Ein Inselreich für einen Flughafen – und Konkurrenz für „RMS St Helena“

Die Eröffnung des Flughafens auf der Insel St. Helena vor der südafrikanischen Küste rückt näher. Sollte er wirklich - wie geplant - im Oktober in Betrieb gehen, nimmt die Abhängigkeit vom Postschiff „RMS St Helena“ ab.


Eigentlich ist die kleine Felseninsel St Helena im Südatlantik weltweit als Verbannungsort von Napoleon bekannt. Hier, in einem der heute letzten Überbleibsel des britischen Empires, starb der französische Kaiser 1821nach fast sechs Jahren im Exil – weitab vom Rest der Welt. Der nächste Ort auf dem afrikanischen Festland in Angola liegt mehr als 2.000 Kilometer von St. Helena entfernt.

Alle drei Wochen kam deshalb bislang das alte Postschiff „RMS St Helena“ aus Kapstadt an dem „verfluchten Fels“ – vorbei wie Napoleon die Insel stets nannte – mit ein paar Passagieren, Lebensmitteln und anderer Fracht. Fünf Tage braucht der in die Jahre gekommene Kahn für die 3.000 Kilometer lange Seereise vom Kap der guten Hoffnung. Kein Wunder, dass sich die rund 4.000 verbliebenen Einwohner der Insel von ihrer Regierung in London seit langem einen Flughafen gewünscht hatten – nicht zuletzt, um endlich den Napoleon-Tourismus zu beleben.


Flugzeuge sollen demnach bis zu 30.000 Gäste pro Jahr auf den Vulkanfels von der Größe Sylts vor der afrikanischen Küste bringen. Dies soll nicht nur die starke Abwanderung stoppen, sondern das ärmliche Eiland obendrein auch endlich von den Unterhaltszahlungen der britischen Regierung unabhängig machen. Gästehäuser und Autovermietungen sind längst eingerichtet. Und auch ein Hotel aus dem18. Jahrhundert wurde für umgerechnet 2,5 Millionen Eurofrisch renoviert.

Mitte 2016 sollte es eigentlich soweit sein: Für knapp 300 Millionen Euro war damals nach vierjähriger Bauzeit tatsächlich ein kompletter Flughafen auf der einsamen Insel fertiggestellt worden – mit Kontrollturm, Aussichtsplattform und Feuerwehrauto. Nur eines fehlt bislang, jedenfalls in größerer Anzahl: Flugzeuge. Gelandet sind in den15 Monaten seit der offiziellen Eröffnung nur ein paar Maschinen, darunter vor allem Privatjets sowie Ambulanz- und Überführungsflüge.

Der Grund: Gleich bei der ersten und bis heute einzigen Landung eines größeren Verkehrsflugzeuges mit mehr als 100 Sitzen im April 2016 stellte sich heraus, dass die geplante Hauptlanderichtung von massiven Scherwinden heimgesucht wird. Die Maschine der südafrikanischen Comair konnte jedenfalls erst im dritten Versuch mit allergrößter Mühe landen. Dabei ist schon seit Napoleons Exil bekannt, dass auf St. Helena tückische Winde wehen, die ihre Stärke und Richtung oft abrupt ändern und für Piloten deshalb eine besondere  Herausforderung sind. Lande- und Startbahn liegen zudem auf einem Plateau, das am Ende etwa 300 Meter tief ins Meer abfällt. Für die 1.950 Meter lange Piste wurde deshalb eigens eine ganze Schlucht aufgefüllt. Fast eine halbe Million Lkw-Ladungen Schutt und Geröll waren dafür nötig.


Nach dem langen Vorlauf scheint es zur Freude der verbliebenen Insulaner nun aber verspätet doch noch zu einem Happy End und einem regelmäßigem Flugverkehr zu kommen: Ab Oktober, so wurde nun bekannt, wird die private südafrikanische Regionalfluggesellschaft SA Airlink einmal pro Woche St. Helena von Johannesburg aus via namibische Hauptstadt Windhuk anfliegen. Sechs Stunden wird der Flug dann dauern - und gelegentlich sogar auf die zwei weitere Flugstunden nördlich gelegene, ebenfalls zu Großbritannien gehörige Insel Ascension weitergeführt.

Zum Einsatz kommt dabei nun aber nun kein Touristenbomber wie eine Boeing737 sondern nur eine kleinere, aber dafür wendigere Embraer E190, von deren fast hundert Sitzen wegen Gewichtsbeschränkungen allerdings nur 76 verkauft werden können. Nach einem Bericht des britischen „Independent“ werden die Flugpreise deshalb von der britischen Regierung mit jährlich fast zwei Millionen Pfund subventioniert. Dies entspricht fast 500 Pfund je Sitzplatz. Wer nach einem Schnäppchen und ein wenig Nervenkitzel sucht, könnte hier auf seine Kosten kommen.


Mit der Eröffnung geht allerdings auch eine Ära zu Ende: Nach mehr als 27 Jahren auf See wird dann eines der letzten Postschiffe der britischen Krone ausgemustert. Dann ist das Robinson-Crusoe-Idyll auch nicht mehr das, was es seit seiner Entdeckung im Jahr 1502 immer war - und was ihm seinen  besonderen Charmeverliehen hatte: Ein Haufen Nichts, umgeben von Nichts, irgendwo im Meer zwischen Afrika und Südamerika.