Insel der Filmkunst? Eine Vorschau auf die Highlights der Berlinale 2018

Die Berlinale hat auch 2018 wieder spannende Filme zu bieten (Bild: Berlinale / Alexander Janetzko)

Heute beginnen die 68. Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Die Filmschau wird mit Wes Andersons Animationsfilm “Isle of Dogs – Ataris Reise” eröffnet. Im Wettbewerb konkurrieren 19 Beiträge um den Goldenen und die Silbernen Bären. Aber auch abseits der Hauptsektion finden sich einige interessante Filme. Wir stellen zehn Highlights vor.

Noch ist bei der diesjährigen Berlinale alles beim Alten. Auf die im November letzten Jahres veröffentlichte Forderung von knapp 80 deutschen Filmschaffenden, das Festival grundlegend zu reformieren, hatten die Veranstalter noch keine Zeit zu reagieren. Das heißt: Dieter Kosslick ist noch immer Festival-Direktor und die internationale Filmschau ist alles andere als “entschlackt”. Zwölf Sektionen und mehr als 380 Filme bieten Fachpresse und Besuchern zwar eine große Filmauswahl, der wahre Gewinner des Goldenen Bären wäre aber derjenige, der angesichts der Angebotsvielfalt den Überblick behielte.

Oft kritisiert an der Berlinale wird auch der zu starke Fokus auf politisch und sozial engagierte Filme bei gleichzeitiger Vernachlässigung experimentierfreudiger und erzählerisch wagemutiger Beiträge. Und: Das Festival werde immer mehr der großen Namen des Kinos verlustig. Möge man in Berlin die Zuschauer für die vielen Probleme unserer Welt sensibilisieren, was schön und gut sei, die größten, talentiertesten und formal-innovativsten Filmerzähler würden aber nach Cannes oder Venedig abwandern. Die Kritik mag berechtigt sein. Dennoch haben wir auch im diesjährigen Programm so manchen interessanten Filmemacher und das eine oder andere Film-Highlight entdeckt.

Szene aus “Isle of Dogs – Ataris Reise” (Bild: 20th Century Fox)

“Isle of Dogs – Ataris Reise” von Wes Anderson (Wettbewerb)
Schon am Anfang der Berlinale 2018 steht ein echter Knaller. Wes Andersons “Isle Of Dogs – Ataris Reise” ist nicht nur Eröffnungsfilm. Der zweite Animationsilm des Kultregisseurs erhebt auch Ansprüche auf den Goldenen und den einen oder anderen Silbernen Bären. Darin begibt sich Anderson ins Japan der nahen Zukunft. Im Zentrum steht der kleine Atari, dessen Hund – wie viele andere kranke Kläffer auch – auf eine Müllinsel abseits der Stadt deportiert wurde. Für den 12-Jährigen ist klar: Er muss seinen geliebten Vierbeiner wiederfinden. Also kapert er ein Propeller-Flugzeug und fliegt damit zur Hundeinsel, zur Isle of Dogs. Zusammen mit einer Handvoll Mischlingshunde macht er sich auf die Suche nach seinem verschollenen Freund.

“Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot” von Gus Van Sant (Wettbewerb)
Lange Zeit war es still um das einstige Regie-Wunderkind Gus Van Sant. Seine letzten beiden Filme, “Promised Land” und “The Sea of Trees”, konnten weder Publikum noch Kritiker überzeugen. Nun meldet sich der Cannes-Gewinner mit “Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot” zurück. Die Geschichte, die Van Sant in der Tragikomödie erzählt, hat sich tatsächlich zugetragen. Erlebt hat sie der US-Cartoonist John Callahan, auf dessen Memoiren (dt. Titel: “Don’t worry, weglaufen geht nicht”) der Film beruht. Der Künstler war nach einem Autounfall querschnittsgelähmt, seinen Lebensmut und seine Kreativität hatte er deswegen aber nicht verloren. Im Jahr 2010 starb er mit 59 Jahren an den Folgeschäden einer Operation. “Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot” setzt seinem Leben ein Denkmal.

“Dovlatov” von Alexey German Jr. (Wettbewerb)
Alexey German Jr. ist der Sohn des legendären russischen Filmemachers Alexey German (“Es ist schwer, ein Gott zu sein”) und längst selbst ein Filmfestival-Liebling. Vor drei Jahren stellte er im Wettbewerb der Berlinale sein Drama “Pod elektricheskimi oblakami” vor, für das die Kameramänner Evgeniy Privin und Sergey Mikhalchuk den Silbernen Bären für die beste künstlerische Leistung erhielten. In “Dovlatov” erzählt German vom Leben des russisch-jüdischen Schriftstellers Sergei Dovlatov (1941–1990), dessen gesellschaftskritischen Bücher in den 1970er Jahren auf Ablehnung stoßen. Anders als so mancher seiner Kollegen entscheidet er sich zunächst, nicht ins Exil zu gehen. Er bleibt in der Sowjetunion, wo er weiter auf Konfrontationskurs mit dem Regime geht.

“In den Gängen” von Thomas Stuber (Wettbewerb)
Seit seinem Durchbruch mit “Herbert” gehört Thomas Stuber zu den großen Regie-Hoffnungen des deutschen Kinos. Mit “In den Gängen” will er an sein hochgelobtes Drama anknüpfen. In einer der Hauptrollen ist erneut Peter Kurth zu sehen. Die Handlung kreist um den Großmarkt-Angestellten Christian (Franz Rogowski), der sich in eine Kollegin (Sandra Hüller) verliebt. Das Problem: Die junge Frau ist verheiratet. Als sie krankheitsbedingt nicht mehr zur der Arbeit kommt, fällt Christian in ein tiefes Loch.

