Inkitt-Gründer sucht mithilfe eines Algorithmus nach dem nächsten Bestseller

Der aus dem Irak geflohene Wahlberliner lässt bei seinem Start-up Inkitt Autoren ihre Bücher hochladen und Leser sowie einen Algorithmus entscheiden, was gedruckt wird.

In seinem Manuskript lässt der Hobby-Autor Ali Albazaz russische Blogger über Putins Freundin schreiben und vor dem Geheimdienst fliehen. Sein echtes Leben ist nicht weniger spannend. Im Irak geboren, flüchtete er mit seinen Eltern in den Iran, als er drei Jahre alt war.

Mit zehn Jahren kam er schließlich nach Deutschland, und heute ist der 28-Jährige nach zwei gescheiterten Unternehmen Gründer und CEO von Inkitt. Er betreibt einen Verlag, der die Entscheidung über einen Autor nicht den Lektoren, sondern den Lesern überlässt. Die richtige Suche nach Bestsellern stellt Verlage schon seit vielen Jahren vor Probleme.

In New York hat Albazaz gerade bei der Start-up-Night des German Accelerator unter großem Applaus die Auszeichnung für das beste Start-up seiner Runde entgegengenommen. Der German Accelerator hilft deutschen Start-ups, in den USA Fuß zu fassen. Für Inkitt, das bisher nur auf Englisch verlegt, ist Amerika schon heute der wichtigste Markt.

75.000 Autoren haben bereits ihre Manuskripte bei dem Anbieter hochgeladen. Mehr als zwei Millionen Leser greifen per Inkitt-App auf die Bücher zu. Dabei registriert Inkitt nicht nur, welche Bücher die Leser aussuchen. Das Programm verfolgt vor allem, wie stark die Leser auf ihrer App dabeibleiben. Wenn Sie das Buch in der U-Bahn und bis spät in die Nacht lesen, dann weiß das Programm, dass dort der nächste Bestseller lauert.

„Ich glaube nicht an die Spürnase der Lektoren. Spürnasen sind subjektiv, und sie zerstören oft Träume von Menschen, die erfolgreich sein könnten“, sagt Albazaz. Er zählt auf, wie oft erfolgreiche Autoren mit ihren ersten Manuskripten bei den Verlagen abgelehnt wurden: Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling bekam von 13 Verlagen eine Absage, Stephen King von 30 und Stephanie Meyer mit ihrer Twilight-Triologie von 14. „Als ich das gehört habe, dachte ich mir, dass man den Erfolg eines Buches anders herausfinden müsste“, erzählt der Wahl-Berliner.

Albazaz selbst hatte das Unternehmertum nach zwei gescheiterten Versuchen eigentlich schon abgeschrieben und arbeitete als Programmierer in Berlin. Doch das Schreiben hat ihn schon immer fasziniert. Und weil er Feedback von anderen Autoren für sein eigenes Manuskript wollte, programmierte er eine Plattform, auf der Autoren ihre Manuskripte austauschen konnten. Schon bald tummelten sich 100 Autoren auf der Plattform. Die Idee, den Schwarm – also eine Masse von Internet-Lesern – entscheiden zu lassen und als Verleger aktiv zu werden, kam erst später.

„Wollen der objektivste Verlag der Welt zu sein“

Ende 2014 baute er die Datenanalyse ein und konnte Investoren überzeugen, ihn mit fünf Millionen Euro zu finanzieren. Im kommenden Jahr steht die nächste Runde an – wahrscheinlich über deutlich mehr Geld. Auch ein Börsengang ist mittelfristig geplant. „Unsere Mission ist es, der fairste und objektivste Verlag der Welt zu sein“ steht an der Wand im Inkitt-Büro. Daneben hängt eine fiktive Bestsellerliste der „New York Times“, von der die Hälfte der Titel bei Inkitt erschienen ist. „Da wollen wir hin“, sagt Albazaz ohne Scheu.

