Inflation verharrt bei 7,5 Prozent, doch Experten fürchten Preisschub im Herbst - So will Lindner bei Kindergeld und Steuern entasten

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Die Inflation in Deutschland verharrt auf hohem Niveau. Im Monat Juli stiegen die Verbraucherpreise um 7,5 Prozent. Das teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Im Juni hatte die Inflationsrate bei 7,6 Prozent gelegen, im Mai auf dem bisher höchsten Wert von 7,9 Prozent.

Die Preise steigen damit in Deutschland weiter so schnell wie seit dem ersten Golfkrieg vor über 40 Jahren nicht mehr und wie nur sehr selten in der Geschichte der Bundesrepublik. Allein zum Vormonat verteuerten sich die Preise um 0,9 Prozent.

Nach der für die Europäische Zentralbank maßgeblichen Berechnung des "Harmonisierten Verbraucherpreisindex" lag die Inflation in Deutschland im Juli sogar bei 8,5 Prozent. Der Unterschied ergibt sich aus einem etwas anderen Warenkorb, dessen Preise in die Inflationsrate eingehen.

„Hauptursachen für die hohe Inflation sind nach wie vor Preiserhöhungen bei den Energieprodukten. Leicht dämpfend wirkten sich seit Juni das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt“, sagte der Präsident des Bundesamtes, Georg Thiel. Nach Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft wäre die Inflationsrate ohne diese Eingriffe um etwa zwei Prozentpunkte höher.

Laut Rechnung des Statistischen Bundesamtes schwächten Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket die Teuerung der Ausgaben im Segment Verkehr auf 5,4 Prozent ab. Vor dem Start beider Maßnahmen hatte sie im Mai für dieses Segment noch bei 16,3 Prozent gelegen.

Neben den höheren Energiekosten treiben vor allem Engpässe durch unterbrochene Lieferketten sowie deutliche Preisanstiege auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen die Inflation. Dadurch verteuerten sich insbesondere viele Nahrungsmittel.

Nahrungsmittel waren im Juli um 14,8 Prozent teurer als vor einem Jahr. Damit hat sich der Preisauftrieb den fünften Monat in Folge verstärkt. Bei allen Nahrungsmittelgruppen stiegen die Preise. Erheblich teurer wurden Speisefette und Speiseöle (+44,2 Prozent) sowie Milchprodukte und Eier (+24,2 Prozent). Auch für andere Nahrungsmittel stiegen die Preise zweistellig, unter anderem für Fleisch und Fleischwaren (+18,3 Prozent).

Die Inflationsrate ohne Berücksichtigung von Energie und Nahrungsmitteln lag bei 3,2 Prozent und damit nicht einmal halb so hoch wie die Gesamtinflationsrate.

Ab September droht ein neuer Preisschub

Da Tankrabatt und Neun-Euro-Ticket bis Ende August laufen, rechnen Experten zunächst noch mit einer stabilen Inflationsrate. Hinzu kommt, dass aktuell auch einige Rohstoffpreise zurückgegangen sind, da weltweit die Sorge vor einer Rezession mit entsprechend niedrigerer Nachfrage wächst.

Ab September droht aber ein neuer Inflationsschub. Dies gilt zum einen, wenn das Neun-Euro-Ticket nicht oder zu einem höheren Preis ersetzt wird. Zum anderen verteuert ab Oktober die Gasumlage die Energie noch einmal. „Fiele die Gasumlage mit 1,5 Cent niedrig aus, würde die Inflation im Oktober auf gut 9 Prozent steigen“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Bei 5 Cent Gasumlage würde die Teuerung wohl über 10 Prozent steigen. Auf die Bürger komme „ein weiterer massiver Inflationsschub“ zu, sagte Krämer der FAZ.

So will Finanzminister Lindner die Bürger bei Kindergeld und Steuern entlasten

Vor dem Hintergrund der neuen Zahlen stellte Finanzminister Christian Lindner in Berlin sein Programm vor, um die Inflation für die Bürger abzufedern. Das Inflationsausgleichsgesetz beinhaltet ein höheres Kindergeld und eine Entlastung im Steuertarif. So will Lindner erreichen, dass höhere Löhne nicht durch das Aufrücken in höhere Steuersätze aufgezehrt werden, obwohl die Kaufkraft wegen der Inflation gar nicht steigt („kalte Progression"). Insgesamt sollten die Bürger 2023 um zehn Milliarden Euro entlastet werden.

Erhöhung des Kindergeldes

Das Kindergeld soll in zwei Stufen steigen und vereinheitlicht werden. Im kommenden Jahr soll es für das erste, zweite und dritte Kind monatlich je 227 Euro geben. Ab dem vierten Kind kommen 250 Euro aufs Konto. Im Jahr 2024 sollen die Sätze für das erste bis dritte Kind noch einmal angehoben werden - auf 233 Euro.

Das Kindergeld beträgt aktuell je 219 Euro im Monat für das erste und zweite Kind. Für das dritte Kind erhalten Familien 225 Euro, ab dem 4. Kind beträgt das Kindergeld 250 Euro im Monat. Nach Lindners Plänen soll auch der steuerliche Kinderfreibetrag steigen.

Entlastung bei der Einkommensteuer

Der Grundfreibetrag, also das Einkommen, bis zu dem keine Steuer gezahlt werden muss, soll steigen. Konkret von derzeit 10 347 Euro auf 10 632 Euro im kommenden und 10 932 Euro im Jahr 2024.

Auch weitere Eckwerte des Steuertarifs werden verschoben. So soll der Spitzensteuersatz von 42 Prozent erst bei einem zu versteuernden Einkommen von 61 972 Euro greifen, 2024 dann erst bei 63 515 Euro im Jahr 2024.

Die Grenze für den noch höheren Reichensteuersatz von 45 Prozent will Lindner ^nicht antasten, weil er in dieser Einkommensklasse keine zusätzliche Entlastung für nötig hält. Damit, so betonte der FDP-Chef, handele er anders als etwa sein Vorgänger, der heutige Bundeskanzler Olaf Scholz. Der SPD-Politiker habe bei seiner Reform auch die Reichsten entlastet.

Wer davon am meisten profitiert

Prozentual werden Geringverdiener deutlich stärker entlastet als Topverdiener - in absoluten Zahlen sieht das aber anders aus. So soll ein Bürger mit zu versteuerndem Einkommen von 20 000 Euro im kommenden Jahr 115 Euro weniger Steuern zahlen. Bei einem Einkommen von 60 000 Euro machen die Entlastungen nach Zahlen aus dem Finanzministerium bereits 471 Euro aus. Für noch höhere Einkommen werden sie gedeckelt auf 479 Euro.

Grüne und SPD halten das für sozial unausgewogen. Lindner betonte, der Deckel setze beim 1,5-fachen des Durchschnittseinkommens an. «Das ist nicht die Spitzenetage der Gesellschaft, sondern das sind die qualifizierten Fach- und Führungskräfte, das ist die Technikerin, das ist der Ingenieur, das sind die Menschen, die noch Tarifentgelte der Gewerkschaften beziehen.»