Integrationsbeauftragter über Silvester-Angreifer: "Ich glaube, diese Menschen werden wir nicht mehr erreichen"

Im ARD-"Morgenmagazin" sprach der Psychologe und Integrationsbeauftragte Ahmad Mansour über die Ausschreitungen in der Berliner Silvesternacht.  (Bild: ARD)
Im ARD-"Morgenmagazin" sprach der Psychologe und Integrationsbeauftragte Ahmad Mansour über die Ausschreitungen in der Berliner Silvesternacht. (Bild: ARD)

Drei Tage nach den Angriffen auf Polizei und Rettungskräfte in der Berliner Silvesternacht tobt die Debatte: Während die einen über misslungene Integration schimpfen, halten andere eben diese Diskussion für rassistisch. Wie soll es weitergehen? Darüber sprach der Integrationsbeauftragte Ahmad Mansour im ARD-"MOMA".

Brennende Autos, verwüstete Straßen und jede Menge Verletzte: Es waren wahrlich keine schönen Bilder, die in der Silvesternacht aus Berlin kamen. Vor allem die Angriffe mit Böllern und Raketen auf Polizei und Rettungskräfte machen fassungslos. Der Psychologe und Integrationsbeauftragte Ahmad Mansour war in der Silvesternacht selbst in Berlin unterwegs. Die Täter beschreibt er als "junge Männer, vor allem mit Migrationshintergrund." Das sei nicht so einfach zu sagen in der Landschaft der Debatten in Deutschland, sagte er im Gespräch mit Anke Plättner im ARD-"Morgenmagazin" am Mittwoch: "Aber das ist enorm wichtig, weil das hat mit Sozialisation, das hat mit Männlichkeitsbildern, das hat mit Erziehungsmethoden und das hat mit der Verachtung des Rechtsstaats zu tun."

Dass ein Migrationshintergrund zwangsläufig zu einer Missachtung des Rechtsstaats führt, glaubt er allerdings nicht: "Es gibt genug Leute mit Migrationshintergrund, die auf der anderen Seite standen. Aber es gibt Menschen, die aufgrund ihrer Sozialisation, aufgrund patriarchalischer Strukturen, aufgrund ihrer Wahrnehmung des Rechtsstaats einfach dieses Land verachten, nicht akzeptieren." Diese Menschen hätten das Gefühl, dass sie keine Konsequenzen zu befürchten hätten, wenn sie Straftaten begehen.

"Sachlich differenziert, aber offen" diskutieren

Wichtig sei, die Debatte über die Ereignisse aus der Berliner Silvesternacht "sachlich differenziert, aber offen" zu führen: "Jedes Mal kommen wir zu dem Schluss, dass die andere Seite rassistisch sei und die Seite, die nicht die Herkunft oder die Integrationsprobleme bespricht, moralischer wäre", kritisiert er. Stattdessen sei es wichtig, Fragen nach der Sozialisation zu stellen, um anschließend andere Konzepte zu entwickeln, "um diese Menschen in Integrations- und Präventionsarbeit besser erreichen zu können".

Der 46-Jährige fuhr fort: "Ich arbeite viel in Gefängnissen und ich glaube, da spielen enorm viele Faktoren eine Rolle." Neben dem Verhältnis in den Familien nannte er Bildungsprobleme und "das Gefühl, nicht dazuzugehören": "All das können wir aber bearbeiten, wenn wir Schulen haben, die in der Lage sind, diese Menschen auf Augenhöhe zu erreichen, ihnen Werte zu vermitteln und sie für unsere Gesellschaft zu gewinnen", sagte Mansour: "Aber auf der anderen Seite brauchen wir auch konsequente Rechtsstaatlichkeit, die diesen Menschen zeigt, dass es keine Bagatelldelikte sind, Polizisten oder Rettungskräfte anzugreifen."

Mansour fordert Präventionarbeit an Schulen

"Die Täter, die festgesetzt wurden, sind jetzt alle wieder auf freiem Fuß", erklärte die Moderatorin Anke Plättner: "145 Menschen sind das, vor allem Männer. Was soll jetzt mit ihnen passieren?" Ahmad Mansour zeigte wenig Hoffnung: "Ich glaube, diese Menschen werden wir nicht mehr erreichen. Es ist nicht so, dass Sozialarbeit oder Präventionsarbeit Menschen erreicht, wenn sie schon konsequent Straftaten begangen haben." Stattdessen wolle er sich um diejenigen kümmern, die "diese Bilder sehen und das total cool finden, weil es Teil ihrer Jugendkultur ist, durch Gewalt ihre Männlichkeit zur Schau zu stellen. Die können wir erreichen. Die sind in Schulen, in Jugendzentren, in sozialen Medien, die sind in Willkommensklassen, die sind in Asylheimen."

Diesen Menschen müsse man klarmachen, "warum unser Staat so funktioniert: Dass unsere Polizei nicht schwach ist, wenn sie nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat. Dass wir kein Polizeistaat sind und trotzdem in der Lage sind, diese Leute zu verfolgen."