Hunderte Raubzüge an Geldautomaten

Geldautomaten sprengen und mit den Scheinen flüchten: Hunderte Gangster haben sich darauf spezialisiert. Über 300 der Angriffe gab es 2016. Mittel dagegen kommen zögerlich zum Einsatz – doch Versicherungen machen Druck.


Schon seit fünf Jahren werden in Deutschland systematisch Geldautomaten gesprengt. Noch nie aber gab es so viele Fälle wie im Jahr 2016: Fast jeden Tag, genau 318 Mal, explodierte ein Geldautomat im Land – das waren doppelt so viele Fälle wie im Jahr 2015. Damals registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 157 Fälle. 2012 waren es lediglich 45. Und auch dieses Jahr reißt die Serie nicht ab. Allein in Nordrhein-Westfalen (NRW) wurden im vergangenen Jahr 136 Sprengungen gezählt, dieses Jahr waren es bisher 46.

Die Täter gehen mit großer Gewalt vor, meist nach einem bestimmten Schema: Sie kleben die Geldautomaten luftdicht ab, leiten ein Gasgemisch hinein und lösen eine Explosion aus. Dabei kommt es zu hohen Sachschäden, die Räume, in denen die Geldautomaten stehen, sind oft verwüstet.

In der Regel schlagen die Bankräuber nachts zu, häufig bei entlegenen, einzeln stehenden Automaten oder bei Vorräumen von Bankfilialen auf dem Land oder am Stadtrand. Deshalb sind besonders viele Sparkassen und Volksbanken betroffen. Die Beute kann mehr als 100.000 Euro betragen. Weitaus höher kann der Sachschaden sein.

Meistens können die Täter flüchten. In Nordrhein-Westfalen kommen die Verbrecher zum Beispiel oftmals aus den Niederlanden und machen sich mit den frei gesprengten Geldkassetten über die Autobahn aus dem Staub – in derart hohem Tempo, dass schon einmal ein Polizeihubschrauber abgehängt wird. „Audi-Bande“ wird eine Tätergruppe daher auch genannt. Neuerdings allerdings verstecken sich die dreisten Bankräuber in vielen Fällen noch in der Nähe des Tatorts.


Angesichts von zusehends mehr Sprengungen steigt auch die Gefahr, dass Unbeteiligte verletzt werden – zum Beispiel Menschen, die über oder neben Bankfilialen wohnen, Bankkunden oder Nachtschwärmer. Die große Sorge sei, dass es nicht bei Sachschäden bleibe und „irgendwann auch Menschen, unbeteiligte Dritte betroffen“ seien, sagt Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beim BKA. Sie verweist auf Gefährdung der Menschen in den oberen Stockwerken. „Wir haben bisher Glück gehabt.“

Vogt spricht von einem „ernsthaften Kriminalitätsproblem“: „Die Täter sind Profis.“ Es sei nicht so einfach, die Drahtzieher aufzuspüren. „Entscheidend ist, dass man die Strukturen zerschlägt.“ Dabei hat die Polizei in NRW und in Niedersachsen bereits spezielle Ermittlerteams aufgestellt. Zudem gibt es Kooperationen mit den niederländischen Behörden. Das Problem: Die Sprengung findet extrem schnell statt, und die Täter sind auch sehr schnell wieder vom Tatort verschwunden.

In NRW haben die Fahnder laut Medienberichten als Hauptverantwortliche eine Gruppe von rund 250 Niederländern mit marokkanischer Abstammung aus dem Raum Utrecht und Amsterdam ausgemacht. Auf der Flucht nach Sprengungen kam es zuletzt auch zu schlimmen Unfällen. Anfang März rammte eine Limousine in Meppen in Emsland einen LKW und knallte gegen einen Baum. Ein Täter aus dem Raum Utrecht starb, zwei wurden schwer verletzt. Im Wrack fanden Fahnder eine Mülltüte voll Bargeld.


