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Impostor-Syndrom: Was hilft gegen das Gefühl, ein Hochstapler zu sein?

Erfolgreiche Personen leiden häufig am Impostor-Syndrom. (Bild: fizkes/Shutterstock.com)
Erfolgreiche Personen leiden häufig am Impostor-Syndrom. (Bild: fizkes/Shutterstock.com)

Wer unter dem Impostor-Syndrom leidet, wird von massiven Selbstzweifeln und einem geringen Selbstwert geplagt. Betroffene glauben, dass sie ihre vorweisbaren Erfolge nur durch Zufall und nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten erreicht haben. Sie sind sogar davon überzeugt, ihre Mitmenschen eigentlich zu täuschen, weil sie "in Wahrheit" gar nichts draufhaben. Durch diese verzerrte Selbstwahrnehmung leben sie in ständiger Angst aufzufliegen. Daher auch der Name Hochstapler-Syndrom. Wen genau es treffen kann und was dagegen hilft, erklärt Dr. Hanne Horvath, Mitgründerin der Online-Therapie Plattform HelloBetter im Interview.

Handelt es sich beim Impostor-Syndrom um eine psychische Krankheit?

Dr. Hanne Horvath: Nein, das Impostor-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, zählt nicht zu den psychischen Krankheiten, sondern zu den psychologischen Phänomenen. Das heißt aber nicht, dass Betroffene nicht stark unter dem Syndrom leiden, weshalb ich empfehle, das sehr ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Denn es ist ja sehr anstrengend, in ständiger Angst zu leben, jederzeit "entlarvt" werden zu können.

Stimmt es, dass Frauen häufiger als Männer davon betroffen sind - und woran liegt das?

Dr. Horvath: So kann man das nicht sagen. Die These, dass Frauen häufiger als Männer betroffen sind, hängt mit dem Ursprung der Forschung zum Thema zusammen. 1978 haben die klinischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes zum Phänomen der extremen Selbstzweifel bei erfolgreichen Frauen geforscht. Deshalb wird das Syndrom eher im Zusammenhang mit Frauen als mit Männern genannt. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass Männer genauso betroffen sind. Sie gehen nur anders damit um. Eine Studie von Rebecca Badawy ergab, dass sich Frauen von der Aussicht auf negatives Feedback eher anspornen lassen, während Männer schneller resignieren.

Wie äußert sich das Phänomen im Berufsalltag?

Dr. Horvath: Da lassen sich grundsätzlich zwei Wege beschreiben, wie Betroffene mit dem Syndrom umgehen: überperformen oder gar nicht performen. Typisch für die erste Verhaltensweise ist, dass die Betroffenen sich auf Herausforderungen akribisch vorbereiten, meistens exzellente Arbeit leisten, aber irgendwie nie wirklich zufrieden mit ihrer Leistung sind. Betroffene, die eher zur Vermeidung neigen, schieben Aufgaben auf, sagen Termine ab und versuchen sich irgendwie aus der Verantwortung zu schleichen. Dieser Umgang ist der Prokrastination sehr ähnlich.

In beiden Fällen ist der Entlastungseffekt nur von sehr kurzer Dauer. Menschen, die zur Überperformance neigen, haben bei jedem Erfolg Angst, dass sie das Niveau nicht halten können oder zweifeln daran, wie sehr ihr eigenes Können dazu beigetragen hat. Die Syndrome nehmen sogar noch zu, je erfolgreicher sie werden. Betroffene, die zur Vermeidung neigen, sind erstmal froh, wenn sie etwas aufschieben konnten. Nur ist die Aufgabe nicht gelöst und die Versagensangst bleibt. Einig sind sich beide Typen in der Annahme, nichts zu können und bald damit aufzufliegen.

Warum haben Menschen mit Impostor-Syndrom ständig das Gefühl zu versagen?

Dr. Horvath: Es gibt da natürlich viele verschiedene Gründe. Sehr häufig hängt das Impostor-Syndrom mit einem sehr kritischen Selbstbild zusammen, denn übermäßige Zweifel an der eigenen Person und den eigenen Fähigkeiten begünstigen die Versagensängste. Einer Person, die eher denkt: "Ich bin nicht genug" oder "Das bin ich nicht wert", fällt es einfach schwer zu glauben, dass das Gegenteil der Fall ist. Da können Erfolge und Wertschätzung von anderen erstmal nicht so viel daran ändern. Die innere Überzeugung, es einfach nicht zu bringen, die sitzt tief.

Hinzu kommt meistens noch ein Hang zum Perfektionismus oder, wie ich ihn gerne nenne, einen zu scharf gestellten "Fehler-Fokus". Betroffene sehen nur ihre Fehler, egal wie gut etwas gelaufen ist. Dabei sind sie auch kaum in der Lage, positives Feedback von außen anzunehmen. Das dringt einfach nicht zu ihnen durch. Kritik jedoch hören sie eigentlich aus allem heraus und nehmen sich das sehr zu Herzen.

