Wie Inga Beale Lloyd's gegen den Brexit absichert

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Wie Inga Beale Lloyd's gegen den Brexit absichert

Inga Beale ist Chefin des ältesten und größten Spezialversicherers der Welt – und muss Lloyd's nun durch die Veränderungen durch den Brexit führen.


Es gibt da diese kleine Anekdote über Inga Beale. Sie liegt ein paar Jahre zurück, erklärt aber, wie die Chefin des weltgrößten Spezialversicherers Lloyd’s of London tickt. Beale war damals seit Jahren in der Finanzsparte von General Electric, eingesetzt in London. Nun hatte sie die Chance, in der Versicherungssparte des Konzerns Karriere zu machen, allerdings in Missouri, amerikanisches Hinterland. „Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ“, sagt die Britin heute. Sie ging trotzdem. Zum Abschied bastelten ihr die Kollegen ein Buch mit Bildern der Filmmagierin Dorothy Gale. Die entdeckt, gewappnet mit knallroten Slippern, ständig neue Welten. Den Kopf der Dorothy überkleben die Kollegen mit Fotos von Beale.

Die nahm das als Ansporn, entspannt an die neue Aufgabe in der ungewohnten Weltecke zu gehen.

Drei Dinge erzählt das über Beale: Die Frau schlägt sich gerne durch unbekanntes Terrain; sie hat einen sehr offensiven Karrieregeist. Und ohne Zwischenmenschliches fehlt ihr das Umfeld für Topleistungen. Das war offenbar in Missouri gegeben. Denn der Schritt erwies sich als Grundstein für eine außergewöhnliche Karriere, die Beale mittlerweile auf den wohl extravagantesten Posten der weltweiten Versicherungswirtschaft geführt hat: Heute leitet Beale den mit Abstand größten und ältesten Spezialversicherer der Welt: Lloyd’s of London. 330 Jahre Geschichte. Fast 34 Milliarden Euro Prämiensumme. Lloyd’s ist dabei kein echtes Unternehmen sondern eine Versicherungsbörse.


Hier bilden Makler und Geldgeber Konsortien und Syndikate und verschaffen Kunden so Schutz gegen sehr spezielle Risiken. David Beckham versicherte bei Lloyd’s seine Beine, Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards seine Finger.

Und Inga Beale ist die Frau, die das Traditionshaus nun in ein neues Zeitalter führen muss. Denn die gesamte Versicherungswirtschaft steht vor den wohl dramatischsten Umbrüchen der vergangenen Jahrzehnte. Niedrigzinsen, politische Unsicherheit und der Brexit quälen die Branche. Doch Beale ist sich sicher, dass sie es kann. So wie sie es gegen alle Wahrscheinlichkeiten schaffte, in der männerdominierten Versicherungswirtschaft nach oben zu kommen, möchte sie es nun gegen alle Wahrscheinlichkeiten schaffen, ihr Unternehmen durch die Wirrnisse dieser Zeit zu navigieren.

Ein Julitag, London. Beale hat sich gerade die neueste Bevölkerungsstatistik für London angesehen. 8,8 Millionen Menschen leben jetzt in der britischen Hauptstadt, im Vergleich zum Vorjahr wieder ein kleines Plus. „London ist immer noch eine der aufregendsten Städte der Welt“, freut sich die Lloyd’s-Chefin. Ihr Blick streift durch die bodentiefe Glasfront ihres Büros über die Dächer der Stadt: Baukräne funkeln in der Nachmittagssonne, Blechlawinen in den Straßen; unten, winzig klein, hetzen Anzugträger durch die Hochhausschluchten.


Und doch ist in Beales Stadt seit dem Brexit-Votum fast nichts mehr, wie es mal war. „Alle blicken mit Sorge in die Zukunft“, sagt Beale, die mit Sorge in die Zukunft blickt. Das Lachen versiegt. Ernste Miene. Dann zählt die 54-Jährige auf: Versicherer, Banken, Broker. Alle, die durch ihren Herzug die City einst reich machten, haben ihre Notfallpläne in der Schublade. Sollte es zu einem harten Brexit kommen, wird für die meisten von ihnen ein individueller Lexit folgen, der Auszug aus London. Beale selbst eröffnet für Lloyd’s gerade eine Dependance in Brüssel. Von dort aus wird der größte Spezialversicherer der Welt dann sein Geschäft mit Kunden in der Europäischen Union betreiben.

