Imola 1995: Das vergessene Rennen im ersten Jahr nach Sennas Tod

Juliane Ziegengeist

Der 1. Mai 1994 bleibt einer der schwärzesten Tage in der Formel 1. Nachdem am Vortag in der Qualifikation von Imola bereits Roland Ratzenberger tödlich verunglückt war, kam im Rennen Ayrton Senna ums Leben. Die Ereignisse waren auch ein Jahr danach, als die Königsklasse an den Ort des Geschehens zurückkehrte, omnipräsent.

Vor dem Rennen wurde eine Schweigeminute zum Gedenken an die beiden verstorbenen Kollegen abgehalten, da der Renntag genau auf den Todestag von Ratzenberger fiel. Das Streckenlayout war im Zuge der tödlichen Unfälle modifiziert worden. Es wies nun zwei neue Schikanen in der Tamburello- und vor der Tosa-Kurve auf.

Michael Schumacher, der in Imola 1994 einen traurigen Sieg errungen hatte, startete für Benetton von der Pole-Position. Er war nur 0,008 Sekunden schneller als Gerhard Berger im Ferrari. "Ich glaube, wir müssen hier Ferrari ebenso fürchten wie Williams, denn Gerhard liegt nur acht Tausendstel zurück", warnte Schumacher vor dem Start.

Schumacher knallt nach Dreher in Reifenwand

David Coulthard stand als Dritter in der Startaufstellung, vor Williams-Teamkollege Damon Hill, der zugab: "Ich bin nicht gerne Vierter in der Startaufstellung, aber das wird mich für morgen gut aufpumpen!" Jean Alesi (Ferrari) startete als Fünfter. Er führte das Warm-up am Sonntagmorgen bei nassen Bedingungen vor Berger an.

Schweigeminute vor dem Rennen: Die Fahrer gedachten Ratzenberger und Senna

Schweigeminute vor dem Rennen: Die Fahrer gedachten Ratzenberger und Senna Motorsport Images

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Das Rennen begann auf feuchter Strecke. Schumacher ging mit Regenreifen vor Berger und den beiden Williams in Führung. Bereits in Runde fünf steuerte Berger die Box an, um auf Slicks zu wechseln. Wenig später tat es ihm Schumacher gleich, doch auf seiner Auslaufrunde drehte er sich und prallte gegen eine Reifenwand.

Nur mit Glück kam der Benetton-Pilot unverletzt davon. "Der Start war gut, und ich konnte Berger kontrollieren", sagte Schumacher. "Als ich nach dem Reifenwechsel wieder rausfuhr, fühlte sich das Auto hinten etwas instabil an. Das werden wir untersuchen müssen. Ich hatte Glück, denn ich dachte wirklich, ich würde verletzt werden."

Kupplungsproblem wirft Berger weit zurück

Berger führte das Rennen nun mit Abstand vor Hill an, während sich Coulthard und Alesi ein furioses Duell um Platz drei lieferten. Nach elf Runden in Führung ging Berger erneut an die Box. Ein Kupplungsproblem kostete jedoch viel Zeit, sodass sich der Neustart des Autos verzögerte und alle Hoffnung auf den Sieg dahin war.

"Im Warm-up fuhr ich nur eine Runde in meinem Rennwagen mit der Trockenabstimmung", erklärte Berger. "Ich habe nicht bemerkt, dass die Kupplung sehr hart gegriffen hat. Ich entschied mich, mit diesem Auto zu fahren, da es offensichtlich war, dass die Strecke schnell trocknen würde. Es war die Kupplung, die mich überraschte."

Trotzdem hielt der Ferrari-Pilot fest: "Ich glaube nicht, dass ich hätte gewinnen können, wenn ich ihn nicht abgewürgt hätte. Denn trotz der erzielten Fortschritte sind wir immer noch nicht auf dem gleichen Niveau wie Williams, aber wenn ich nach dem Stopp in Führung geblieben wäre, hätte ich versucht, meine Position zu verteidigen."

Hill gewinnt Imola-Rennen mit großem Vorsprung

Durch Bergers Malheur wurde Hill an die Spitze des Feldes befördert, allerdings drängte Coulthard, der das Duell gegen Alesi gewonnen hatte, nun von hinten. Doch dann drehte sich Coulthard in der neuen Schikane vor Tosa und verstärkte diesen Fehler noch, indem er nach seinem nächsten Stopp zu schnell wieder aus der Box fuhr.

Eine Zehn-Sekunden-Strafe und zudem noch ein beschädigter Frontflügel machten seine Chancen auf das Podest zunichte. "Die Endplatte des Frontflügels war beschädigt. Das merkte ich aber nicht, als ich zum nächsten Stopp kam, sodass ich meinen gesamten Mittelstint mit zwei Sekunden Rückstand absolvierte", resümierte Coulthard.

Für Hill und Williams war der Sieg in Imola 1995 freilich etwas ganz Besonderes

Für Hill und Williams war der Sieg in Imola 1995 freilich etwas ganz Besonderes Motorsport Images

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Hill gewann das Rennen schließlich mit 18,5 Sekunden Vorsprung auf Alesi und übernahm damit die Führung in der Weltmeisterschaft, da Schumacher nicht punkten konnte. Berger wurde Dritter vor Coulthard. "Es war ein Rennen, bei dem ich viel nachdenken und all meine taktischen Fähigkeiten einsetzen musste", sagte Hill.

Zweitplatzierter Alesi schimpft auf Coulthard

Die wechselnden Bedingungen seien tückisch gewesen - vor allem zu wissen, wann man für Slicks an die Box kommen sollte. "Es war sehr leicht, heute einen Fehler zu machen", so der Rennsieger. Die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse vor einem Jahr habe er versucht auszublenden, um sich voll auf die Sache zu konzentrieren.

"Um ehrlich zu sein, der Gedanke, dass dies der Ort ist, an dem wir im Vorjahr so schreckliche Zeiten erlebt haben, habe ich die meiste Zeit aus meinem Kopf verdrängt. So konnte ich mich an die Arbeit machen. Ich glaube jedoch, dass heute ein gutes Rennen war, und ich glaube, Ayrton hätte es gutgeheißen", sagte dessen letzter Teamkollege.

Weniger wohlwollend äußerte sich Alesi über das Rennen. Zwar war er mit Platz zwei zufrieden, nicht aber mit der Fahrweise von Coulthard: "Ich habe viele wertvolle Sekunden verloren, weil Coulthard mich auf unkorrekte Weise blockierte. Man sollte nicht im Zickzack fahren, um jemanden, der schneller ist, am Überholen zu hindern."

Gleichzeitig relativierte Alesi: "Ich möchte nicht unterstellen, dass David mich am Gewinnen gehindert hat. Der Abstand zum Sieger war in der Tat größer als die Zeit, die er mich gekostet hat." Die Punkteränge in Imola komplettierten Mika Häkkinen (McLaren) und Heinz-Harald Frentzen (Sauber) als Fünfter und Sechster.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.