Welche Rolle spielen Familiendynamiken und Erziehung bei der Entwicklung des Impostor-Syndroms?

Dr. Horvath: Viele Betroffene sind tatsächlich in ihrer Kindheit entsprechend geprägt worden. Meistens, weil die Eltern dachten, ihre Kinder so optimal zu fördern. Es gibt da so typische Sätze, wie "Gib immer dein Bestes" oder "Du musst dich anstrengen im Leben". Dadurch entsteht der Irrglaube, dass sie eigentlich nie gut genug sind. Nach und nach wird so der eigene Selbstwert ganz ungünstig an ein Ziel geknüpft, das einfach nicht erreichbar ist. Außerdem wird die Annahme kultiviert, dass Liebe und Anerkennung der Eltern nur durch entsprechende Leistung zu gewinnen ist.

Welche Auswirkungen hat das Impostor-Syndrom auf das Privatleben?

Dr. Horvath: Betroffene haben oft das Gefühl, andere Menschen an ihrer Seite nicht zu verdienen. Das können die Familie, Freunde, aber auch der Partner oder die Partnerin sein. Es geht letztlich auch hier um die Idee, als Person nicht zu genügen, sondern etwas für das Aufrechterhalten der Verbindung tun zu müssen. Sie leben in der ständigen Angst, verlassen zu werden, sobald sie in ihren Bemühungen für andere nachlassen. Anerkennung und Wertschätzung von außen können sie auch im Privaten nur schwer annehmen, obwohl sie sich so sehr danach sehnen.

Was sind die ersten Anzeichen für das Impostor-Syndrom und was kann man dagegen tun?

Dr. Horvath: Die wichtigsten Anzeichen sind: massive Selbstzweifel trotz nachweisbarer Erfolge, eine belastende innere Unruhe und Unsicherheit vor jeder neuen Aufgabe und die ständige Angst, bald "aufzufliegen". Außerdem gibt es typische körperliche Symptome, wie Schlafstörungen, hoher Blutdruck, Kopfschmerzen sowie Magen- und Darmprobleme. Das kommt daher, dass der ganze Körper durch die ständige Anspannung und Angst gar nicht mehr zur Ruhe kommen kann. Mit der Zeit können die Beschwerden so stark werden, dass Betroffene immer wieder krankheitsbedingt ausfallen. Dieser Dauerstress kann irgendwann zu Burnout und Depression führen. Es ist daher natürlich sehr empfehlenswert, sich aktiv mit dem Impostor-Syndrom auseinanderzusetzen, bevor es so weit kommt.

Welche Therapieformen gibt es, um den Teufelskreis der Selbstzweifel zu durchbrechen?

Dr. Horvath: Da es sich nicht um eine psychische Störung, sondern eher um ein psychologisches Phänomen handelt, gibt es da keine spezielle Therapie. Natürlich kann aber im Rahmen einer Therapie auf die Ursachen für das Impostor-Syndrom eingegangen werden. Zentral wären dabei die Themen Selbstwert und Selbstwertstärkung sowie die Auseinandersetzung mit dem prägenden familiären Umfeld.

Dann möchte ich noch empfehlen, ein Erfolgstagebuch zu führen. Einfach mal jedes erhaltene Kompliment, jede Kleinigkeit und Mini-Wertschätzung darin festhalten und immer wieder darin blättern. Zu Beginn wird sich das sehr seltsam, wahrscheinlich sogar lächerlich anfühlen. Ich motiviere dazu, trotzdem dranzubleiben, die eigenen Gedanken bewusst wahrzunehmen und mal probeweise umzudrehen.

Welche Folgen zieht das Hochstapler-Syndrom nach sich, wenn es unbehandelt bleibt bzw. nichts dagegen unternommen wird?

Dr. Horvath: Diejenigen, die ihre Selbstzweifel mit noch mehr Anstrengung versuchen zu beruhigen, können sogar erstmal mit weiterem Erfolg belohnt werden. Das ist deshalb fatal, weil es das Syndrom noch verstärkt. Es wächst sozusagen mit dem Erfolg mit. Außerdem leidet die Gesundheit sehr unter dem Dauerstress und Betroffene werden nach einiger Zeit die bereits genannten typischen Symptome spüren: Kopf- und Bauchschmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen. Hinzu kommt meist ein sozialer Rückzug. Irgendwann ist da nur noch der Job und mit großer Wahrscheinlichkeit folgen Burnout und Depression. Einfach weil da keine gesunde Balance mehr gelebt wird: Ernährung, Bewegung, soziale Kontakte, Pausen, das fällt nach und nach alles weg und früher oder später zieht der Körper die Notbremse. Soweit muss es aber nicht kommen. Ich empfehle deshalb wirklich, sich hier lieber frühzeitig Unterstützung zu suchen.