Im TV-Duell holt Martin Schulz nicht stark genug auf

Im TV-Duell: Angela Merkel gegen Martin Schulz

Angela Merkel konnte anfangs als Regentin ruhig punkten. Doch je länger die Sendung dauerte, desto klarer wurde, warum sie keine zweite will.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die Deutschen, das war immer so, mögen Autorität. Eine Kanzlerin hat da einen Bonus, und den spielte Angela Merkel im TV-Duell gegenüber ihrem Herausforderer Martin Schulz von der SPD aus. In der ersten Hälfte der Sendung konnte er der Christdemokratin nicht wirklich gefährlich werden.

Zu sicher trat Merkel auf, betonte ein ums andere Mal, wie sie entschieden habe, zum Beispiel im Sommer 2015 mit den nach Deutschland Fliehenden. Da zeigte Merkel Format – unabhängig davon, wie man zu ihrer damaligen Grenzöffnung steht. Eine Macherin, der man vertrauen möge, das war ihre Botschaft. Schulz dagegen stockte zu oft, schien sich fast zu verhaspeln. Das wirkte wenig gewinnend. Er schaute verwegen, entschlossen und ernsthaft. Wie ein Räuberhauptmann. Und konnte dennoch bis zur ersten Halbzeit beim Zuschauer den Eindruck nicht zerstreuen, dass er zum einen keine echte Alternative zu Merkel anbietet und zum zweiten mit der Kanzlerin großkoalitionär viel gemein hat.

Merkel und Schulz nickten sich oft zu. Vereint wehrten sie sich gegen die vereinfachenden Vorstöße von einem der vier Moderatoren, Claus Strunz. Hätten sie Händchen dabei gehalten, es wäre keine Überraschung gewesen.

Der Bonus wird zum Malus

All dies nutzte Merkel. Schulz musste raus aus dem Schlafwagen, und Merkel musste die Schaffnermütze auf dem Kopf behalten. Verzweifelt versuchte Schulz manchen Angriff, sah zum Beispiel in der Politik gegenüber der Türkei Unterschiede zur Kanzlerin, die keine sind. Da merkte man, dass sich Schulz als Herausforderer mehr inszenieren muss, um wahrgenommen zu werden. Dieses gelang ihm dann zunehmend in der zweiten Hälfte.

Immer mehr verwandelte sich nämlich der Kanzlerinnenbonus von Merkel in einen Malus, spätestens als nach skandalös langen 55 Minuten endlich „Migration“ und „Erdogan“ als Themenblöcke verabschiedet – als hätten wir keine anderen Probleme in Deutschland – und Sozial- und Wirtschaftsthemen verhandelt wurden. Dies wurde zu Schulz‘ großem Revier, in dem er Merkel gleich mehrmals in die Bredouille redete.

Während sich Schulz als Mann der so genannten klaren Kante präsentierte, verhaspelte sich nun die Kanzlerin. Maut? Für den einen Quatsch, für die andere, nunja, eben beschlossen. Diesel? Für den einen ein Grund zur Entschädigung betrogener Autofahrer, für die andere ein Anlass „stocksauer“ zu sein, ohne nur entfernt auch so zu wirken. Fußball-WM in Qatar? Für den einen ein klares „Nein“, für die andere „nicht besonders gut“. Als Schulz dann bei der Familienpolitik sogar konkrete Zahlen nannte, um die er Familien entlasten wollte, während Merkel keine leichten Versprechen ablegte, wurde es eng für die Kanzlerin. Schulz kramte sogar erfolgreich verbal ein Stück Butter hervor, um zu erläutern, warum eine Reduzierung der Mehrwertsteuer wenig Sinn macht.

Plötzlich stand Merkel als Spielverderberin da, als eine Erklärerin. Wahlkampf aber mag kein Differenzieren – das ist für die Vernünftigen. Schulz durfte den Anti-Zauderer geben, während Merkel mit ihrer ruhigen Regentenart in die anfangs selbst gestellte Falle lief.

Die Zeit lief

Hätte die Sendung länger gedauert, hätte es schief gehen können für die Kanzlerin. Merkel zeigte, dass sie solche Tuchfühlungen nicht mag. Und Schulz dokumentierte, wie menschlich er wirkt. Die CDU-Vorsitzende mag der Demokratie keinen Gefallen tun, in dem sie sich einem zweiten TV-Duell nicht stellt. Da sie die Wahl gewinnen will, ist ihre Haltung indes nachvollziehbar.

So bleibt nur ein resignierter Aussprach eines früheren, erfolglosen Herausforderers Merkels: Hätte, hätte, Fahrradkette.

Mit der zweiten Halbzeit konnte Schulz das Ruder für sich herumreißen, er steht als leichter Gewinner der Sendung da. Aber dieser Sieg war zu wenig eindeutig und klar, als dass eine Sogwirkung für die letzten Wahlkampfwochen wirklich zu erwarten ist; es wäre, gelinde formuliert, eine Überraschung, aber von denen gibt es ja einige im Leben. Die Kanzlerin wird ihr blaues Auge rasch kühlen. Und der SPD-Kandidat darf zumindest hoffen, dass noch ein Wunder geschieht.

Im Video: So reagierte die CDU auf Schulz’ Bildungspläne