Steigende Inflation ist keine gute Nachricht

Klein, niedlich, fast mitleiderregend mutet es an, das Inflationsmonster, das die Herren von der Europäischen Zentralbank (EZB) gefangen haben. Eingepfercht in ein fest verschlossenes Glas, fristet es ein kümmerliches Dasein in einer Schublade unter dem Schreibtisch eines EZB-Mitarbeiters. Heraus aus dem Glas darf es nicht. Denn es könnte wachsen und außer Kontrolle geraten, so wie in den Siebzigerjahren, als das Ungetüm die Kaufkraft vieler Währungen zerstörte.

Die Botschaft des Zeichentrickfilms mit dem Inflationsmonster, den die EZB auf ihre Homepage gestellt hat: Inflation ist gefährlich – aber die EZB hat sie im Griff. Was das heißt, erklärt der EZB-Mitarbeiter in dem Film so: „Unser Ziel ist es, die Inflation mittelfristig unter, aber nahe zwei Prozent zu halten.“

Gemessen an ihren eigenen Vorgaben, können die Herren aus dem Frankfurter Eurotower derzeit zufrieden sein. Im Juni legte der Preisindex für den Warenkorb eines typischen Haushalts in der Euro-Zone um 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. In Deutschland lag die Teuerungsrate sogar bei 2,1 Prozent.

Vor allem Energie und Nahrungsmittel haben sich zuletzt spürbar verteuert, der Ölpreis (Brent) etwa kratzt aktuell an der 80-Dollar-Marke. Auf Sicht der nächsten Jahre rechnen die Euro-Hüter mit Inflationsraten von 1,7 Prozent. Alles bestens also, sollte man meinen. Immerhin hatte die Teuerungsrate vor drei Jahren noch bei null Prozent gelegen und unter Währungshütern die Angst vor Deflation, einem anhaltenden Rückgang des Preisniveaus, aufkommen lassen.

Deshalb beschlossen sie, Staatsanleihen zu kaufen und frisches Zentralbankgeld in den Bankensektor zu pumpen. Die Warnungen von Kritikern, die ultralockere Geldpolitik werde die Inflation über den Zielwert hinausschießen lassen, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Gleichzeitig gibt es beim Thema Inflation im öffentlichen Bewusstsein und auch unter Ökonomen einen bemerkenswerten Wandel: Eine gewisse Geldentwertung gilt vielen als ökonomisch erstrebenswert. Das freilich sei eine gefährliche Entwicklung, warnen stabilitätsorientierte Kollegen. Für den langjährigen EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing etwa gibt es „keinen Grund, die Inflationsrate auf Teufel komm raus nach oben zu treiben“.

Denn Inflation, auch in geringer Dosierung, kann wie ein schleichendes Gift auf die Wirtschaft wirken. „Inflation führt zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen, sie lässt die Schulden und die Vermögensmärkte krebsartig wuchern“, warnt Guido Hülsmann, Wirtschaftsprofessor an der Universität im französischen Angers. Warum aber strebt die EZB dann seit 2003 einen Inflationswert von knapp unter zwei Prozent an? Ihr gesetzlicher Auftrag schreibt das nicht vor, im Gegenteil: Im EU-Vertrag heißt es, die Aufgabe der EZB bestehe darin, „die Preisstabilität zu gewährleisten“. Aber ist der Euro stabil, wenn er pro Jahr rund zwei Prozent an Wert verliert? Bedeutet „stabil“ im echten Wortsinn nicht: null Prozent Inflation?

Die EZB sieht das anders. Die Währungshüter befürchteten bei der Formulierung ihres Inflationsziels 2003, der Beitritt mittel- und osteuropäischer Länder könnte die Teuerung in der Euro-Zone nach oben treiben. Um ein Inflationsziel von null Prozent zu erreichen, hätte in Westeuropa dann Deflation herrschen müssen. Eine Aufwertung des Geldes aber halten die Währungshüter für die ultimative Katastrophe. Denn Deflation ist schwerer zu bekämpfen als Inflation. Sinkt das Preisniveau, muss die Notenbank den nominalen Leitzins in den Minusbereich drücken, damit der Realzins (Nominalzins minus Inflation) negativ wird und Konjunktur und Preise ankurbelt. Bei negativen Nominalzinsen aber räumen die Menschen ihre Bankkonten, und die Banken trocknen aus.

Eine Inflationsrate von zwei Prozent – so die Theorie der EZB – schaffe einen Sicherheitsabstand zur Deflation und halte die Wirtschaft am Laufen. Zudem können sich die Menschen auf einen dauerhaften Anstieg des Preisniveaus um zwei Prozent einstellen und ihn zum Beispiel bei Miet- und Tarifverträgen berücksichtigen. So weit die Theorie. Doch diese Sichtweise unterschlägt die Fehlentwicklungen und Verzerrungen, die mit Inflation einhergehen.

