Indische Doppelmutante B.1.617: Corona-Impfungen bleiben wohl wirksam

Hendrikje Rudnick
·Lesedauer: 4 Min.

Eine neue Variante des Coronavirus sorgt in Indien für steigende Infektionsfälle. Seit Ende März verbreitet B.1.617 sich im Land – und scheint ihren Weg auch nach Europa zu finden. Diese Variante trägt gleich zwei Mutationen: E484Q und L452R. Beide wurden schon separat voneinander in anderen Corona-Varianten gefunden, wie zum Beispiel in den britischen oder südafrikanischen Varianten sowie den sich schnell ausbreitenden Varianten aus Kalifornien. Nun wurden die Mutationen zum erstmal zusammen in einer Variante entdeckt, nämlich in B.1.617.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Robert Koch-Institut (RKI) und andere Experten bewerten die Variante B.1.617 derzeit zurückhaltend, doch SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach jedoch wittert Gefahr. In Großbritannien haben sich bereits 205 Menschen mit B.1.617 infiziert. Für Gesundheitsexperten Lauterbach ist das „besorgniserregend“, wie er bei Twitter schreibt. „Für Deutschland bedeutet das besondere Gefahr, weil auch B117 über UK sehr schnell zu uns kam.“ Auch in Spanien, Irland, Italien und Frankreich wurde B.1.617 entdeckt.

RKI stuft Variante bisher nicht als „besorgniserregend“ ein

Eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) sagte der Deutschen Presse Agentur am vergangenen Dienstag, dass die neue Variante unter Beobachtung stehe. Für die Einstufung als „besorgniserregend“ fehle jedoch „die entsprechende Evidenz“. Bisher wurden erst 21 Fälle der Linie B.1.617 in Deutschland gefunden worden. RKI-Vizechef Lars Schaade sagte bei einer Pressekonferenz am Freitag, dem 23. April, dass es denkbar sei, „dass uns die Variante vor neue Herausforderungen stellt“. Belege seien aber noch nicht da. „Wir müssen da hinschauen, Warnungen müssen ernst ge­nommen werden.“

Am Montag stufte die Bundesregierung Indien als Virusvariantengebiet ein. Das bedeutet: Es gilt ein weitgehendes Einreiseverbot für Menschen, die sich zuvor in Indien aufgehalten haben. Ausnahmeregelungen gibt es beispielsweise für Deutsche und für Ausländer mit Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik. Auch sie müssen allerdings schon vor der Einreise einen negativen Corona-Test vorweisen und sich nach Ankunft in Quarantäne begeben. Auch bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht die neue Corona-Variante bisher nur unter Beobachtung. Als besorgniserregend gilt eine Variante erst, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, dem Immunsystem entgeht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert, erläuterte eine WHO-Sprecherin.

Immerhin scheint die Doppelmutante sich nicht der Wirkung von Impfstoffen entziehen zu können, wie eine kleine Preprint-Studie (die also noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet wurde) aus Indien zeigt. Dort testesten Forscher, ob der indische Corona-Impfstoff Covaxin das Virus neutralisieren kann. Covaxin wurde vom indischen Pharmaunternehmen Bharat Biotech gemeinsam mit dem Indian Council of Medical Research, einem staatlich finanzierten biomedizinischen Forschungsinstitut, und dessen Tochtergesellschaft, dem National Institute of Virology, entwickelt.

Seine Wirksamkeit beim Ursprungstyp des Virus liegt bei etwa 81 Prozent. Die Ergebnisse der kleinen Studie zeigen, so die Wissenschaftler, dass die neutralisierende Kapazität gegen B.1.617 bei geimpften Personen ähnlich hoch ist wie bei jenen, die ihre Immunität durch eine Covid-19-Erkrankung erhalten haben. Die Wirkung der Impfung sei zwar etwas vermindert im Vergleich zum Urpsungstyp, bliebe aber dennoch erhalten. Die Forscher vergleichen es mit der etwas abgeschwächten Wirkung der in der EU verwendeteten Impfstoffe bezüglich der "britischen" Variante B.1.1.7.

https://twitter.com/Karl_Lauterbach/status/1386336039195848705?s=09

Indien meldet weltweit höchste Neuinfektionen an einem Tag

In Indien sind die Fallzahlen geradezu explodiert – am Wochenende wurden innerhalb von 24 Stunden 349.691 neue Corona-Fälle erfasst. B.1.617 dürfte einen großen Teil dazu beigesteuert haben. Die Gesundheitsversorgung in mehreren Teilen Indiens ist am Limit. Im ganzen Land versuchen Menschen verzweifelt, Krankenhausbetten, medizinischen Sauerstoff und Medikamente für ihre Verwandten zu finden.

Gesundheitsminister Harsh Vardhan kündigte am Mittwochabend an, dass die Zentralregierung dafür sorgen werde, dass besonders betroffene Gebieten, darunter auch die Hauptstadt Neu-Delhi und die Finanzmetropole Mumbai, mehr medizinischen Sauerstoff erhielten.

Neben der neuen Virusvariante B.1.617 könnte auch eine weitverbreitete Sorglosigkeit an den hohen Infektionszahlen schuld sein. Es gab lange Massenveranstaltungen für anstehende Regionalwahlen und religiöse Feste, bei denen Menschen keine Masken trugen und keinen Abstand hielten.

In Deutschland sind 22,8 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft. Das geht aus dem Impfquotenmonitoring des RKI vom Donnerstag hervor (Stand: 23.4., 8.00 Uhr). Nun muss weiter untersucht werden, ob die Impfungen auch gegen B.1.617 wirksam sind.

mit Material von dpa