Beales Finger wandern durch eine Broschüre mit vielen Zahlen und Grafiken. Die Lloyd’s-Chefin referiert: Etwa 35.000 Spezialisten arbeiten in London für Lloyd’s, rund zehn Prozent steuert der Versicherer zur Wirtschaftsleistung der britischen Hauptstadt bei. Wenn Lloyd’s wegen des Brexits Aktivitäten in andere Länder verlagert, trifft das London. Doch der geplante EU-Austritt schlägt auch auf die Bilanz des Traditionsversicherers durch. „Die Vorbereitungen kosten viel Geld“, sagt Beale.



Auch ohne Brexit reichlich Baustellen


Dabei hat Beale, die in ihrer Geburtsstadt Newbury westlich von London Wirtschaftswissenschaften studierte und ihre Karriere 1982 bei dem britischen Versicherer Prudential begann, auch ohne den Brexit reichlich Baustellen. Die niedrigen Zinsen drücken bei den Versicherern auf die Renditen bei der Kapitalanlage und verschärfen die Konkurrenz innerhalb der Branche. Der Lloyd’s-Gewinn stagnierte im vergangenen Jahr bei umgerechnet 2,4 Milliarden Euro.

Dominick Hoare kümmert sich für den Münchner Rückversicherer Munich Re um das Geschäft mit Lloyd’s of London. Der größte Rückversicherer und der größte Spezialversicherer der Welt sind enge Partner. Von seinem Büro kann Hoare beinahe in die Lloyd’s-Büros blicken. Von einem „schwierigen Umfeld“ spricht Munich-Re-Mann Hoare, „es ist viel zu viel Kapital im Markt“. Allerdings glaubt Hoare auch: Mit Beale stehe die richtige Frau an der Spitze des Traditionshauses. Es sei eine „sehr schöne Überraschung“ gewesen, als Lloyd’s die Personalie Beale vor beinahe vier Jahren bekannt gemacht habe, sagt Hoare. Nicht nur fachlich, woran ohnehin in London niemand zweifelt, sei Beale eine gute Wahl gewesen.

Auch dass in dieser muffigen Institution endlich und zum ersten Mal jemand anderes als ein älterer, grauer Herr die Geschäfte führt, kam in der eigentlich nicht auf Außergewöhnlichkeiten bedachten Branche gut an.


Im Jahr 1686 gründete Edward Lloyd in einem Café, nur wenige Straßen entfernt vom heutigen Stammsitz, die Versicherungsbörse. Das Lokal war beliebt bei Seefahrern, Schiffsbesitzern und Geschäftsleuten, die mit den Kolonien des Empire Handel trieben. Ein idealer Ort, um Versicherungen für Schiffsladungen anzubieten. Das Geschäft entwickelte sich gut, doch Lloyd’s musste auch immer wieder Rückschläge einstecken. Die 1912 gesunkene Titanic war bei Lloyd’s versichert, genauso wie der Öltanker Exxon Valdez und das World Trade Center in New York. Weltraumsatelliten, Ölplattformen oder Verkehrsflugzeuge gehören auch zum Kerngeschäft.

Die frühere Rugbyspielerin Beale liebt es, sich durch unsicheres Terrain zu kämpfen. Sie hat angefangen, in der Versicherungswirtschaft zu arbeiten, als die Branche noch eine reine Männerwelt war. Insgesamt 14 Jahre hat sie in der Finanzsparte von GE gearbeitet, unter anderem in München. Vor gut zehn Jahren wechselte sie zu dem Schweizer Rückversicherer Converium und schaffte es, das ins Schlingern geratene Unternehmen wieder in die Spur zu bringen. Zwischendurch hat sie eine Auszeit genommen, ist mit dem Rucksack ein Jahr durch Asien gereist. Völlig unprätentiös, geradeheraus und natürlich: So beschreiben ehemalige Weggefährten Beale. Kollegen fällt auf, dass sie eigentlich überall ihr Wasser direkt aus der PET-Flasche trinkt.

Bei anderen Versicherungschefs nur schwer denkbar.


