Mit ihrer Erfindung können Pflanzen 52 Tage ohne Wasser überleben

Das Agrobiogel-Team (v.l.n.r.): Matija Mijatovic, Matthias Zwickl, Gibson Nyanhongo, Johannes Paul Schwarz und Keith Nyanhongo.
Das Agrobiogel-Team (v.l.n.r.): Matija Mijatovic, Matthias Zwickl, Gibson Nyanhongo, Johannes Paul Schwarz und Keith Nyanhongo.

Die Koffer sind gepackt, der zweiwöchige Kroatienurlaub kann losgehen, aber wer gießt in der Abwesenheit die geliebten Geranien?

Die Lösung kommt aus der österreichischen Startup-Szene: Agrobiogel, ein Granulat, das aus Holz gewonnen wird. Einmal der Erde beigemischt, saugt es sich bei Regen wie ein Schwamm mit Wasser voll und gibt die aufgenommene Feuchtigkeit langsam und kontinuierlich wieder ab. Bei Testversuchen überlebten Pflanzen mit dem Produkt eine Durststrecke von 52 Tagen.

Bauern durch die Dürre helfen

So praktisch die Idee für die heimische Geranienpracht ist: Agrobiogel wurde nicht für den Hausgebrauch entwickelt, sondern primär für den großflächigen Ackerbau, um Nutzpflanzen auf der ganzen Welt besser gegen Dürreperioden zu rüsten und ihren enormen Wasserbedarf zu reduzieren.

Entwickelt wurde es von Professor Gibson Nyanhongo und einem Team von Forschern an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Vor einem Jahr machten sich die Biotechnologen selbstständig, um den Ausbau des Produkts weiter voranzutreiben. Agrobiogel agiert jetzt als Spinoff-Unternehmen der BOKU, wird dabei unterstützt vom österreichischen Inkubator Accent, finanziert vom European Innovation Council und dem Austria Wirtschaftsservice: Anfang des Jahres bekam das Startup Fördermittel in Höhe von 3,4 Millionen Euro.

Egal ob in einem kleinen Blumentopf verwendet oder dem ganzen Ackerboden beigemischt: Agrobiogel-Granulat soll Wasser über einen langen Zeitraum in der Erde speichern können und den Wurzeln nach und nach zur Verfügung stellen.
Egal ob in einem kleinen Blumentopf verwendet oder dem ganzen Ackerboden beigemischt: Agrobiogel-Granulat soll Wasser über einen langen Zeitraum in der Erde speichern können und den Wurzeln nach und nach zur Verfügung stellen.

Nyanhongo und sein Team verwenden für die Herstellung einen Rohstoff, der in großen Mengen als Nebenprodukt in der Holzindustrie entsteht. Durch einen biologischen Prozess – der laut Nyanhongo weder Chemie verwendet noch Abfall generiert – wird daraus ein Biopolymer, ein sogenannter Wasser-Superabsorber, der das Vielfache seines eigenen Gewichts an Wasser aufnehmen kann.

Superabsorbierende Polymere werden schon lange zur Herstellung von Hydrogels verwendet, beispielsweise in Granulatform als Füllstoff für Babywindeln. Allerdings basieren diese auf Kunststoff.

Im Gegensatz zu den Plastikversionen handelt es sich laut Nyanhongo bei dem Polymer im Agrobiogel um ein erstmals ungiftiges Wasserspeichermaterial: Der Rohstoff ist biologisch komplett abbaubar. Je nach Bodenbeschaffenheit hält die Funktionalität fünf bis zehn Jahre lang, danach zerfällt das Agrobiogel zu Humus.

Bis zu 40 Prozent weniger Wasser nötig

Die Angaben des Forscher-Teams sind vielversprechend: Ihr Granulat könne bis zu 95 Prozent des einsickernden Wassers aufnehmen und langfristig so viel Flüssigkeit aufsaugen, dass sich das benötigte Bewässerungswasser um bis zu 40 Prozent reduzieren lässt. Ein Beispiel: Ein einziger Apfel benötigt bis zum Heranreifen circa 70 Liter Wasser, mit Agrobiogel könnten das in Zukunft 42 Liter werden.

Das wäre eine hoffnungsvolle Nachricht für die globale Landwirtschaft, wo viele Bauern auf die Bewässerung durch Regen setzen. Ihre Ernten leiden unter zunehmenden Dürreperioden, unregelmäßigen Niederschlägen und den Folgen der globalen Erwärmung.

Agrobiogel könnte auch die nachhaltigere Bewirtschaftung mit Wasser – eines der UN-Nachhaltigkeitsziele – in greifbare Nähe rücken. Laut Berechnungen der Vereinten Nationen werden mehr als 70 Prozent des vom Menschen gebrauchten Frischwassers der Landwirtschaft zugeschrieben, das meiste davon der Ackerbewässerung. Hier hat sich der Bedarf in den letzten 50 Jahren sogar verdoppelt. In manchen Entwicklungsländern fließen momentan noch bis zu 95 Prozent des Wassers in die Landwirtschaft. In Zukunft mehr als ein Drittel davon mithilfe des neuen Granulats einsparen zu können, würde signifikante Wassermengen anderweitig zur Verfügung stellen.

Diese kleinen Agrobiogel-Kügelchen werden der Erde beigemischt und saugen sich dort mit Wasser voll.
Diese kleinen Agrobiogel-Kügelchen werden der Erde beigemischt und saugen sich dort mit Wasser voll.

Weniger Wasser = weniger Dünger

Aber nicht nur an Wasser, sondern auch an anderen Flüssigkeiten wie Dünge- und Pflanzenschutzmitteln hält Agrobiogel länger fest und soll so auch die davon benötigten Mengen reduzieren. Als Resultat sieht Nyanhongo reduzierte Kosten für Pflanzenzüchter, Gärtner und Landwirte, sowie die Möglichkeit auch aus unfruchtbaren Böden Ernten zu generieren. „Die gesamte Bodenqualität – Durchlässigkeit, Dichte, Dünger- und Nährstoffspeicherungskapazität – wird insgesamt stark verbessert”, sagt Nyanhongo. Dadurch könne Agrobiogel selbst sandige Böden in eine produktive Anbaufläche verwandeln.

Der Biotechnologe arbeitet momentan mit einem zehnköpfigen Team an der Herstellung und Verbreitung des Bio-Superabsorbers. Derzeit ist das Startup noch im B2B-Bereich unterwegs, aber Ziel ist es, in Zukunft auch über Vertriebspartner im Einzelhandel erhältlich zu sein. Bis dahin müssen die Geranien daheim noch regelmäßig auf eine gut gefüllte Gießkanne hoffen.

Der 38-jährige Gründer und Geschäftsführer Dr. Tillmann Lang will mit seiner Tech-Plattform Inyova die Welt nachhaltig verbessern.
Der 38-jährige Gründer und Geschäftsführer Dr. Tillmann Lang will mit seiner Tech-Plattform Inyova die Welt nachhaltig verbessern.
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