Integration am Gartenzaun: Kleingartenpächter werden immer jünger und multikultureller

Vor allem bei jungen Familien sind die Parzellen begehrt

Der Rasen unter den Füßen von Familie Mazur gleicht noch einem Acker. Eine riesige Wurzel hat Marius Mazur (36) schon im Schweiße seines Angesichts ausgegraben. Hinter ihm lehnen die Holzlatten, aus denen mal ein Geräteschuppen werden soll.

Mittendrin wuselt die einjährige Tochter Valentina. „Das wird noch jede Menge Arbeit. Aber wir werden das nach und nach angehen und freuen uns riesig auf das Gärtnern in der Natur“, erzählt der Betriebsprüfer aus Rath.

Familie will eigenes Bio-Gemüse anbauen

Mazur und seine 33-jährige Frau Maria sind seit einem Monat stolze Neu-Pächter eines Schrebergartens in der Anlage „Vor St. Gereon e.V.“ in Köln-Merheim. Bis jetzt hat es nur zur Aufzucht von Kräutern auf dem Balkon ihrer Mietwohnung gereicht, aber jetzt will die Familie ihr eigenes Bio-Gemüse anbauen. Und die Kleine soll mit mehr Natur um sich rum aufwachsen als sie der kleine Balkon in Rath bietet.

Die Mazurs stehen für einen Wandel in der Schrebergärtenkultur, dem traditionell das Image als Paradies für Spießbürger anhaftete: Die Pächter werden jünger und multikultureller, parallel dazu sinkt die Zahl der Gartenzwerge und Geranienkästen. Die Neueinsteiger sind oft junge Familien. Einige Anlagen vergeben auch Parzellen an Kindergärten oder Grundschulen, damit der Nachwuchs einen Bezug zu Natur und Gemüseanbau gewinnt.

Viele Pächter sind junge Familien mit Kindern 

„Wir erleben auch in Köln einen deutlichen Umbruch in der Altersstruktur“, resümiert Michael Franssen, Geschäftsführer des Kreisverbandes Kölner Gartenfreunde e.V.. Das ist der Dachverband, unter dem alle 115 Kölner Kleingartenvereine organisiert sind.

Die Beobachtung eines Generationswechsels deckt sich mit dem bundesweiten Trend, wonach laut Bundesverband Deutscher Gartenfreunde mittlerweile 45 Prozent aller Kleingärten an junge Familien mit Kindern verpachtet werden. Kurse im Gärtnern für Anfänger, Anleitungen zum Bau von Insektenhotels oder der Verleih von Gartengeräten sollen den Einstieg erleichtern.

Bei einem Leerstand werden die Kölner Gärten in der Regel sofort wieder belegt. „Die aktuelle Leerstandsquote liegt in Köln bei 0,2 Prozent“, so Franssen. Dabei gebe es große Unterschiede, je nach Lage. Auf eine Parzelle in manchen Anlagen muss man mehr als fünf Jahre warten. So hat etwa die Flora e.V. mit ihren 320 Gärten gerade die Warteliste wegen Überfüllung geschlossen, genauso wie die KGV Köln-City. In anderen, weniger innenstadtnahen Anlagen täte sich dagegen immer wieder mal eine Lücke auf, so dass ein freier Garten angeboten werden könne.

Kleingärtnerei als Motor gelungener Integration

Dass das Schrebergartenwesen nicht nur jünger, sondern auch multikultureller geworden ist, hat Stadtplaner wie Soziologen auf den Plan gerufen, die das Potenzial erkannt haben und Studien auflegen, wie die Kleingärtnerei als Motor gelungener Integration genutzt werden kann. Gerade in Köln lässt sich das exemplarisch in der Anlage in Merheim mit ihren 110 Parzellen erleben. „Dort ist Integration tatsächlich geglückt“, sagt Franssen über die Kölner Vorzeigeanlage: Hier gärtnern Deutsche, Inder, Türken, Polen, Russen, Spanier, Iraner und Italiener einträchtig Gartenzaun an Gartenzaun.

Man kennt sich und man duzt sich. Selbst der Vorstand ist international besetzt und der Erste Vorsitzende Christoph Kürten sorgt schon bei der Auswahl der Bewerber für freie Gärten dafür, dass die Nachbarschaft sich mischt und nicht in einer Ecke nur deutsche Kleingärtner werkeln. Bei den direkten Nachbarn sollen sich die Nationalitäten abwechseln.

