Hungerstreikende Wissenschaftlerin in Türkei verurteilt und aus Haft entlassen

Ein Gericht in der Türkei hat die hungerstreikende Wissenschaftlerin Nuriye Gülmen zu einer Haftstrafe verurteilt, in Erwartung eines Revisionsprozesses aber ihre vorübergehende Freilassung angeordnet. Nach Angaben ihres Anwalts Ömer Faruk Eminagaoglu befand das Gericht in Ankara die Literaturdozentin am Freitag der Mitgliedschaft in einer verbotenen linksextremen Gruppierung schuldig. Demnach wurde die 35-Jährige zu sechs Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

Weil sie die Nahrungsaufnahme verweigert, befindet sich Gülmen seit September im Krankenhaus auf Intensivstation. Sie sollte noch am Freitag von dort entlassen werden. Der mit ihr inhaftierte Lehrer Semih Özakca, der sich ebenfalls im Hungerstreik befand, war bereits Mitte Oktober auf freien Fuß gekommen.

Gülmen und Özakca sind in der Türkei zum Symbol des Protests gegen die Massenentlassungen geworden, die seit dem gescheiterten Militärputsch von Juli 2016 mehr als 140.000 Staatsangestellte ihren Job gekostet haben. Sie hatten zunächst über Monate auf einem Platz in Ankara gegen ihre Entlassung protestiert, bevor sie am 9. März in den Hungerstreik traten.

Laut ihren Angehörigen haben Gülmen und Özakca seit Beginn des Hungerstreiks im März stark an Gewicht verloren. Demnach nehmen sie nur gezuckertes und gesalzenes Wasser, Kräutertee und Vitamin B1 zu sich. Ihr Protest hat zu einer breiten Solidarisierung geführt, doch drängen sie viele Unterstützer, nicht ihr Leben aufs Spiel zu setzen und ihren Hungerstreik abzubrechen.

Im Mai nahm die Justiz sie unter dem Vorwurf in Haft, zur verbotenen DHKP-C zu gehören. Die linksextreme Gruppierung ist auch in Deutschland verboten. Gülmen und Özakca weisen die Vorwürfe zurück und werfen der Justiz vor, sie durch das Verfahren zum Schweigen bringen zu wollen. Vor Prozessbeginn wurden mehrere Anwälte Gülmens festgenommen.