Der Hype um Achtsamkeit nervt, weil es oft nur um Leistungssteigerung geht

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Mal kurz eine Runde achtsam auf dem Büro-Fußboden Energie tanken? Besser nicht.
Mal kurz eine Runde achtsam auf dem Büro-Fußboden Energie tanken? Besser nicht.

Der Kommentar ist erstmalig am 13. März 2021 erschienen.

„Tief einatmen… uuuund ausatmen“ – aber dann wieder schnell ans Werk! Achtsamkeitstechniken wie stille Meditation und Yoga sind auf dem besten Weg, Tischtennisplatten und Barista-Kaffeemaschinen im hippen Arbeitsumfeld von Startups und Konzernen den Rang abzulaufen. Und das nicht nur, weil in Zeiten von Corona-Einschränkungen keiner im Büro ist, um ein Match zu spielen oder eine Tasse zu trinken.

Doch wenn ein paar Atemübungen vor dem nächsten Meeting, Smartphone-Detox nach Feierabend und Slow Food beim Lunch zur Leistungssteigerung eingesetzt werden, hat das nichts mehr mit der Idee von Achtsamkeit zu tun. Dann gehts wieder nur darum, ein schnelles Geschäft zu machen und mehr Leistung aus den Angestellten und sich selbst rauszuholen. Selbstbeobachtung und Wohlbefinden – die eigentliche Idee von Achtsamkeit – bleiben auf der Strecke. Studien haben gezeigt, dass Meditation und Atemtechniken Stress abbauen und die Konzentrationsfähigkeit verbessern können. Nur hat das nicht unbedingt auch etwas mit Achtsamkeit zu tun. Auch wenn das Label draufklebt und man es so verkauft.

Wie so oft handelt es sich auch bei der Achtsamkeitsbewegung um eine Welle, die mit einiger Verzögerung aus dem Silicon Valley zu uns herübergeschwappt ist. Google und andere Tech-Firmen setzen schon seit Jahren darauf. Hierzulande sind im Corona-Jahr 2020 auffällig viele Startups mit Geschäftsmodellen rund ums Thema Achtsamkeit auf den Plan getreten, die sich an Unternehmenskunden richten: Mit ihren Coachings, Yoga-Videos und Meditationsanleitungen per App sollen Firmen Mitarbeitern die Möglichkeiten bieten, mit Job und Alltag besser umzugehen.

Doch damit aus Mindfulness keine Produktivitätsmaßnahme wird, sollten wir das Konzept von Achtsamkeit im Arbeitsumfeld nicht zweckentfremden, sondern es sinnvoll eingliedern.

Dass beispielsweise Yoga dabei helfen kann, den Kopf freizubekommen und Rückenschmerzen zu reduzieren, kann ich bestätigen. Nicht nur, weil ich selbst darunter zu leiden hatte, sondern als Yoga-Lehrer auch anderen dabei helfe. Man kann mir gern den Vorwurf machen, ich würde auch nur auf der Achtsamkeitswelle mitschwimmen. Damit kann ich leben – vor allem, seitdem ich meine Arbeitszeit reduziert habe und nach Feierabend Feierabend habe. Zu spüren, was einem gut tut, ist eine der angenehmen Nebenwirkungen von Achtsamkeit.

Nicht allen ist mit Mindfulness geholfen

Nicht auszuschließen also, dass auch einer viel beschäftigten Managerin und anderen Workoholics mit ein paar Achtsamkeitstechniken geholfen sein könnte. Allerdings sollten wir uns dann darauf einigen, dass es nicht wirklich um Achtsamkeit geht, sondern um Leistungssteigerung. Wirklich achtsam zu sein, würde hingegen beispielsweise bedeuten, ein Gespür dafür zu entwickeln, ob das auferlegte Arbeitspensum angemessen ist oder nicht. Egal ob der Chef es einem aufgebrummt hat oder man sich selbst unter Druck setzt.

Dass im Arbeitsumfeld immer mehr Menschen an ihr Limit gehen, unter Burnout leiden und andere Symptome der Erschöpfung zeigen, ist besorgniserregend. Doch Achtsamkeitsangebote in einer Unternehmenskultur einzuführen, in der Leistungsdruck groß geschrieben wird, ist kontraproduktiv. Denn das kostet Zeit, die man sich dafür nehmen muss, und könnte dazu führen, dass Arbeitnehmerinnen zu der Einsicht gelangen, sich einen weniger stressigen Job zu suchen.

Achtsamkeit kann Leistung verbessern – aber nur als Nebeneffekt

Kritiker, die das schnelle Geschäft und den Workload lieben, haben Recht damit, dass Firmen mit Achtsamkeitstechniken wenig geholfen ist. Achtsamkeit hilft allein Menschen. Seinen Mitarbeitern eine Auswahl von Achtsamkeitsangeboten zu machen, kann aber ein wichtiger Entwicklungsschritt fürs Unternehmensklima sein. Wer sich dazu berufen fühlt, möge es ausprobieren – nur sollte es nicht zur Verpflichtung werden.

Bei aller Kritik an dem missverstandenen Leistungsaspekt muss ich allerdings doch noch eine Sache zugeben: Seitdem ich mich mit Achtsamkeit beschäftige, gehe ich mit mehr Gelassenheit an die Arbeit und schaffe in kürzerer Zeit deutlich mehr als früher – auch dank längerer Pausen. Aber das sollte immer nur ein willkommener Nebeneffekt sein und niemals die Zielvorgabe.

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