Das fängt schon im Klein-Klein der Tarifpolitik an. Die Inflationsrate ist Bestandteil der gewerkschaftlichen „Lohnformel“, aus der IG Metall und Co. ihre Forderungen ableiten. Steigen die Preise, steigen mit zeitlicher Verzögerung die Löhne – und daraufhin möglicherweise wiederum die Preise. Damit die Preise auf breiter Front anziehen, muss die Zentralbank die umlaufende Geldmenge zudem stärker wachsen lassen als die Güterproduktion.

In einem Papiergeldsystem wie dem Euro und dem Dollar, in dem die Zentralbanken zusammen mit den Geschäftsbanken Geld und Kredit aus dem Nichts schaffen (Fiat-Geld) können, ist das einfacher als in einem Warengeldsystem wie dem Goldstandard, in dem das Tauschmittel Gold von Natur aus begrenzt ist. Wie einfach Fiat-Geld entsteht, weiß jeder, der schon einmal einen Kredit aufgenommen hat. Auf Knopfdruck landet die Kreditsumme als Buchgeld auf dem Konto, im Gegenzug entsteht eine Forderung der Bank.
Steigen Preise und Löhne jährlich um zwei Prozent, ist es für die Menschen rational, sich zu langfristig festen Zinsen zu verschulden. Denn im Laufe der Zeit sinkt das Verhältnis der Annuität zu den Einkommen. Ähnlich sind die Anreize für die Regierung. Weil die Bemessungsgrundlagen der meisten Steuern wie Einkommen, Gewinne oder Umsätze mit der Inflation steigen, fließt dem Staat im Laufe der Zeit immer mehr Geld in die Kasse, mit dem er den Schuldendienst finanzieren kann.

Auch die Unternehmen unterliegen dem Lockruf der Schulden. Mit der Inflation steigen ihre Absatzpreise und Umsätze. Der Anreiz, die Kapazitäten auszubauen, wächst. Je mehr sie die Investitionen mit Fremd- statt Eigenkapital finanzieren, desto höher fällt die Rendite auf das Eigenkapital aus. Dieser Hebeleffekt fördert die Verschuldung. „In einem nachhaltig preisinflationären Umfeld“, sagt Hülsmann, „bestehen in allen Bereichen starke Anreize zu höherer Verschuldung.“

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel hat berechnet, dass der globale Schuldenstand mit rund 170 Billionen Dollar beziehungsweise 217 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung ein neues Allzeithoch erreicht hat. Die Welt, so die BIZ-Ökonomen, sei daher so verletzlich wie nie zuvor. „Je höher die Schulden einer Ökonomie, desto anfälliger ist deren Wirtschaft für höhere Zinsen“, warnen sie. Ein großer Teil der Kredite fließt in Immobilien und Aktien, von denen sich die Anleger Schutz vor der schleichenden Geldentwertung durch die Zentralbanken erhoffen. Das lässt die Vermögenspreise schneller steigen als die Einkommen.

Nach Berechnungen des Flossbach von Storch Research Institute hat sich das Sachvermögen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres um 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr verteuert, Immobilien kletterten gar um 9,1 Prozent. Das heißt im Umkehrschluss: Wer sich den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllen will, muss wegen der Vermögenspreisinflation immer mehr Schulden aufnehmen. Diese machten die Menschen zu „willigen Teilzeitknechten der Finanzindustrie, die den größten Teil ihres Lebens damit verbringen, Kredite zu bedienen“, warnt Hülsmann.
Schleichende Inflation fördert darüber hinaus die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen. Schon der irisch-französische Ökonom Richard Cantillon (1680–1734) hatte erkannt, dass sich eine erhöhte Geldmenge nicht gleichmäßig auf die Sektoren einer Volkswirtschaft verteilt, sondern stufenweise. Das frisch gedruckte Geld nutzt daher vor allem denen, die es als Erste erhalten.

Sie können damit Güter kaufen, wenn deren Preise noch niedrig sind. Zu dieser privilegierten Gruppe gehören zum Beispiel Banken, Staat und große Unternehmen. Andere Gruppen hingegen können ihren Konsum, wenn überhaupt, erst dann ausweiten, wenn die Preise bereits gestiegen sind. Besonders deutlich zeigen sich die Folgen in den USA. Dort hat sich der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit der Einkommen misst, seit Beginn der Siebzigerjahre, als die Goldbindung des Dollar aufgehoben wurde, kontinuierlich erhöht.

Auch die Konzentration der Vermögen ist gestiegen. Setzt man das arithmetische Durchschnittsvermögen der US-Haushalte - es wird durch hohe Vermögen nach oben gezogen - ins Verhältnis zum Median, also dem mittleren Vermögen, so lag die Quote 1989 bei 4,0. Zwei Dekaden später war sie auf 6,5 gestiegen. Der Hauptgrund dafür war, dass die Notenbank nach 2007 die Wirtschaft mit frischem Geld geflutet hatte, um die Inflation anzukurbeln. In Europa leiden Transferempfänger und Geringverdiener ebenfalls überproportional unter Inflation, zeigt eine Studie der Universität Frankfurt.

