Inside-Report: Warum für Pannen-Ministerin Christine Lambrecht ihr Kommunikationschef immer mehr zur Belastung wird

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte den schlechtesten Start aller Minister in der Ampel-Regierung - Copyright: picture alliance/dpa | Boris Roessler
Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte den schlechtesten Start aller Minister in der Ampel-Regierung - Copyright: picture alliance/dpa | Boris Roessler

Es ist inzwischen fast fünf Monate her, da sorgte die Hubschrauber-Affäre um den Sohn von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) tagelang für Empörung. Wie Business Insider damals enthüllte, hatte Lambrecht ihren Sohn im Regierungshubschrauber zu einem Truppenbesuch nach Schleswig-Holstein mitgenommen. Stolz hatte Alexander Lambrecht ein Foto von sich auf seinem inzwischen gelöschten Instagram-Account gepostet. Doch weil die beiden von der Kaserne direkt in den Osterurlaub weiterfuhren, hagelte es Kritik. Der Vorwurf: Der Truppenbesuch sei nur vorgeschoben gewesen, damit Lambrecht mit ihrem Sohn Urlaub machen könne.

Nun wäre das ganze Thema heute eigentlich längst durch. Andere Probleme stehen im Vordergrund. Doch weil das Ministerium tagelang den Fall nur scheibchenweise aufklärte, wollte es ein Journalist genauer wissen: Wer hat das Instagram-Foto des Sohnes gemacht? Christine Lambrecht?

Hubschrauber-Affäre wird künstlich verlängert

Ende August hatte das Verwaltungsgericht Köln entschieden, dass die Politikerin dazu Auskunft geben müsse. Doch das Ministerium legte Beschwerde ein – sodass sich die Hubschrauber-Affäre nun noch weiter in die Länge zieht.

Hinter den Kulissen des Ministeriums zeigen aktuell viele Finger auf den mächtigen Sprecher Lambrechts, Christian Thiels. Der frühere ARD-Korrespondent im Hauptstadtstudio ist seit Dezember Leiter des Presse- und Informationsstabes und damit verantwortlich für die Kommunikation der Ministerin.

Christian Thiels arbeitete für den Südwestrundfunk im ARD-Hauptstadtstudio, wechselte dann zur Bundeswehr - Copyright: picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Christian Thiels arbeitete für den Südwestrundfunk im ARD-Hauptstadtstudio, wechselte dann zur Bundeswehr - Copyright: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Steckt Thiels hinter dem Kommunikationsdesaster mit den 5000 Helmen?

Offiziell äußert sich das Ministerium nicht zu den Interna in dem Fall. Doch es heißt im Haus, dass Thiels für die Beschwerde gewesen sei. Und das sei ein Fehler, kritisieren Mitarbeiter. Aber es passe in eine Reihe von Pannen, an denen Thiels nicht unschuldig sei: Die Lieferung von 5000 Helmen an die Ukraine etwa, die die Ministerin im Januar in der Öffentlichkeit als ein "ganz deutliches Signal" der Solidarität Deutschlands verkaufte. Thiels habe Lambrecht dazu ermuntert, berichten Beamte. Demnach habe Staatssekretär Benedikt Zimmer die Zahl zuvor in einer internen Besprechung fallen gelassen, als es darum ging, welches Material überhaupt schnell an die Ukraine geliefert werden könnte. Thiels sah eine Chance, doch intern warnte man, dies gar als große Geste zu verkaufen. Doch da war es zu spät. Auch dazu will sich das Ministerium nicht äußern.

Im Mai sorgte Lambrecht dann mit Aussagen in einem "T-Online"-Interview zu einer möglichen Spitzenkandidatur von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) in Hessen für mächtig Ärger im Kabinett. Faeser war gezwungen, öffentlich zu dementieren. Bei der üblichen Autorisierung solcher Interviews scheinen Thiels und seine Mitarbeiter sich offenbar nicht an den brisanten Aussagen gestört zu haben. Das Gleiche gilt für das angebliche "Aussetzen" des Bundeswehr-Einsatzes in Mali, das Thiels Leute im August ohne Abstimmung mit wichtigen Abteilungsleitern verkündeten. Problem daran: So stimmte das gar nicht.

In der freien Wirtschaft hätte ein Chef-Kommunikator unter diesen Umständen wohl längst seinen Hut nehmen müssen. Denn die Reihe an kleinen und großen Pannen ließe sich fortsetzen. Doch das Vertrauen Lambrechts in Thiels scheint grenzenlos zu sein. Dabei war Lambrecht noch nicht mal die erste Wahl Thiels, ergeben Recherchen von Business Insider.