„Als meine aus Italien stammenden Eltern 2010 den Garten gepachtet haben, haben sie genau deshalb diese Anlage ausgesucht, weil sie eben nicht nur mit Landsleuten gärtnern wollten“, erzählt Maria Mulé aus Buchheim, die mit Mann Davide und den Söhnen Angelo und Leandro hier heute Kindergeburtstag feiert.

Multikulturalität berge auch Konfliktpotenzial

Vor der Laube von Ahmet Karadeniz duftet es aus dem Kamin nach Holzfeuer. Seine Frau Emine heizt ein, um gleich Köfte und Lammspieße aufzulegen. Nebendran dampft der Samowar. Bei Familie Karadeniz sitzen drei Nationalitäten und Generationen am Gartentisch: sein Sohn Musa ist zu Besuch mit Frau Sybille und Tochter Leyla, außerdem Schwiegervater Wolfgang mit seiner von den Philippinen stammenden Frau Gloria.

Ahmet und seine Frau sind jeden Tag hier: „Ich kümmere mich, wie das in Deutschland üblich ist, um den Rasen, meine Frau ist die Herrin über das Gemüse.“ Sie finden es prima, dass Enkelin Leyla hier rumtoben kann. Auf dem zur Anlage gehörenden Spielplatz treffen sich bei schönem Wetter die Pänz aller Gärtner-Nationen.

Dabei will Franssen die Sache nicht beschönigen. Nicht überall in Köln gelinge das so prima wie in Merheim. Die wachsende Multikulturalität berge auch Konfliktpotenzial. So etwa, wenn die Vorliebe der russischen Familien für Holzfeuer oder die der türkischen Familien für große Familienfeste zu sehr durchschlage. „Da müssen die Vorsitzenden der Vereine dann viel Fingerspitzengefühl mitbringen und immer wieder alle Beteiligten an einen Tisch bringen und in Konflikten vermitteln.“

Die Liste der Vorschriften ist lang

Gelassenheit und Fingerspitzengefühl sind ohnehin wichtige Eigenschaften für die 115 Vorsitzenden. Schließlich müssen sie mit dem Generationswechsel auch einen schwierigen Balanceakt hinbekommen: Da ist einerseits die lange Liste der Vorschriften der Kölner Schrebergartensatzung, die von der Grundfläche der Laube über die Heckenhöhe bis zur Größe des Planschbeckens alles regelt. Für das umfangreiche Regelwerk – Basis des Images als Hort deutscher Bürgerlichkeit – schwindet aufgrund der sich wandelnden Klientel die Akzeptanz.

Hinzu kommt, dass die von der Stadt Köln und dem Land NRW angelegten und geförderten Gärten eine Funktion für Naturschutz, Artenvielfalt, und Landschaftspflege haben: Deshalb ist ein reiner Ziergarten verboten, auf mindestens einem Drittel der Fläche müssen Obst und Gemüse angebaut werden. Hier könne es keine Kompromisse geben, konstatiert Christoph Kürten, weil das den Kern des Kleingartenwesens betreffe.

Wer nur Blumen anpflanzt, wird bei der jährlichen Begehung abmahnt. „Dafür ist der Vorsitzende bei der Heckenhöhe auf kölsche Art flexibel“, lobt Markus Börnicke aus Buchforst, der hier in Merheim im vierten Jahr seinen Garten hat. Eigentlich ist laut Satzung 1,20 Heckenhöhe vorgeschrieben. „Aber der Christoph, der gibt 30 Zentimeter Toleranz.“

Wie komme ich an einen Schrebergarten?

In Köln gärtnern rund 13000 Pächter in 115 Vereinen und 192 Schrebergarten-Anlagen.

Der Pachtzins schlägt mit jährlich 54 Cent pro Quadratmeter zu Buche. Bei einer durchschnittlichen Parzellengröße von 300 Quadratmetern sind das 162 Euro im Jahr. Hinzu kommt einmalig eine Ablöse, die der Neupächter – etwa für die Laube – an den Vorbesitzer zahlen muss. Sie wird durch ein Wertgutachten ermittelt.

Wer einen Garten pachten will, findet auf der Internetseite des Kreisverbandes Kölner Gartenfreunde eine Auflistung der Anlagen mit freien Plätzen. Zudem sind alle Vereine mit Kontaktdaten aufgeführt. Dort kann man sich auf eine Warteliste setzen lassen.

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