Inside Ottobock: Prothesen-Milliardär Hans Georg Näder griff trotz Verlusten in die Firmenkasse und nahm sich Millionen heraus

·Lesedauer: 5 Min.
Milliardär Hans Georg Näder auf dem Gelände der Bötzow Brauerei in Berlin.
Milliardär Hans Georg Näder auf dem Gelände der Bötzow Brauerei in Berlin.

Ottobock ist ein Unternehmen, das die Mission hat, seinen vielen Kunden einen Teil ihrer Lebensqualität zurückzugeben. Der Mann hinter dem Konzern sieht das auf seine Art ähnlich und finanziert sich seine eigene Lebensqualität aus der Firmenkasse. Dabei geht es um Millionen von Euro - auch in schlechten Zeiten.

Bei dem deutschen hidden Champion und selbst ernannten Weltmarktführer fällt es den meisten Mitarbeitern wohl nicht schwer, sich mit den Zielen des Unternehmens zu identifizieren. Der Prothesenhersteller entwickelt und produziert Kniegelenke, Arm- und Beinprothesen und betreibt Sanitätshäuser. Jedes Produkt gibt den Anwendern ein Stück aus ihrem normalen Leben zurück – ein Geschäftsmodell, das seit über hundert Jahren Ottobock eine besondere Stellung in der Wirtschaft bietet. Die Unternehmensgeschichte als wichtige Zutat des geplanten Börsengangs, der schon seit 2015 angekündigt wird, kann Ottobock zweifellos liefern. Die Bilanzen des Unternehmens und der Muttergesellschaft zeigen auch ein anderes Bild, das ebenfalls zur Firmengeschichte gehört.

15 Millionen Euro Dividenden schüttete der Prothesenhersteller Ottobock für das Corona-Jahr 2020 aus, davon gingen 12 Millionen größtenteils an den Milliardär Hans Georg Näder. Der 59-Jährige ist Mehrheitsgesellschafter des Familienunternehmens aus Duderstadt, das er nun in der dritten Generation führt. Eine bescheidene Ausschüttung für Näder, dessen Vermögen „Forbes“ auf 3,2 Milliarden Euro schätzt. Der Milliardär nahm sich aus der Muttergesellschaft in den vergangenen zehn Jahren rund eine halbe Milliarde Euro heraus, auch in Jahren, in denen das Unternehmen Verluste schrieb.

Wie Business Insider aus mehreren Quellen aus dem Umfeld des Unternehmens erfuhr, sorgten die privaten Entnahmen von Näder in den vergangenen zehn Jahren immer wieder für Diskussionen im Beirat. Wie viel Geld sich der Gesellschafter eines solchen Unternehmens privat herausnimmt, kann er frei entscheiden. Das Unternehmen teilt auf unsere Anfrage mit, dass die Familie Näder als alleinige Eigentümerin Entnahmen getätigt hat „sofern dies für die Unternehmensgruppe Ottobock in dem jeweiligen Geschäftsjahr angemessen war“.

Trotz Verlusten nahm sich Näder über 40 Millionen heraus

Auffällig ist jedoch, dass Näder sich von 2012 bis 2018 immer höhere Summen herausnahm, als der Gewinn war. 2012 verbuchte die Muttergesellschaft Näder Holding 10,8 Millionen Euro Gewinn, Näder nahm sich in dem Jahr knapp das fünffache heraus. 2015 stieg der Gewinn auf 63,8 Millionen Euro, der Milliardär nahm sich 95 Millionen heraus. Selbst als das Unternehmen Verluste schrieb, hielt dies Näder nicht davon ab, Gelder aus der Kasse zu nehmen: 2018 bei Verlusten von 107 Millionen Euro nahm sich Näder über 40 Millionen heraus. Das Unternehmen betont, dass nur Mittel entnommen wurden, „die für die Planung der Unternehmensgruppe nicht nötig waren“.

Hatte das Unternehmen die Millionen wirklich nicht nötig? Im Jahr 2017 nahm die Tochtergesellschaft Ottobock jedenfalls einen Bankkredit in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro auf. Im selben Jahr verkaufte Näder 20 Prozent der Ottobock-Anteile an den schwedischen Finanzinvestor EQT. Laut dem Unternehmen liegt die Verschuldung der Ottobock Unternehmensgruppe „in der aktuellen Phase der Wachstumsstrategie genau im Rahmen der Planungen“.