Nachdem er anderthalb Jahre Sprecher von Lambrechts Vorgängerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) war, wechselte er im Februar 2021 zur Münchner Sicherheitskonferenz. Das Verhältnis zwischen ihm und AKKs Leitungsstabschef Nico Lange galt damals als zerrüttet. Auf Anfrage heißt es heute: "Dieser Wechsel fand im vollen Einvernehmen mit der Leitung des BMVg statt und geschah zeitgleich mit einer organisatorischen Umstrukturierung des Leitungsbereichs BMVg und der damit verbundenen Integration des Presse- und Kommunikationsbereiches in den Leitungsstab." Doch eigentlich wäre Thiels wohl gern in einem Ministerium geblieben, zumal er seinen Beamtenstatus beibehielt. Als bei der Bundestagswahl die SPD gewann, diente er sich Spitzenpolitikern aller drei Ampel-Parteien an, schrieb Weihnachtskarten, suchte Vier-Augen-Gespräche – so etwa im Auswärtigen Amt, wo er gern für Baerbock gearbeitet hätte.

Im Auswärtigen Amt nicht gewünscht

Doch dort wollte man ihn nicht, heißt es heute. Im Ministerium will man zu den früheren Kontakten von Thiels keine Erkenntnisse haben. So oder so: Lambrecht ließ sich überzeugen, nicht zuletzt, weil sie im Verteidigungsministerium dringend jemand brauchte, der halbwegs Ahnung von der Materie hat. Thiels landete also im Dezember 2021 wieder auf seinem alten Posten im Verteidigungsministerium – aber nicht, ohne einen erstaunlichen Gehaltssprung zu bekommen. Erhielt er unter AKK die Besoldungsstufe A16 (Grundgehalt mindestens 5980 Euro), stieg er im Dezember unter Lambrecht in der Besoldungsstufe B3 ein. Grundgehalt hier: 8400 Euro. Damit das zu rechtfertigen war, wurden ihm die Redenschreiber des Ministeriums zugeordnet. Nur wenige Monate später, im Frühjahr dieses Jahres, wurde Thiels erneut hochgestuft: in B6. Grundgehalt hier: 9994 Euro.

Ein Sprecher will sich zu dem konkreten Fall offiziell nicht äußern, verweist aber darauf, dass der Leiter Presse- und Informationsstab schon immer formell eine B6-Stelle gewesen sei. Fakt ist aber auch: Thiels bekam weniger, weil er die Voraussetzungen nicht erfüllte. Was er freilich – so erzählt man sich auf den Fluren – anders sah.

Mitarbeiter erzählen darum heute, dass Thiels seine B6 extrem wichtig war. Stolz sei er auch auf einen der begehrten Garagenstellplätze im Ministerium, den er sich gleich nach seiner Rückkehr unter Lambrecht erkämpfte. "Seine Stellung ist ihm halt wichtig", sagt ein Mitarbeiter halb belustigt. Wird etwa eine Wagenkolonne für die Ministerin bestellt, lege Thiels großen Wert darauf, möglichst nah bei Lambrecht zu sein, idealerweise in ihrem Auto mitzufahren. Für andere Beamte ist dann mitunter kein Platz.

Offiziell widerspricht man dieser Darstellung: "Die Wagenreihung in der Kolonne der Ministerin legt die Adjutantur der Ministerin in Absprache mit dem BKA zu Sicherheitsvorgaben fest. Herr Thiels hat darauf keinen Einfluss und auch keine Präferenz", so ein Sprecher. Intern wird dagegen anders gesprochen, von Anrufen Thiels in der Adjutantur berichtet.

Läuft etwas nicht nach seinen Vorstellungen, soll Thiels mitunter sehr ungehalten reagieren. Seinen Zorn bekam beispielsweise eine Stewardess in einer Regierungsmaschine ab, mit der Kanzler Olaf Scholz (SPD), Verteidigungsministerin Lambrecht und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zum Nato-Gipfel nach Madrid Ende Juni geflogen waren. Thiels musste laut Erzählungen von Mitarbeitern in der Economy-Klasse Platz nehmen, wo er sich bei einer Stewardess über das fehlende Wlan beschwert haben soll. Nach der Reise soll das Kanzleramt im Leistungsstab des Verteidigungsministerium angerufen und gefordert haben, dass sich Thiels benehmen solle.