Chistian Petzolds “Transit” mit Franz Rogowski in der Hauptrolle (Bild: Verleih)

“Transit” von Christian Petzold (Wettbewerb)
Mit “Barbara” begeisterte Christian Petzold vor sechs Jahren nicht nur Presse und Publikum. Auch die Jury war angetan von dem DDR-Drama, weshalb sie Petzold zum besten Regisseur des Jahrgangs wählte. Bei “Transit” diente dem Filmemacher der gleichnamige Roman-Klassiker von Anna Seghers als Vorlage. Dabei bediente er sich eines besonderen Tricks, indem er Seghers Zweite-Weltkriegs-Geschichte in das heutige Frankreich verlagert hat. Ganz nach seinem Motto, dass man die Vergangenheit erzählerisch “vergegenwärtigen” soll. Im heutigen Frankreich also befindet sich ein junger Mann namens Georg (Franz Rogowski) auf der Flucht vor deutschen Truppen, die im Begriff sind, Paris einzunehmen. In seiner Tasche hat er die Hinterlassenschaft eines Schriftstellers, dessen Identität er annimmt.

“Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” von Philip Gröning (Wettbewerb)
Auch Philip Gröning ist ein Großer seines Fachs, so richtig gemerkt haben das allerdings die wenigsten. Mit “Die große Stille” und “Die Frau des Polizisten” hat der Filmemacher herausragende Film-Kunstwerke gedreht. Sein neues Drama mit dem schönen Titel “Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” handelt vom Auf und Ab in der Beziehung der Zwillingsgeschwister Elena (Julia Zange) und Robert (Josef Mattes), die sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden befinden. Eines Tages provoziert Elena ihren Bruder mit einer Wette: Bis zum bevorstehenden Abitur will sie mit einem Mann geschlafen haben. Wenn sie gewinnt, kann er sich was von ihr wünschen, jedoch nichts Gegenständliches. Man merkt schon, wohin das führen könnte. Tatsächlich wird aus Spiel bald Ernst.

“Twarz” von Malgorzata Szumowska (Wettbewerb)
Malgorzata Szumowska ist keine Unbekannte für die Berlinale. Vor drei Jahren gewann die 1973 geborene polnische Filmemacherin für ihr magisch-realistisches Drama “Body” den Regiepreis. Das Motiv Körper spielt auch in ihren neuen Spielfilm eine wichtige Rolle. Szumowska erzählt in “Twarz” von einem selbstbewussten und selbstverliebten jungen Mann, dessen Gesicht nach einem Arbeitsunfall entstellt wird. An der Gesichtstransplantation, der ersten in Polen, nimmt das ganze Land teil.

“Unsane – Ausgeliefert” von Steven Soderbergh (Wettbewerb, außer Konkurrenz)
Nicht nur in der Wettbewerb-Sektion findet sich so manches Festival-Highlight. Auch andere Sparten bieten sehenswerte Filme. Einer davon ist Steven Soderberghs “Unsane – Ausgeliefert”. Der US-Filmemacher steht nicht nur für Genre-Unterhaltung auf erzählerisch höchstem Niveau. Er ist auch bekannt dafür, mit seinen Filmen formal und erzählerisch neue Wege zu gehen, wie man zuletzt an der interaktiven Serie “Mosaic” sehen konnte. Im Psycho-Drama “Unsane – Ausgeliefert” erzählt Soderbergh die Geschichte einer jungen Frau (Claire Foy), die auf der Flucht vor einem Stalker unfreiwillig in einer psychiatrischen Klinik landet. Hier stellt sie fest, dass ihr Verfolger sich unter dem Personal befindet. Wird sie von den Ärzten zu Unrecht für verrückt gehalten? Oder kann sie tatsächlich nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden?

Emily Mortimer als Buchladen-Besitzerin Florence Green in Isabel Coixets “Der Buchladen der Florence Green” (Bild: Capelight Pictures)

“Der Buchladen der Florence Green” von Isabel Coixet (Berlinale Special)
In ihrem neuen Film “Der Buchladen der Florence Green” feiert die spanische Filmemacherin Isabel Coixet die Liebe zur Literatur. Versinnbildlicht wird die Leseleidenschaft an der Person der Florence Green (Emily Mortimer), die Ende der 1950er Jahre ihren Traum verwirklicht und einen Buchladen eröffnet. In den Regalen der Buchhandlung finden sich Bücher, die heute zu den Klassikern der Weltliteratur zählen, angefangen mit Vladimir Nabokovs Skandalwerk “Lolita” bis zum Sci-Fi-Kultroman “Fahrenheit 451” von Ray Bradbury. Zu den begeisterten Lesern gehört auch der einsame Mr. Brundish (Bill Nighy), der aber auch ein Auge auf die Ladenbesitzerin geworfen hat.

“Inkan, gongkan, sikan grigo inkan” von Kim Ki-duk (Panorama)
Vor fünfeinhalb Jahren gewann Kim Ki-duk für “Pieta” den Goldenen Löwen in Venedig. Auch auf der Berlinale war der ebenso renommierte wie umstrittene südkoreanische Filmemacher einmal siegreich. Für “Samaria” erhielt er den Regiepreis. Mit seinem neuen Film “Inkan, gongkan, sikan grigo inkan” schafft er es aber “nur” in die Sektion Panorama. Vielleicht wollten die Festivalveranstalter eine Welle der Empörung vermeiden. Kim gehört zu den gefallen Filmemachern infolge des Vorwurfs wegen sexuellen Missbrauchs. Eine Schauspielerin wirft ihm vor, 2013 bei Dreharbeiten sexuell misshandelt zu haben.