Dass es Zeit ist, das traditionelle Verlagswesen aufzumischen, davon ist auch Thomas Nachtwey, Berater bei Oliver Wyman, überzeugt. „Es ist schon erstaunlich, dass sich bei den Verlagen am Grundmechanismus bei der Entscheidung über ein Buch nichts geändert hat“, bemerkt Nachtwey. Und oft liegen die Verlage daneben.


„Dass ein Lektor das alleine entscheidet, ist nicht mehr zeitgemäß“, ist Nachtwey überzeugt. Die Verlage hätten sich bei der Innovation auf den Aspekt der Vermarktung konzentriert, aber nicht auf den Prozess davor. „Inkitt ist ein interessanter Weg, die Fehlerquote zu senken und generell mehr Manuskripte aufnehmen zu können“, lobt der Berater. Allerdings sieht er auch Risiken: „Das größte Risiko ist, dass sie von großen Verlagen oder anderen Konkurrenten nachgeahmt werden.“

Außerdem müsste Inkitt aufpassen, dass sie nicht nur eine bestimmte Lesergruppe mit bestimmten Vorlieben ansprechen. „Denn so findet man nicht den nächsten Harry Potter“, mahnt Nachtwey. In der Jury bei der Start-up-Night des deutschen Accelerator sitzt auch Sim Blaustein, Partner bei Bertelsmann Digital Media Investments. Er findet den jungen Bertelsmann-Konkurrenten ebenfalls interessant und will wissen, wie Inkitt aus seinen Entdeckungen Geld machen will.

Tatsächlich müssen Autoren schon bei der Veröffentlichung ihres Manuskripts auf der App Inkitt die Rechte für eine mögliche Verfilmung geben. Fairness ist dem Hobby-Autor Albazaz dabei nach eigenen Angaben wichtig. Von Knebelverträgen, die Autoren für die nächsten Bücher schon binden, will er nichts wissen. Von den großen Verlagen wird er gerne als wenig literarisch abgetan. Aber dazu steht Albazaz: „Wir sind nicht so literarisch. Wir wollen gute Unterhaltung bieten.“

Von Berlin in die Welt

50 Bücher hat Inkitt allein in den vergangenen zwölf Monaten veröffentlicht. Auch die australische Inkitt-Autorin Simone Elise hat es mit ihrem Roman „Reaper’s Claim“ auf die Amazon-Bestsellerliste geschafft. Mit ihr probiert Inkitt demnächst ein ganz neues Produkt aus: Auf der App soll es täglich fünf bis zehn Minuten geben – ein Mix aus Netflix und Buch mit Geräuschen und anderen Formaten. „Ein ganz neues Storytelling“, schwärmt Albazaz, der seit Neuestem seinen Labrador-Welpen mit ins Büro bringt.

Bisher hat sich Inkitt auf die englische Sprache beschränkt. Doch in zwei Jahren will er auch auf Deutsch, Französisch und Spanisch publizieren. Heute arbeiten 18 der insgesamt 28 Mitarbeiter in Berlin. Keiner von ihnen ist Berliner, die meisten sind aus anderen Ländern gekommen. In Zukunft will Albazaz rund die Hälfte der Mitarbeiter in New York beschäftigen – vor allem im Marketing und im Vertrieb. Datenanalyse und Programmierung soll in Deutschland bleiben.

Einen durchaus bekannten Fan hat Albazaz bereit: Der Erfolgsautor Paulo Coelho war so begeistert von dem Projekt, dass er vor zwei Jahren für kurze Zeit einen Teil seines Werks „Manual of the Warrior of Light“ auf Inkitt gestellt hat. Auch den Investor Frank Thelen konnte Albazaz jüngst überzeugen, wie er der „Wirtschaftwoche“ sagte: „Inkitt ist das, was ich mir unter einem innovativen Start-up vorstelle: Es nutzt neue Technologie, um sich einen Platz in einem bestehenden Markt zu erkämpfen.“