"Leave me alone": Formel 1 verliert ihr letztes Original

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"Leave me alone": Formel 1 verliert ihr letztes Original
"Leave me alone": Formel 1 verliert ihr letztes Original

Nie wieder nervige Fragen. Die Pressekonferenzen, in denen er viel reden musste, ohne viel zu sagen, gingen ihm am meisten auf die Nerven.

Kimi Räikkönen (42) mochte es nie, irgendeine Show zu machen. Er wollte die schnellsten Autos der Welt fahren und ansonsten nur das eine: „Lasst mich in Ruhe, ich weiß, was ich tue!“

Sein Kultspruch zu seinem Renningenieur bei Lotus wurde genau wie der Satz „I don‘t care“ („Mir egal!“) zu einem der meistzitierten Sprüche in der Formel 1 – inklusive Shirts, die damit gedruckt und verkauft wurden.

Und selbst bei seinem Abschiedsrennen klebte sein Team den Spruch auf seinen Alfa Romeo: „Dear Kimi, we will leave you alone now“, prangte da unübersehbar in großen Lettern.

Räikkönen bestritt die meisten Rennen

An Weihnachten war er endlich wieder er selbst. Er spielte in seiner Wahlheimat Schweiz den Weihnachtsmann für seine beiden Kinder Robin (6) und Rianna (4) - und genoss es diesmal sichtlich, für seine über alles geliebten Kids ausnahmsweise in eine Rolle zu schlüpfen.

2022 ist er endlich frei. Nach 350 Rennen (Rekord!), einem WM-Titel, 21 Siegen und 18 Pole Positions sagt der „Iceman“, der die Herzen seiner Fans weltweit zum Schmelzen brachte, der Königsklasse endgültig Goodbye. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Formel 1)

Nach einem Bremsdefekt musste der 42-Jährige seinen Alfa Romeo beim Finale in Abu Dhabi vorzeitig abstellen.

Tränen zum Abschied gab es nicht: „Ich freue mich darauf, wenn es vorbei ist, und ich einen leeren Terminplan habe. Mein Platz ist jetzt zu Hause“, hatte der Finne zuvor angekündigt.

Vermissen werde er die Königsklasse nicht: „Mein Leben war immer außerhalb. Es gibt andere Bereiche, die wichtiger sind.“

Vettel schwärmt von Räikkönen

Der bis dato letzte Ferrari-Weltmeister (2007) wird nicht nur seinen Anhängern fehlen. Auch seinen Kollegen.

„Kimi war vielleicht das größte Talent von uns allen“, sagt sein Kumpel Sebastian Vettel (34) zu SPORT1, „aber ganz bestimmt der ehrlichste Kerl. Er war völlig unpolitisch und authentisch. Ich werde sein Schweigen vermissen.“

Das Schweigen zur Entstehung der deutsch-finnischen Freundschaft brach der Finne übrigens erst bei seiner Abschiedsfeier in der Sauber-Fabrik in Hinwil.

Als eine Videobotschaft von Vettel abgespielt wurde, berichtete Räikkönen, dass er in einer Bar einst wie ein großer Bruder auf den blutjungen Vettel aufpasste. 2018 war es umgekehrt, da griff der viermalige Weltmeister dem auf der Bühne schwankenden Finnen beherzt unter die Arme.

Das Tier aus den finnischen Wäldern

Fest steht: Kimi steht zu den Dingen, die er macht. Zu seiner Frau, zu seinen beiden Kindern, denen er ein liebevoller Vater ist. Aber auch zu seinem anderen Wesen, das ihn ihm schlummert. Ein Tier, das tief aus den finnischen Wäldern stammt und das er öfters und gerne einfach mal frei lässt.

Gerne wird dann über das Tier berichtet, das raubtiermäßig seine Spuren hinterlässt.

Er fiel betrunken und kopfüber vom Oberdeck aufs Unterdeck einer Yacht im Hafen von Helsinki. Er randalierte in einem Nachtclub in London und zog seinen „kleinen Kimi“ blank. Er fuhr Boot in einem Gorillakostüm. Er schlief auf einem Bürgersteig in Gran Canaria ein – mit einem rosa Gummielefanten als Kopfkissen.

Mercedes-Mitarbeiter im Urlaub fanden ihn und riefen in der Konzernzentrale in Stuttgart an: „Ich glaube, wir haben gerade Ihren Formel-1-Piloten gefunden.“

Und es gibt noch ein kleines Schmankerl, das bisher kaum bekannt ist. Seinen Landsmann und Formel-1-Kollegen Heikki Kovalainen soll Freigeist Raikkönen angeblich mal zum Partnertausch aufgefordert haben. Der soll dann panikmäßig mit seiner Freundin Katy die Flucht ergriffen haben.

Räikkönen zeigt sein zweites Gesicht

Wer Kimi kennt, der weiß aber, dass der feierfreudige Punk nur ein Teil seiner Persönlichkeit ist. Der weiß, dass Raikkönen nicht immer schweigt, sondern seine Mundfaulheit nur seine ganz spezielle Art ist, der F1-Welt mit ihrem ganzen Glitter und Tamtam zu sagen: „Kiss my ass!“

In der Schweiz wurde der „Iceman“ schon einmal redselig und ihm wurde ganz warm ums Herz. Es war kalt, irgendwann im Winter 2003.

