Insellösungen statt Digitalisierung im Gesundheitswesen

Bei seiner Sommertour im Bundestagswahlkampf besucht Bundesminister Gröhe innovative Ärzte und Forscher. Er meidet Themen wie die verschleppte Digitalisierung im Gesundheitswesen. Doch das Problem holt ihn ein.


Gerade eben hat Hermann Gröhe über eine Videoschaltung mit einem Patienten in einer Nieren-Praxis nördlich von Hannover gesprochen. Der Bundesgesundheitsminister steht gut zehn Kilometer weiter südlich in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und besucht die Ärzte, die dem Mann eine Niere transplantiert haben. Seither kümmern sie sich um sein Wohlergehen. Auch über Video, was den Betroffenen Wege spart und hilft, engen Kontakt zu den Fachleuten  am Transplantationszentrum zu halten. Schöne neue Welt der Medizin.


Jetzt stellt sich der CDU-Politiker den Transplantations-Medizinern und Fallmanagerinnen an der MHH, die sich mit ihren Patienten digital vernetzen. Beide Seiten haben so weniger Aufwand, aber mehr Informationen und müssen hoffentlich weniger Komplikationen bewältigen. Der beteiligte Medizininformatiker und Chef des IT-Dienstleisters Symeda, Nils Hellrung, sagt, dass seine Firma diesem Patienten-Programm mit dem futuristischen Namen „NierenTx 360°“ eine elektronische Patientenakte bereitstellt. Doch: „Es ist wichtig, dass wir hier keine Insellösung schaffen“, sagt der junge Firmenchef diplomatisch. Er weiß, dass es Patienten auf Dauer wenig nützt, wenn sie Blutwerte oder den digitalen Behandlungsplan nur mit den Uni-Ärzten in Hannover austauschen können.  „Wir würden gerne eine Telematik-Infrastruktur nutzen, wenn das denn einmal möglich ist“, argumentiert Hellrung.

Da ist das Thema wieder, bei dem der Minister etwas dünnhäutig reagiert und das er selbst auf dieser Sommertour zu innovativen Medizin-Zentren in Deutschland vermeidet. Der CDU-Politiker reist einen Monat vor der Bundestagswahl quer durch die Republik – einmal von Berlin über Magdeburg und Hannover bis nach Gelsenkirchen und Neuss, seinem Wahlkreis. Gröhe ist keiner, der wie andere Gesundheitsminister vor ihm auch mal öffentlich einen Fight mit Ärzten oder Apothekern sucht. Weil die Wirtschaft gut läuft, muss er zudem keine steigenden Kassenbeiträge verkünden. Alle freuen sich auf ihn, den gut informierten, interessierten Minister. Doch das Thema Digitalisierung verfolgt ihn.


Deutschland hinkt hier im Gesundheitswesen hinterher. Anderswo, in den Niederlanden, der Schweiz und Skandinavien werden Befunde nicht mehr gedruckt und zum nächsten Arzt weitergetragen, sondern übers Netz weitergereicht. Videotermine mit Ärzten sind verbreitet. Krankenkassen bei uns hatten lange wenig Interesse am groß angelegten Umbau. Die offiziellen Ärztevertreter sahen ihren Status durch mehr Transparenz in Gefahr und mauerten mit Hinweis auf den Datenschutz. Doch längst kommt Druck von Patienten und Profis in den Praxen, die endlich bessere Behandlungsmöglichkeiten per Apps und Vernetzung nutzen wollen.

Also antwortet Gröhe hier in Hannover. Er sei ja nicht ganz der Richtige bei der Schuldfrage, setzt er an. Schließlich habe er mehr Druck bei der Digitalisierung und für eine einheitliche Infrastruktur gemacht als seine Vorgänger. „Wenn die Politik nicht endlich Gas gegeben hätte, wären wir noch längst nicht da, wo wir jetzt sind.“ Im nächsten Jahr, 2018, sollen Krankenhäuser und Arztpraxen technisch so ausgerüstet werden, dass sie tatsächlich Gesundheitsinformationen sicher digital austauschen können.


Deutschland hinkt hinterher

Zur Erinnerung: Bereits im Jahr 2003 kündigte Ministerin Ulla Schmidt (SPD) an, ab 2006 solle das Gesundheitssystem digitalisiert werden, samt elektronischer Gesundheitskarte und Patientenakte. Heute sind weit mehr als eine Milliarde Euro für die Gesundheitskarte ausgegeben. Sie kann bisher kaum mehr als bei einem Umzug des Versicherten automatisch die Adresse zu ändern.


Irgendwann war dieses Schneckentempo selbst dem geduldigen Gröhe zu viel. Er machte ein Gesetz, das den zuständigen Vertretern von Krankenkassen und Ärzten empfindliche Geldstrafen androht, wenn sie nun nicht endlich ihren immer wieder verschobenen Zeitplan einhalten. Seither scheint 2018 nun realistisch für den Start eines digitalen Gesundheitssystems.

Bereits beim vorigen Stopp der Sommertour Gröhes an der Uni Madgeburg hatten die Mediziner, die an seltenen Krankheiten forschen, das Thema angesprochen. Ihre Patienten, die oft an seltenen Chromosomenveränderungen leiden, wohnen teils über Deutschland verstreut. Auch in Magdeburg ist eine elektronische Patientenakte in eigener Regie im Einsatz. So lassen sich Distanzen zu Kindern und ihren Familien sowie erwachsenen Patienten überwinden. Die lernen auch mit den Informationen, ihre Krankheit besser selbst einzuschätzen.


Am Vorabend hatte Gröhe in Hannover dann Medizinprofis getroffen, die mit gelben Krankschreibungszetteln oder einem Ausdruck eines Röntgenbildes im Briefumschlag gar nichts mehr anfangen können. Der Gesundheitsminister traf Startups, die E-Health-Anwendungen ins Gesundheitssystem bringen wollen. Die Gründer von Neotiv etwa sprachen über ihr Produkt, das Älteren einmal helfen soll, Frühzeichen von Demenz zu erkennen und ihren Lebensstil zu ändern, um gesünder zu bleiben.

Der Mediziner Markus Müschenich, der in Berlin den Inkubator „Flying Health“ für Medizin-Startups führt, sagte gar Umstürzlerisches voraus. „Wir zählen nicht Schritte oder Kalorien, bei uns geht es um seriöse Neuerungen, die bald zur Schulmedizin gehören werden.“ Selbstbewusst schätzte Müschenisch, im Jahr 2025 sei der klassische Arztbesuch in vielen Fällen nicht mehr nötig. Programme etwa zur Früherkennung von bösartigen Hautveränderungen seien dann zudem wohl besser als die Kontrolle durch Dermatologen. 100 Milliarden Euro werde das digitale Budget im Gesundheitswesen dann umfassen, trat der ehemalige Vorstand der Sana-Klinikkette selbstbewusst auf. „Alle, die sich nicht an der Digitalisierung beteiligen, werden es mit deutlich schrumpfenden Budgets zu tun haben.“ Zum Vergleich: Dieses Jahr geben die gesetzlichen Kassen wohl rund 215 Milliarden Euro an Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds aus.