Und tatsächlich wirkt die Britin, als könne sie sich gar nicht verstellen. „Es war ein großes Ding am Anfang, vor allem wegen der herausgehobenen Stellung von Lloyd’s“, sagt Beale etwa über ihren Antritt bei der Londoner Institution. Zu ihrer Bisexualität hat Beale sich bereits bekannt, als andere darüber nicht mal im Freundeskreis geredet haben; den Schlüsselanhänger mit den Regenbogenfarben trägt sie schon seit Jahren. Will Beale ihre herausgehobene Position nutzen, um für mehr Toleranz bei bei der sexuellen Orientierung zu werben? „Nein“, sagt sie, „aber wenn sich andere durch mich ermutigt fühlen, freut mich das natürlich.“

Vier Etagen belegen die Versicherer und Broker in dem Atrium der Lloyd’s-Zentrale, einem Gebäude mit auffälliger Stahlverkleidung. In der Mitte hängt eine alte Glocke. Jedes Mal, wenn ein Schiff gesunken war und die versicherte Ladung in die Tiefe gerissen hatte, wurde bei Lloyd’s geläutet. Bei großen Katastrophen schlagen sie die Glocke auch heute noch, zuletzt bei dem Terroranschlag auf ein Popkonzert in Manchester.



Intensive Beschäftigung mit dem globalen Terror


Beale beschäftigt sich intensiv mit dem globalen Terror. Es ist, ähnlich wie die Cyberkriminalität, eines der sogenannten neuen Risiken, die Versicherer rund um den Globus für sich als Geschäft der Zukunft entdeckt haben. Sie selbst liest viel dazu, arbeitet sich ein in die komplexe Materie. Beale ist der Typ Chef, der insgesamt gut delegiert, aber bei einigen Spezialthemen, die sie besonders interessieren, erstaunliche Detailliebe entwickelt. So neigt sie einerseits dazu, ihre Assistentin mit allerlei Anforderungen auf Trab zu halten. Nur Tischreservierungen im Restaurant und ihren Kaffee macht sie selbst. Beides ist ihr wichtig.

Wie eben auch das Terrorthema fürs Geschäft. Die letzten Anschläge in London und Manchester hat sie sich genau angesehen. Es mag zynisch klingen, doch bei jedem Terrorangriff lernt Beale dazu. Welchen Sprengstoff verwenden die Terroristen? Wie beschaffen sie sich ihre Fahrzeuge? Alles wertvolle Informationen für die Bepreisung entsprechender Versicherungen. Die Welt, sagt Beale irgendwann an diesem Tag, sei noch nie so volatil gewesen. Sie und ihre Leute versuchen dennoch, das Chaos in Formeln und Rechnungen zu pressen. Egal, wie sehr die Welt rotiert, das Geschäft muss ja weitergehen.

Es sind neue Risiken, bei denen es, anders als etwa bei Versicherungen für Flugzeuge, keine jahrzehntealten Erfahrungswerte gibt. „Das macht die Kalkulation so schwierig“, sagt Beale. Da wäre etwa die Cyberkriminalität. Kräftiges Wachstum versprechen sich Versicherer weltweit in dem Feld, im vergangenen Jahr lagen die Prämien gegen Hackerangriffe weltweit bei 2,5 Milliarden Dollar, bis 2020 erwartet die Branche eine Verdreifachung. Gutes Geschäft. Aber wie konkret sehen die Risiken wirklich aus? Beales Leute rechnen noch. Oder das Beispiel Airbnb. Einem solchen Start-up Versicherungen zu verkaufen ist schwierig.


Bei einem Hotelkonzern kennt der Versicherer die Gebäude, das Management und weiß im Großen und Ganzen, mit welchem Personal die Hotels arbeiten. Airbnb dagegen vermittelt Hunderttausende Privatzimmer, alles sehr kleinteilig. Monatelang mussten sie sich durch die Datenberge des Unternehmens aus Kalifornien wälzen, um die Prämie berechnen zu können.


Als Nächstes will Beale Lloyd’s nach Asien führen. Auch wenn das Traditionshaus Weltmarktführer für Spezialrisiken ist, glaubt Beale nicht, dass die Kunden aus Fernost selbstverständlich nach London kommen. „Wir müssen unsere Expertise dorthin bringen“, sagt sie. In der Zentrale an der Lime Street machen die Asiaten schon mal Bekanntschaft mit dem Spezialversicherer. Neben dem Haupteingang gibt es einen Souvenirladen. Vor den Regalen stehen vor allem chinesische Touristen.

Beale selbst hat für sich persönlich übrigens schon eine Brexit-Strategie ersonnen: Egal, ob harter, weicher oder kein Brexit – sie will ihr Büro in London nicht mehr räumen. „Sehr viele Gesichter, die ich aus früheren Jahren kannte“, hätten sie nach ihrer Rückkehr in London wieder freundlich aufgenommen. Deswegen möchte sie nicht noch mal irgendwo ins Hinterland. Für die Karriere braucht sie das ja auch nicht mehr.