„Ein Industriemeister weiß oft mehr als ein Bachelor“

Was haben junge Wähler von einer Großen Koalition zu erwarten? Der Bundestagsabgeordnete Ralph Brinkhaus erzählt im Interview, was für sichere Renten nötig ist und warum die Berufsausbildung ein neues Image braucht.

Herr Brinkhaus, der Koalitionsvertrag verspricht ein stabiles Rentenniveau bis 2025. Was bedeutet das denn für jüngere Menschen? Bekommen die in den Jahren danach die Quittung?
Wir hätten schon vor zehn Jahren planen sollen, wie es danach weitergeht. Wir brauchen einen gerechten Ausgleich zwischen der jüngeren und der älteren Generation.

Was ist mit denen, die ihr Berufsleben noch vor sich haben? Ist ihre Rente sicher?
Das hängt davon ab, was die nächste Generation zahlen kann, also wie es ihr wirtschaftlich geht, und zweitens davon, was sie zahlen will. Wenn wir denen jetzt sagen, ihr müsst einen erheblichen Teil eures Geldes abgeben, um die Rente der Älteren zu finanzieren, sagen die “machen wir nicht”. Wir dürfen Generationen nicht gegeneinander ausspielen, aber auch die jüngere Generation nicht überfordern.

Wie soll das funktionieren, wenn es tendenziell viel mehr ältere als jüngere Menschen in Deutschland gibt?
Wir müssen über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nachdenken und darüber, wie wir eine höhere Erwerbsbeteiligung hinbekommen. Wir müssen aber vor allem dafür sorgen, dass in 20 Jahren die Wirtschaft noch brummt, damit genug Geld in die Rentenkassen strömt.

Junge Menschen wollen Planungssicherheit. Sie suchen einen sicheren Job, um Rücklagen zu bilden. Dennoch sollen Befristungen künftig nach wie vor zulässig sein.
Der Koalitionsvertrag sieht aus gutem Grund Regelungen vor, um die Anzahl befristeter Verträge zu minimieren. Doch ganz abschaffen wollen wir sie nicht. Arbeitnehmer haben hohe Schutzrechte. Deswegen können wir den Arbeitgebern nicht jede Flexibilität nehmen. Das wäre nicht ausgeglichen. Ich sehe das so: Die Möglichkeit, Personen befristet anzustellen, schafft auch Stellen. Schaffen wir diese Möglichkeit ab, werden einige Menschen vielleicht gar nicht eingestellt.

Was sollen junge Menschen also tun, um sich abzusichern?
Alles, außer abwarten! Je früher sie Eigentum bilden, desto besser. Dabei ist es erst einmal nicht entscheidend, ob es sich um eine Immobilie, um Aktien oder um Sparpläne handelt. Viele junge Leute sagen “ich kümmere mich später darum”. Aber dann fehlen schnell 15 bis 20 Jahre für die Vorsorge. Junge Menschen müssen jetzt anfangen, ganz egal wie hoch die Zinsen sind, einen Kapitalstock aufzubauen. Denn wer mit dem Sparen wartet, bis die Zinsen steigen, der hat dann keinen Kapitalstock, auf den er Zinsgewinne bekommen kann.

Nun will die Große Koalition aber die Abgeltungsteuer abschaffen. Bisher wurden Zinseinkünfte, die über 800 Euro hinausgingen, pauschal mit 25 Prozent besteuert. Künftig soll sich die Besteuerung nach dem Einkommen richten. Ist das nicht ein falsches Signal an Sparer?
Ja, das ist es. Ich bin nicht glücklich über die Abschaffung der Abgeltungsteuer. Rechnet man die Inflation zur Zinsentwicklung hinzu, kann es sogar sein, dass Sparer ein schlechtes Geschäft machen. Aber die Kritiker der Steuer waren leider in beiden Parteien in der Mehrheit. Das gehört auch zur Politik.


„Kompromisse sind besser als nichts“

Kritiker des Koalitionsvertrages sagen, er bestehe aus zu vielen Zugeständnissen an die ältere Generation der SPD-Wähler.
Das sehe ich nicht so. Aber eines ist auch richtig: Die Wähler sind es leid. Sie wollen eine Regierung. Da muss man in Verhandlungen auch mal persönliche Abstriche machen. Kompromisse sind besser als nichts.

Was ist Ihr größtes Problem mit dem Koalitionsvertrag?
In dem Papier steht zu oft, der Staat kümmert sich. Ich hätte mir gewünscht, dass da öfter steht, dass die Menschen Eigenverantwortung zeigen müssen. Dass das nicht der Fall ist, ist der Tatsache geschuldet, dass wir den Vertrag mit der SPD gemacht haben. Ich glaube, es braucht eine Renaissance der Eigenverantwortung. Jeder ist erst einmal selbst für sich zuständig und nur wenn das nicht klappt, kommt der Staat und hilft.

Zu Eigenverantwortung gehört aber ja auch, dass junge Menschen überhaupt in der Lage sein müssen, eigenverantwortlich zu handeln. Also zum Beispiel Schritt zu halten mit dem hohen Tempo der Digitalisierung.
Die Menschen müssen sich weiterbilden. Das gilt für alle, aber besonders für diejenigen, die vergleichsweise einfachen Tätigkeiten nachgehen. Schaffen wir das nicht, haben wir eine riesige soziale Zeitbombe.

… die wann platzt?
Wenn Arbeitnehmer mit neuen Entwicklungen nicht mithalten können, droht ihnen die Arbeitslosigkeit. Und das wiederum stellt die Kommunen und den Staat insgesamt vor riesige Probleme.

Wie können wir dieser Gefahr entgegenwirken?
Zum Beispiel durch berufliche Bildung. Während an allen Seiten über die Qualität unserer Hochschulen diskutiert wird, schwindet die Akzeptanz für Ausbildungsberufe. Wir müssen junge Menschen dazu motivieren, eine Berufsausbildung zu machen und sich weiterzubilden. Ich war einmal in einer Hauptschule und habe den Jugendlichen gesagt, wenn sie eine gute Ausbildung machen, können sie in zwanzig Jahren unter Umständen mehr verdienen als ihre Lehrer. Die haben große Augen gemacht.

Kinder werden von ihren Eltern beeinflusst. Wie wollen Sie die starre “Mache Abitur, sonst wird aus dir nichts”-Denkweise aufbrechen?
Eine Ausbildung zu machen muss genauso wertvoll sein wie ein Studium. Das müssen wir in die Köpfe hineinbekommen. Ein Industriemeister weiß oft mehr als ein Bachelor.

Kompetenz hin oder her: die Bezahlung muss stimmen.
Handwerker zum Beispiel werden bald rar sein und deshalb richtig gut verdienen. Wenn ich keinen Installateur mehr bekomme, wird es über den Preis gehen.

Glauben Sie denn, dass die Preise stark genug steigen werden, um mehr Menschen für handwerkliche Berufe zu begeistern?
Ja. Angebot und Nachfrage werden es regeln.