Review zu "I am Greta": Eindringliche Doku über Greta Thunberg

Carlos Corbelle
·Editor
·Lesedauer: 4 Min.

Inzwischen ist Greta Thunberg weltweit bekannt. Dabei ist es gar nicht allzu lange her, dass sie als Klimaaktivistin die politische Weltbühne betreten hat. Die Doku "I am Greta" verdichtet ihren Werdegang von den ersten, einsamen Streiks auf der Straße bis zu ihrer berühmten Rede beim UN-Klimagipfel - und schärft dabei den Blick der Zuschauer auf überraschende Weise.

Klimaaktivistin Greta Thunberg. (Bild: Thierry Monasse/Getty Images)
Klimaaktivistin Greta Thunberg. (Bild: Thierry Monasse/Getty Images)

Greta Thunberg sitzt in einem kleinen Segelboot. Um sie herum das tosende Wasser des Atlantiks. Laut, unbändig, chaotisch. Sie dagegen wirkt ganz ruhig, fokussiert, als könne sie keine Naturgewalt der Welt davon abbringen, ihr Ziel zu erreichen - ganz gleich, wie groß die Widerstände sind. So beginnt der Dokumentarfilm "I am Greta", der seine Weltpremiere auf dem diesjährigen Filmfestival von Venedig feierte und nun auch hierzulande ins Kino kommt. Ein besseres Bild hätte Regisseur Nathan Grossman kaum finden können, um seinen Film um die unbeugsame Klimaaktivistin zu eröffnen.

Von Plymouth bis New York

Wie man bereits ahnen dürfte, handelt es sich bei besagter Bootsfahrt um Thunbergs zweiwöchige Atlantiküberquerung, bei der sie im August vergangenen Jahres den weiten Weg vom britischen Plymouth bis nach New York in einem Segelboot zurücklegte, um in der US-Metropole am UN-Klimagipfel teilzunehmen. Auf die berühmte Rede, die sie dort schließlich hielt, wird der Film am Ende zurückkommen. Nach der symbolträchtigen Eröffnungsszene dokumentiert "I am Greta" aber erst mal entscheidende Stationen, die dem Klimagipfel-Auftritt der heute 17-Jährigen vorangingen.

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Grossman zeigt, wie sie im August 2018 damit begann, für das Klima zu streiken, anstatt zur Schule zu gehen. Wie sie zunächst allein auf der Straße ihrem Anliegen Ausdruck zu verleihen versuchte, damit zunehmend mediale Beachtung fand und immer mehr Jugendliche inspirierte, bis schließlich die lautstarke, weltweite "Fridays for Future"-Bewegung daraus erwuchs, die sich nach wie vor leidenschaftlich für den Kampf gegen den Klimawandel engagiert.

Kein Futter für Boulevard-Junkies

Rein faktisch zeigt uns der Film damit natürlich Nichts, was wir nicht schon aus den Nachrichten wissen würden. Und auch auf voyeuristische Einblicke in das Privatleben Thunbergs wird - glücklicherweise - verzichtet, auch wenn uns die Doku in einigen Momenten eine Ahnung davon gibt, welchen familiären Tribut das Leben im Zeichen des Aktivismus und unter dem medialen Brennglas erfordert. Etwa, wenn ihr Vater, der Greta bei ihren Reisen stets begleitet, sie daran erinnern muss, ihr eigenes Wohlbefinden nicht aus den Augen zu verlieren und das Ganze in einer eindringlichen Diskussion mündet - von der Kamera Grossmans mit der nötigen Distanz und Zurückhaltung eingefangen.

Bahnbrechende Erkenntnisse? Fehlanzeige! Futter für Boulevard-Junkies? Mitnichten! Was die Doku erzählt, ist nicht wirklich neu. Wie sie jedoch Handlungen und Aussagen Gretas, kleine, private Momente mit ihren Mitmenschen und große, öffentliche Begegnungen mit den Mächtigen zum Porträt eines Mädchens verdichtet, das in einer Szene ausgelassen durch den Raum tänzelt und in der nächsten führende Politiker energisch in die Pflicht nimmt, schärft den Blick dann doch auf eine Weise, die ungemein berührt. Was nicht das Schlechteste angesichts einer ökologischen Herausforderung ist, die auch deshalb so viel Unwillen zum Handeln zur Folge hat, weil sie uns immer noch zu weit weg erscheint, uns wider besseres Wissen eben nicht wirklich oder zumindest nicht genug tangiert, um ihre wahre Dimension ermessen zu können.

Eindringliche Worte

"This is all wrong", sagte eine sichtlich emotionale Thunberg zu Beginn ihrer Rede beim UN-Klimagipfel. "Das ist alles falsch. Ich sollte nicht hier sitzen. Ich sollte in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans." Ihre oft als "Wutrede" bezeichnete, mit diesem Begriff auch ein Stück weit abgewertete Rede, die in den Augen des Autors dieser Rezension dagegen höchst beeindruckend war, ist allseits bekannt.

Wenn wir ihre Worte am Ende des Films nochmal hören, bekommen sie allerdings eine noch höhere Dringlichkeit als ohnehin schon. Weil wir in den vorhergehenden eineinhalb Stunden durch die identifikationsstiftenden Mittel, die der täglichen Berichterstattung in der Regel nicht zu eigen sind, einem Film aber schon, zumindest ein Stück weit selbst mit ihr auf dem kleinen Segelboot sitzen können, während sie mutig, aber verständlicherweise nicht frei von Angst den Ozean überquert. Und ihre Euphorie, aber auch ihre Verzweiflung zu spüren bekommen, wenn sie zunehmend erkennen muss, dass sich die politischen Entscheidungsträger in ihrem medialen Glanz sonnen, aber nur wenig - oder zumindest nicht genug - Konkretes gegen die globale Erwärmung tun. So changiert "I am Greta", dessen Protagonistin und auch der Zuschauer zwischen dem Gefühl erhebender Selbstermächtigung und ernüchternder Ohnmacht. Doch wie sagte schon Kermit einst so treffend: "It's not easy being green."

"I am Greta" läuft ab 16. Oktober 2020 im Kino.

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