Kimi Räikkönen war bei einem Schweizer Züchter von Schäferhunden in der Nähe des Bodensees. Stundenlang spielte er zärtlich mit den acht Wochen alten Welpen herum, fotografierte sie, schickte die Bilder sofort zu seiner damaligen Ehefrau Jenny.

Er entschied sich schließlich für Ajax, der ihm als erster in die Arme sprang. An diesem Tag legte Kimi Raikkönen seine Maske des „Icemans“ ab - er zeigte sein zweites Gesicht.

Das interessiert Raikkönen aber alles nicht. Er stellt klar: „Jeder hat Emotionen. Aber jeder geht auch anders damit um. Wenn ich fahre, bin ich hochkonzentriert, Emotionen sind da fehl am Platz. Dafür hat man doch gar keine Zeit. Man muss oft schneller reagieren, als man fühlen kann. Ein Formel-1-Fahrer analysiert meistens erst bestimmte Situationen, wenn sie schon längst vorüber sind. Die Reflexe und Instinkte müssen stimmen. Dazu kommt, dass ich kein Typ bin, der gerne zeigt, was in mir vorgeht.“

Räikkönen leidet an Fahrradunfall als Kind

Deshalb würde er nie erzählen, dass seine leise Piepsstimme von einem Fahrradunfall aus seiner Kindheit rührt.

Kimi war fünf Jahre alt, als er von den Pedalen abrutschte und mit dem Hals auf die Gabel knallte. Von der schweren Quetschung haben sich seine Stimmbänder nie ganz erholt.

Räikkönen redete schon als Kind so wenig, dass seine Eltern ihn sorgevoll zum Kindertherapeuten brachten. Der schickte Kimi schon nach einem halben Tag wieder nach Hause. Mit einem Brief dabei. „Ihr Sohn ist überdurchschnittlich intelligent. Das könnte der Grund sein, warum er es vorzieht, zu schweigen.“

Eine schwierige Koordinationsübung, für die Erwachsene durchschnittliche drei Stunden brauchten, hatte der Sechsjährige in zwanzig Minuten gelöst. Das hat den Therapeuten überzeugt.

Räikkönen auch bei Unfällen völlig ruhig

Es gibt nur wenige, die Räikkönen an sich ranlässt. Bei denen er ist, wie er ist. Dazu gehörte der mittlerweile verstorbene finnische McLaren-Arzt Aki Hintsa.

Hintsa sagte schon zu den wilden McLaren-Zeiten über seinen Landsmann: „Kimi ist ein sehr sensibler Mensch, der nur im Auto keine Gefühle zeigt.“

Ein Experiment bestätigte das einmal: Bei einem Rennen statteten Mediziner Raikkönen mit Messelektroden aus.

Das Ergebnis: Räikkönens Puls schnellte nicht mal in Situationen in die Höhe, die selbst gestandenen Piloten den Schweiß in den Nacken getrieben hätten. Nicht bei gefährlichen Überholmanövern. Nicht einmal, wenn es kracht.

Als Räikkönen fast sein F1-Debüt verschlafen hat

Für seinen ehemaligen Teamchef Peter Sauber ist der Finne der nervenstärkste Pilot, den er je erlebt hat. „Er hätte fast sein erstes Formel-1-Rennen in Australien 2001 verschlafen.“

Fitnesstrainer Josef Leberer, damals für Räikkönen zuständig, erzählt: „Kimi lag auf einer Kiste in der Box und schlief. Als ich ihn 40 Minuten vor dem Start wecken wollte, damit er sich für den Start vorbereiten konnte, drehte er sich einfach um und murmelte: „Gib mir noch fünf Minuten. Er schlief einfach weiter.“

Im Rennen holte er dann als Sechster seinen ersten WM-Punkt. Als Peter Sauber ihm gratulieren wollte, winkte Räikkönen nur ab: „Habe ich etwa gewonnen? Wozu also die Gratulation?“ Sauber war völlig perplex.

Berger: „Er könnte feiern, so oft er wollte“

Auch Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger ist ein Fan des Finnen.

Der heutige DTM-Chef sagt im Spaß: „Zu Red Bull würde Kimi am besten passen. Er könnte feiern, so oft er wollte. Denn selbst mit Kater ist Kimi immer noch schneller als die meisten anderen topfit. Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass Kimis Aktivitäten neben der Strecke ihn bisher auch nur eine Hundertstelsekunde langsamer gemacht haben.“ Und wohl auch nicht älter.

Auch wenn seine Laufbahn jetzt beendet ist. Vielleicht sieht man den zeitlosen Iceman eines Tages ja doch an der Rennstrecke wieder. Sohn Robin übt schon fleißig im Kart. Wird er der nächste Max Verstappen?

Kimi im Sommer zu SPORT1: „So weit will ich noch nicht gehen. Im Moment fährt er zwar inbrünstig Gokart und liebt alles, was einen Motor hat. Das Gleiche gilt übrigens auch für meine jüngere Tochter, die auch langsam anfängt, sich für alles zu interessieren, was sich bewegt. Ich werde auf jeden Fall alles fördern, worauf sie Spaß haben. Aber erzwingen werde ich gar nichts.“

Das hat ja bei ihm auch nicht funktioniert …

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