Insel sucht Arzt - Improvisationstalent schadet nicht

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Pellworm (dpa) - Arzt oder Ärztin dringend gesucht. Und das schon seit Monaten. Seit dem Sommer annonciert die Insel Pellworm bundesweit nach einem zweiten Mediziner für das gemeindeeigene Medizinische Versorgungszentrum (MVZ).

«Wir haben auch schon einige Bewerbungsgespräche geführt», sagt die MVZ-Geschäftsführerin Sonja Frohwerk. Aber noch sei alles offen, konkrete Verhandlungen mit einem Bewerber oder einer Bewerberin gebe es nicht.

Mit dem Piper unter die Dusche

Das bedeutet für den aktuellen Inselarzt Rolf-Ferdinand Gehre derzeit 24 Stunden Bereitschaft, auch am Wochenende und nachts. Es sei eine schöne Arbeit, es mache Spaß hier, sagt der 65-Jährige. Aber für einen alleine sei es zu viel. «Ich nehme meinen Piper im Moment mit unter die Dusche.». Längere Joggingrunden oder Fahrradtouren unternimmt er derzeit nicht.

Seit 2018 ist Gehre, der lange in Hannover eine Praxis hatte und daneben viel als Mediziner in Afrika unterwegs war, Arzt auf Pellworm. Schuld ist der Hund, wie er sagt. «Wir waren hier, um für den Silvesterböller geplagten Hund ein Urlaubsdomizil zu suchen, wo es weniger laut ist.»

Da er eine Impfung für einen weiteren Afrika-Einsatz brauchte, sei er während seines Aufenthalts auf Pellworm im MVZ gelandet. Hier sei er «gleich bequatscht» worden, mal drei Wochen Urlaubsvertretung zu machen. «Ich habe mich breitschlagen lassen, und mittlerweile sind es mehr als drei Jahre, die ich hier bin.»

Bis vor wenigen Monaten hat sich Gehre die Stelle geteilt. Vier Wochen Dienst, vier Wochen frei. Eine gute Reglung, wie Gehre findet. Das habe auch den Vorteil, dass man das Landleben ab und an mal mit Großstadtleben tauschen könne. Doch die junge Ärztin, mit der er sich ein dreiviertel Jahr die Stelle geteilt hatte, ist vor einigen Monaten aus familiären Gründen wieder auf das Festland gezogen. Seitdem ist Gehre allein für alles zuständig, auch den Notdienst.

Auf den anderen nordfriesischen Inseln ist die Situation entspannter. Zumindest wird hier nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein aktuell kein Allgemeinmediziner gesucht. Auf Sylt und Föhr gibt es zudem einige Fachärzte und auch Akutkrankenhäuser.

Auf den anderen Inseln ist die Lage besser

Auch auf den Ostfriesischen Inseln sind derzeit alle vorgesehenen Hausärztestellen besetzt. Auf allen sieben bewohnten Inseln gebe es mindestens zwei Hausärzte, sagte der Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) im Bezirk Aurich, Dieter Krott. Das sei nötig, um wechselnde Bereitschaftsdienste und Vertretungen zu gewährleisten.

Auf den größeren ostfriesischen Inseln Borkum und Norderney mit rund 5000 und 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern arbeiten demnach zurzeit sechs beziehungsweise sieben Hausärzte. Hinzu kommen auf Borkum auch noch zwei Internisten. Auf Norderney gibt es neben den Hausärzten zudem noch einen Kardiologen, einen Rheumatologen und einen Kinderarzt.

Wenn Ärzte wegzögen oder in den Ruhestand gingen, gestaltet sich die Nachfolgersuche laut KVN oft schwieriger als auf dem Festland. Neben einer Unterkunft auf den kleinen Wohnungsmärkten der Inseln muss beispielsweise auch ein passender Arbeitsplatz für den Partner oder die Partnerin gefunden werden.

Improvisationstalent und Humor sind wichtig

Punkte, die auch auf Pellworm eine Rolle spielen. Und auch die Arbeit unterscheidet sich gerade auf den kleineren Inseln oft von der eines niedergelassenen Arztes auf dem Festland. Gesucht wird ein Facharzt für Allgemeinmedizin oder Inneres, gerne mit der Zusatzqualifikation Notfallmedizin, weil ja auch der Notdienst dazu gehört.

Neben den rein fachlichen Qualifikationen braucht es aber noch mehr für einen guten Inselarzt. Es erfordere schon ein gewisses Selbstbewusstsein hier als Arzt, findet Pellworms Bürgermeisterin Astrid Korth. Für Berufsanfänger ohne Erfahrung sei die Stelle nichts: «Man muss ja von Augenverletzung bis Zahnschmerzen über Geburt und Herzinfarkt und Magenverstimmung alles mitnehmen können.»

Auch Improvisationstalent schade nicht, sagt Gehre. Und eine Prise Humor helfe ungemein, wenn man es mit eigenwilligen Insulanern zu tun habe, sagt der Mediziner augenzwinkernd. Einen Übersetzer für Plattdeutsch bekomme man zur Not aber gestellt.

Zudem ist man als Arzt auf Pellworm erst einmal auf sich allein gestellt, auch wenn die Zusammenarbeit mit Rettungsdienst, DRK und Sozialstation sehr gut funktioniert. Ein Krankenhaus gibt es nicht auf der Insel mit rund 1000 Einwohnern, und die Fähre fährt auch nicht immer. Es kann auch mal vorkommen, dass die Hubschrauber nicht fliegen und kein Seenotrettungsfahrzeug fährt.

Krankentransport per Fähre mitten in der Nacht

Er habe einmal fast fünf Stunden mit einem Herzinfarktpatienten gewartet, bis die Besatzung der Fähre zusammengetrommelt war, sagt Gehre. «Und dann ist ein Krankenwagen mit der Fähre rüber gefahren, mitten in der Nacht um zwei.» Das sei aber auch das Schöne - dass solche Dinge hier möglich sind, dass eine Fährbesatzung spontan den Krankentransport übernimmt.

Und auch dass beispielsweise Anfang Dezember ein inoffizielles Impfzentrum aufgebaut wird, weil es neben der Sprechstunde gar nicht zu schaffen ist, sei so eine Besonderheit Pellworms. «Da stellt die Gemeinde den Saal zur Verfügung und macht die Telefonkontakte. Und das Rote Kreuz stellt eine Mannschaft zusammen», sagt Gehre.

Eine Zeit lang möchte er den Job als Inselarzt gerne noch weiter machen - allerdings nicht alleine. Wenn aber ein Ärztepaar Interesse hätte, dann würde er auch früher seine Stelle räumen.

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