Auf Anfrage bestätigt man einen entsprechenden Vorgang, will aber nicht von der Konsequenz wissen. Ein Sprecher: "In den Flugzeugen der 'weißen Flotte' der Flugbereitschaft BMVg steht im Normalfall allen Mitreisenden ein Wlan-Zugang zur Verfügung. Auf dem angesprochenen Flug war dies nicht der Fall. Herr Thiels hat sich nach den Gründen erkundigt. Oben genannte Wahrnehmungen sind hier nicht bekannt."

Mitarbeiter geben entnervt den Job auf

Als schwierig wird auch das Verhältnis zu eigenen Mitarbeitern beschrieben. So etwa hat zuletzt die Chefin des Social-Media-Teams entnervt ihren Job aufgegeben, nachdem es monatelang Zoff um den Internet-Auftritt von Lambrecht gab, andere im Team sollen in den kommenden Wochen folgen. Immer wieder, so berichten Mitarbeiter, habe sich Thiels eingemischt. So sorgte beispielsweise ein Bild vom 18. Mai 2022 auf dem Instagram-Account der Ministerin für Häme und Spott, in dem untereinander verpixelte Fahnen von Deutschland, der Ukraine und Tschechien zu sehen sind – offenbar als Symbolbild für den Ringtausch mit Tschechien gedacht.

Das Social-Media-Team sei dafür nicht verantwortlich, wird intern versichert. Welchen Anteil Thiels daran hat, darüber lässt sich bisher nur spekulieren. Gepostet habe er selbst nie, behauptet Sprecher. "Herr Thiels hat noch nie einen Instagram-Post über den privaten Account der Bundesministerin abgesetzt. Er verfügt auch nicht über die Zugangsdaten zu diesem Account."

In früheren Anfragen gingen die Sprecher jedoch noch weiter, behauptete gar, es sei ein Account, "für den keine dienstlichen Ressourcen verwendet werden." Tatsächlich ist der Account aber auch erst seit einem Business-Insider-Artikel über einen fragwürdigen Wahlkampfauftritt der Ministerin in Schleswig-Holstein im Mai nicht mehr offiziell. Trotzdem wurden seit dem weiterhin Bilder von Bundeswehr-Fotografen im Instagram-Account genutzt, etwa von der USA-Reise Lambrechts im Frühjahr 2022. Zudem ist auch bekannt, dass Thiels zumindest Texte für den Account schreibt.

   - Copyright: Business Insider
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Nun ist all das kein Skandal. Doch es zeichnet sich inzwischen ein Muster ab: Wer sich so leichtfertig in eine kommunikative Falle begibt, macht das Problem am Ende größer als es ist – und beschädigt damit letztlich diejenigen, die man eigentlich schützen soll – in diesem Fall Lambrecht. "Es wird immer erst zum Drama, weil wir nicht die Wahrheit sagen", so ein Beamter, der namentlich nicht genannt werden will. Tatsächlich kann sowas gerade im Verteidigungsministerium schnell zum Verhängnis werden. Denn das Haus gilt politisch seit je her als besonderes Pflaster, das Ministeramt als Schleudersitz. Schon mehrere Minister stolperten über Affären, weil sie in ihrer Kommunikation Fehler machten.

Auch jetzt fehlt es offenkundig an einer entsprechenden Fehlerkultur. Stattdessen schießt man in Thiels Abteilung übers Ziel hinaus, droht einem "Welt"-Journalisten im Vorfeld der Berichterstattung über die Hubschrauber-Affäre mit juristischen Konsequenzen. Schaut man sich die Performance von Lambrecht in den letzten Monaten an, sehen inzwischen nicht wenige Spitzenbeamte Thiels mehr als Teil des Problems denn als Teil der Lösung. Das Verhältnis zu Lambrechts früheren Sprecher Rüdiger Petz, den die Ministerin für die politische Kommunikation extra ins Haus geholt hat, gilt als inzwischen als massiv gestört. Da hilft wenig, dass ein Sprecher behauptet, das Verhältnis von Thiels zu Petz sei "von großer Kollegialität und Vertrauen geprägt". Auch im Leitungsstab ist man nicht gut auf Thiels zu sprechen, sodass der Pressechef selbst auf Reisen von manchen Staatssekretären unerwünscht ist.

Ministerin Lambrecht scheint all das nicht zu stören. Sie bleibt bei ihrem Kurs, hält bislang an Thiels fest. Doch viele Patzer wird man ihr selbst in der eigenen Partei nicht mehr verzeihen, bis personelle Konsequenzen gefordert werden. Fragt sich nur dann, wen es zuerst trifft: Lambrecht oder Thiels.