Sinkt das Eigenkapital über die Jahre, steht ein Unternehmen auf wackligen Beinen

Die Entnahmen sind nicht nur in Bezug zu den Schulden relevant. Schaut man sich die Jahresabschlüsse der vergangenen zehn Jahre an, zeichnet sich eine klare Tendenz ab. Seit 2010 schwand das Eigenkapital des Prothesenherstellers sichtbar. Betrug noch 2016 das Eigenkapital des Unternehmens über die Hälfte des Gesamtvermögens, sank 2019 der Anteil auf 15,5 Prozent. Die Höhe des Eigenkapitals ist neben anderen Faktoren ein Indikator für die Solidität eines Unternehmens.

Bilanzexpertin Carola Rinker analysiert in ihrer Rolle als Sprecherin für die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger Bilanzen von Unternehmen. „Wenn der Anteil des Eigenkapitals immer geringer wird, steht das Unternehmen irgendwann auf sehr wackligen Beinen“, sagt Rinker über die Relevanz der Eigenkapitalquote.

Auch in der Muttergesellschaft sank das Eigenkapital seit 2010 stetig und lag 2019 bei 26 Prozent. Wie es dem Unternehmen aktuell geht und ob die Wachstumsstrategie, die Ottobock verfolgt, sich auch in den neuesten Zahlen widerspiegelt, bleibt offen. Ottobock veröffentlichte bisher keine Zahlen für 2020. Lediglich aus der Dividendenbekanntmachung 2020 erfährt man, dass der Bilanzgewinn 2020 mit 46 Millionen Euro über den des Vorjahres blieb.

Der Einstieg von EQT ging mit der Voraussetzung einher, dass Ottobock umstrukturieren muss. Die Kunststoffsparte wurde kurz danach verkauft und andere Unternehmen dazugeholt. Innovation in der Branche der Prothesen und Medizintechnik ist ausschlaggebend, die Holding erwarb 2019 also für insgesamt rund 100 Millionen Euro neben Sanitätshäuser und Unternehmensanteile auf dem nordamerikanischen Markt auch Start-ups, die die Forschung und Entwicklung vorantreiben sollen.

Ertragsaussichten für die nächsten 50 Jahre

Die Muttergesellschaft setzt darauf, dass die Firmenwerte für besonders lange Zeit Ertragsaussichten versprechen. Bilanzexpertin Rinker fällt dabei auf, dass die Bilanzen der Näder Holding einen sehr hohen Firmenwert im Vergleich zur Bilanzsumme ausweisen und ein Teil davon auf unüblich lange Zeit abgeschrieben wird. „15 bis 50 Jahre Nutzungsdauer für Firmen sind generell ungewöhnlich hoch. Aus steuerrechtlicher Sicht durfte eigentlich die Abschreibung 15 Jahre nicht überschreiten“, erklärt Rinker. „Oft dienen langfristige Abschreibungen dazu, den Gewinn des Unternehmens zu strecken oder die Verluste kleiner zu halten“, sagt die Bilanzexpertin.

Wofür verwendet Näder die vielen Millionen? „Im Rahmen seiner langfristig und nachhaltig orientierten Strategie setzt das Family Office der Familie Näder auf eine breite Diversifizierung seiner Investitionen“, antwortet das Unternehmen auf unsere Anfrage, wie sich die hohen Entnahmen erklären.

Eine prominente Investition Näders befindet sich auf dem Areal der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Berlin, bei dem nur die Baukosten des Stararchitekten David Chipperfield 40 Millionen Euro kosteten. Auf dem Gelände plant Näder neben Mietwohnungen, Gastronomie und Startup-Hub auch einen medizinischen Campus, das vom Unternehmen Ottobock gemietet wird. Anders als viele deutsche Milliardäre, die das Image des sparsamen und bodenständigen Geschäftsmannes nach außen tragen, scheint Näder kein Geheimnis aus seinen Milliardärs-Accessoires machen zu wollen. Eine ausgefallene Yacht, Privatjets, Kunstsammlungen und Prestige-Projekte wie die Bötzow-Brauerei oder das mittlerweile dauerhaft geschlossene Science Center am Potsdamer Platz gehören dazu.

Ob der ready-to-spend Milliardär als geschäftsführender Gesellschafter beim geplanten Börsengang genauso gut ankommt wie die beeindruckende Firmengeschichte, wird sich zeigen, wenn Ottobock der Börsengang gelingt. Derzeit ist er nur vage für "nach 2020" angekündigt.

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.