehmigung. "Da gab es zuletzt einen gut funktionierenden Dialog zwischen den Beteiligten", sagt Journalist Moritz Ablinger, der sich für das österreichische Fußballmagazin ballesterer mit Fan-Thematiken beschäftigt, gegenüber SPOX. "Überall, wo es aktive Fanszenen gibt, gibt es auch Ausnahmegenehmigungen." Etwa bei Sturm, Wacker Innsbruck, der Austria oder Rapid.

Die Fans von Rapid dürfen aktuell pro Heimspiel 50 pyrotechnische Fackeln benutzen. Unter den Bedingungen, dass sie in einem abgesperrten Bereich unten im Block gezündet werden und während des Brennens nach vorne gehalten werden. "Dieses System hat sich als praktikabel erwiesen", sagt Ablinger. "Für die Fans, die Vereine, die Bundesliga und die Polizei."

Bundesliga-Vorstand Ebenbauer lobte, dass illegale Pyrotechnik-Nutzung bei Rapid dadurch um 90 Prozent zurückgegangen ist, und Rapid-Geschäftsführer Peschek, dass im Stadion seines Klubs seit der Einführung des aktuell praktizierten Vorgehens kein Verwender durch Pyrotechnik zu Schaden gekommen ist. Umso überraschender kommt der aktuelle Vorstoß.

Pyro-Verbot? Eine Themenverfehlung als Anlass

Der Anlass dafür sind wohl die Vorkommnisse beim zurückliegenden Wiener Derby zwischen Rapid und der Austria, das kurzzeitig sogar unterbrochen werden musste. Von der Volkspartei ÖVP hieß es daraufhin, dass es "bei Übergriffen von Fußball-Hooligans dringenden Handlungsbedarf mit klaren Konsequenzen gebe". Grund für die Spielunterbrechung waren aber nicht pyrotechnische Fackeln, sondern geworfene Bierbecher und Feuerzeuge.

Für die Rapid-Fans ist der aktuelle Vorstoß der Regierung deshalb eine "Themenverfehlung", für Journalist Ablinger eine absehbare Entwicklung: "Die neue Regierung hat einfach auf die erstbeste Gelegenheit gewartet, um zu zeigen, dass sie sich um die Sicherheit der Menschen kümmert. Und dann geht man eben am einfachsten gegen eine Gruppe vor, die eigentlich keine große Lobby hat - zum Beispiel Fußballfans."

Fraglich ist deshalb, ob die Regierung mit so einer vehementen Ablehnung ihres Vorstoßes gerechnet hat. "Nicht nur Fans, Vereine und die Bundesliga kritisieren, sondern auch die Oppositionspartei SPÖ", sagt Ablinger. Umgesetzt wird das Vorhaben aber wohl trotzdem. "Es wird jetzt ein Erlass erlassen, dass die Ausnahmegenehmigungen nicht mehr so leicht erteilt werden dürfen", erklärt Ablinger, "so etwas dauert normalerweise bis zu einem halben Jahr und wird wahrscheinlich zur neuen Saison gültig sein."

Pyrotechnik gesünder als Erfolglosigkeit

Da die Fanvereinigungen der großen Vereine bereits kategorisch ausgeschlossen haben, künftig auf Pyrotechnik zu verzichten, wird dies verstecktes und unkontrolliertes Abbrennen zur Folge haben. Pyrotechnik könne nämlich "auch mit den strengsten Einlasskontrollen nicht verhindert werden", sagte Rapid-Geschäftsführer Christoph Peschek. Deshalb sei es laut Austria-Vorstand Markus Kraetschmer besser, "das zu kontrollieren als zu verbieten".

Wer beim künftig illegalen Abbrennen von Pyrotechnik in einem österreichischen Stadion aber erwischt wird, muss mit hohen Geldstrafen und womöglich einem Stadionverbot rechnen. Die dann je nach Länge des Stadionverbots ausbleibenden "akuten toxischen Wirkungen" und "krebserregenden Folgen" der Pyrotechnik sind für die Fans zwar kein Trost, aber immerhin eine Schmäh-Vorlage.

"Alt werden wir sowieso nicht", heißt es in der Stellungnahme der Rapid-Fans abschließend, "denn der Ärger über die chronische Erfolglosigkeit Rapids ist sicherlich schädlicher als der inhalierte Rauch tausender Fackeln." Der letzte Titelgewinn Rapids jährt sich im Mai schließlich zum zehnten Mal.

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