Die Ökonomen Alfons Weichenrieder und Eren Gürer haben darin die Preisentwicklung in 25 EU-Ländern differenziert nach den Warenkörben der verschiedenen Einkommensgruppen untersucht. Sie fanden heraus, dass sich der Warenkorb der unteren zehn Prozent der Einkommensbezieher zwischen 2001 und 2015 um insgesamt 10,5 Prozent stärker verteuerte als der Warenkorb der obersten zehn Prozent. "Pro Jahr entspricht dies einem Inflationsunterschied von 0,72 Prozentpunkten", schreiben die Autoren. Der Grund: Ärmere Bürger geben einen größeren Teil ihres Einkommens für Güter aus, die sich besonders stark verteuern. Das sind in erster Linie Nahrungsmittel, Mieten, Strom, Gas sowie Kraftstoffe und Wasser (siehe Grafik).

Inflation bedeutet auch nicht, dass die Preise allesamt in gleichem Ausmaß zur gleichen Zeit steigen. Lieferverträge und staatliche Regulierungen können die Reaktion der Preise auf die steigende Nachfrage verzögern. Dadurch verschieben sich die Preisverhältnisse mit der Folge, dass die Preise die wahren Knappheiten der Güter nicht mehr richtig widerspiegeln. So lenken sie Angebot und Nachfrage in falsche Richtungen, es kommt zu Verschwendungen, der Wohlstand sinkt. Inflation hält die Menschen zudem vom Sparen ab. Das gilt vor allem in Niedrigzinsphasen. Wenn die Preise steigen, legen normalerweise auch die Zinsen zu. Dadurch entschädigen sie die Gläubiger für den Kaufkraftverlust des Geldes.

Seit Jahren aber drückt die EZB die Zinsen durch ihre Anleihekäufe künstlich nach unten. Eine zehnjährige Bundesanleihe bietet daher nur noch eine Bonsai-Rendite von 0,3 Prozent. Bei einer Inflationsrate von 2,1 Prozent ergibt sich ein realer Zinsertrag von minus 1,8 Prozent. Sparer werden mithin bestraft, und das nicht zu knapp. Pendelt sich die Inflation bei zwei Prozent ein, verlieren Spargelder auf zinslosen Tagesgeldkonten binnen 20 Jahren rund 50 Prozent ihrer Kaufkraft, zeigen Berechnungen von Ökonomen.

Bei einer Inflation von drei Prozent liegt der Geldwertschwund sogar bei 80 Prozent. Das trifft vor allem die Deutschen hart, die ihre Ersparnisse häufig auf unverzinslichen Festgeld- und Tagesgeldkonten lagern. Nach Berechnungen der Allianz haben sich die Nettozinseinkommen der deutschen Haushalte seit 2008 um knapp 100 Milliarden Euro verringert, das entspricht 3,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Deutsche Haushalte gehören damit zu den Verlierern der extremen Geldpolitik der EZB", urteilen die Allianz-Ökonomen.

Die Kombination aus Niedrigzinsen und schleichender Inflation zersetzt daher die Sparbereitschaft der Menschen und treibt sie in den Konsum auf Pump. Ohne Ersparnisse aber gibt es keine nachhaltigen Investitionen. Und ohne nachhaltige Investitionen veraltet der Kapitalstock. Das führt zu Produktivitäts- und Wohlstandseinbußen. In den Bilanzen der Unternehmen entfaltet die Inflation ebenfalls ein zerstörerisches Werk. Wenn die Unternehmen die Abschreibungen auf Maschinen und Anlagen an deren Anschaffungspreisen orientieren, werden "Gewinne ausgewiesen, wo eine Rechnung in einer stabilen Währung Verluste aufweisen würde", schrieb der österreichische Ökonom Ludwig von Mises (1881-1973) schon 1932.

Schütten die Unternehmen die Scheingewinne aus, fehlt ihnen später das Geld, um neue Maschinen zu kaufen - und sie müssen noch mehr Schulden aufnehmen. Das Inflationsversprechen zwingt die Notenbanken zudem, als Kreditgeber der letzten Instanz für in Not geratene Banken einzuspringen. Käme es zu einem Kollaps der Banken, wäre das ungedeckte Buchgeld im Handumdrehen ausgelöscht, die Wirtschaft stürzte in die Deflation. Das implizite Rettungsversprechen aber verleitet die Banken zu riskanten Geschäften, die Institute werden zu tickenden Zeitbomben. Um sie zu entschärfen, greifen Regierungen und Zentralbanken zu immer detaillierteren und bürokratischeren Regulierungen. Die Inflation, so warnte Mises, "zerstört den Kapitalismus". Vielleicht wäre es besser gewesen, die EZB-Ökonomen hätten Mises gelesen, bevor sie ihren Zeichentrickfilm drehten.

Malte Fischer ist Chefvolkswirt der WirtschaftsWoche.