„Ich kann mich als Frau wehren“: Hitzige Debatte zu Sex und Gewalt bei Maybrit Illner

Der Fall Dieter Wedel beschäftigte die Talkrunde. (Bild: Screenshot/ZDF)

Vergewaltigungsvorwürfe gegen Star-Regisseur Dieter Wedel haben die „MeToo“-Diskussion in Deutschland wieder angeheizt. Ein vermeintliches Opfer zeigte sich bei „Maybrit Illner“ „erschüttert“ über die Reaktionen. Eine andere Teilnehmerin beschwor die Wehrhaftigkeit belästigter Frauen.

Die ehemalige Schauspielerin Patricia Thielemann brachte mit ihren Vorwürfen der sexuellen Gewalt gegen Dieter Wedel den Fall mit ins Rollen. Die Unternehmerin, die dem Filmgeschäft den Rücken gekehrt hat, bezeichnete die Reaktionen auf ihre Schilderungen am Donnerstagabend bei „Maybrit Illner“ als „wirklich erschütternd“. Sie und ihre Mitstreiterin Jany Tempel hätten „viel Gegenwind geerntet“ und würden „ständig an den Pranger gestellt“. Thielemann hatte Wedel im Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“ vorgeworfen, sie 1991 in einem Hotelzimmer angegriffen zu haben. Wedel wies alle Anschuldigungen zurück.

“Es hätte meine Karriere kaputt gemacht”

„Ich hätte mich damals nicht getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil mir sowieso niemand geglaubt hat“, erklärte Thielemann ihr langes Schweigen. „Ich war eine junge Schauspielerin und das hätte meine Karriere kaputt gemacht.“ Nun aber wolle sie anderen Frauen mit ihrer Geschichte „Rückendeckung“ geben: „Und so geht es mir nicht um Vergeltung, sondern es geht mir darum, diesen Frauen zu zeigen, dass sie Unterstützung brauchen und deshalb habe ich es gemacht.“

Thielemann ist mit ihrem Unternehmen „Spirit Yoga“ erfolgreich. (Bild: Screenshot/ZDF)

„Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo betonte, auch die große Anzahl der betroffenen Frauen und die Glaubwürdigkeit der Zeuginnen habe ihn von der Berichterstattung überzeugt. Seine Redaktion habe bislang sieben Fälle untersucht und Kenntnis von 22 Fällen. Es sei „so gründlich wie es nur irgend geht“ recherchiert worden. Es stelle sich die Frage, wie Wedel so lange habe geschützt werden können.

Betroffene wollen “genau berichten”

Das ZDF, Wedels ehemaliger Arbeitgeber, hat nach Auskunft des Intendanten Thomas Bellut bislang keine schriftlichen Hinweise gefunden, die die Vorwürfe untermauern. Das beruhige ihn aber keineswegs. Der Sender werde den Fall noch genauer untersuchen. Der Bereich der Filmproduktion sei offenbar lange Zeit „unbeobachtet“ gewesen. Das solle nun ein Ende haben, betonte Bellut: „Vor allem haben wir deutlich gemacht, dass wir wissen wollen, was passiert ist.“ Dieses Bekenntnis zur Transparenz habe bereits dazu geführt, dass sich betroffene Frauen – darunter Schauspielerinnen – schriftlich gemeldet hätten. Letztere wollten anonym bleiben, aber „genau berichten“.

Anne Wizorek (l.) und Svenja Flaßpöhler (M.) lieferten sich ein Streitgespräch. (Bild: Screenshot/ZDF)

Kritische Töne zur vom Fall Harvey Weinstein ausgelösten Diskussion kamen von der Philosophin und Publizistin Svenja Flaßpöhler. „Was im Moment in dieser ‚MeToo’-Debatte reproduziert wird, ganz stark, ist das Bild einer passiven Frau, die rein reagiert auf einen allmächtigen Phallus.“ Hier werde ein Frauenbild aus dem 19. Jahrhundert reaktiviert. „Das Patriarchat ist zu Ende. Die patriarchalen Phantasmen aber, die wirken weiter in unseren Köpfen.“

Ist Belästigung subjektiv?

Die Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ gab zu Protokoll, sie habe noch nie sexualisierte Gewalt erfahren. „Das freut mich für Sie“, warf die #Aufschrei-Initiatorin Anne Wizorek ein. Die beiden Frauen gerieten wiederholt aneinander. Flaßpöhler stellte Belästigung als subjektive Erfahrung dar: „Ich würde immer sagen, dass das durchaus von dem Mann als Verführung gedacht ist und ich aber in meiner subjektiven Position – weil ich den Mann vielleicht nicht attraktiv finde, weil die Situation nicht passt – ich empfinde das als Belästigung.“ Wenn man eine Gesellschaft ohne Belästigung wolle, „dann gibt man die Freiheit dieser Gesellschaft auf“. „Wir reden nicht über Verführung, Frau Flaßpöhler. Wir reden über sexualisierte Gewalt“, widersprach Wizorek. „Welche Freiheit haben wir denn jetzt? Wir haben jetzt die Freiheit der Männer zu belästigen.“ Die Philosophin betonte: „Ich habe aber die Möglichkeit als Frau, mich in Situationen, die ich als Belästigung empfinde, zu wehren.“ Bestehe die Möglichkeit nicht, handele es sich jedoch tatsächlich um sexuelle Gewalt, die strafbar sei.

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