Die Täter schlugen zuerst in den Niederlanden zu


Das Bundeskriminalamt hat eine Theorie: Demnach haben die Täter vermutlich zuerst niederländische Banken ausgeraubt – und sind dann, als die Geldhäuser im Nachbarland nachrüsteten, nach Deutschland gewechselt. In den Niederlanden hätten die Banken bereits technische Möglichkeiten zur Prävention umgesetzt, so Vogt. So könne man zum Beispiel das Gas, das in die Automaten eingeleitet werde, neutralisieren.

Auch deutsche Geldhäuser versuchen sich zu schützen. Teils, indem sie dafür sorgen, dass das Gasgemisch nicht wirken kann, teils setzen sie auch Vernebelungsmaschinen ein. Räume mit Geldautomaten werden dann sekundenschnell blickdicht eingehüllt. Die Täter müssen ihre Versuche abbrechen. Einige Geldhäuser reagieren auch, indem sie die Räume mit den Geldautomaten nachts abschließen.

Dabei sitzen ihnen die Versicherer im Nacken, die im Schadenfall aufkommen müssen – und das nicht ohne Obergrenze tun wollen. Die Behörden empfehlen zudem die sogenannte Tintenlösung, bei der das Geld im Falle einer Sprengung durch Farbpatronen entwertet wird. In Frankreich ist das in Teilbereichen sogar schon Pflicht. Dort müssen Geldautomaten, die nach Einschätzung der Polizei als gefährdet gelten – das sind etwa 30 Prozent –, mit entsprechenden Farbpatronen ausgestattet werden.

Allerdings: All diese Maßnahmen kosten Geld. Die Kosten je Automat werden, je nachdem wie die Bank aufrüstet, auf 5.000 bis 20.000 Euro taxiert. Und selbst 318 Sprengungen nehmen sich gering aus, wenn man bedenkt, dass es zuletzt rund 58.000 Geldautomaten in Deutschland gab. Und nicht bei jeder Sprengung kommen die Täter auch ans Geld. Im vergangenen Jahr gelang ihnen das in 128 Fällen – also nicht einmal bei jeder zweiten Attacke.


Dabei sind Sprengungen nur eine Methode. So gab es im vergangenen Jahr auch rund 400 Fälle, in denen Täter versuchten, Geldautomaten mit hydraulischen Spreizern, Schneidern oder Brecheisen zu öffnen, oder bei denen sie die Geldautomaten gar komplett aus der Verankerung rissen.

Raffinierter gehen andere Täter vor, die an die Daten der Girokarten kommen wollen – inklusive Geheimnummer. Die Methode nennt sich „Skimming“, und auch diese Angriffe nehmen wieder zu. Dafür manipulieren sie Geldautomaten, indem sie dort versteckt Geräte zum Auslesen der Kartendaten und Minikameras platzieren, die die PIN-Eingaben der Kunden aufzeichnen. Im vergangenen Jahr registrierte das BKA 369 solcher Skimming-Angriffe in Deutschland. Es können aber noch deutlich mehr gewesen sein, weil wahrscheinlich nicht alle Fälle angezeigt werden. Schwerpunkt sei Berlin, so Vogt. Es gehe vor allem um Täter aus Rumänien.


In den Vorjahren war die Anzahl gesunken, nachdem es 2012 noch fast 860 Fälle gegeben hatte. Den Anstieg führt das BKA auf neue, raffiniertere Skimming-Geräte zurück. Die Täter seien sehr erfinderisch, so Vogt. „Als Laie sieht man es nicht, wenn ein Automat manipuliert wurde.“ Auch im Bereich Kriminalität gebe es Innovation.

Um kein Skimming-Opfer zu werden, können sich Bankkunden aber auch einfach selbst schützen: Indem sie ihre PIN verdeckt eingeben, sodass eine möglicherweise installierte Kamera die Geheimnummer nicht aufzeichnen kann. „Bitte die Hand immer über die Tastatur halten beim Geld abheben“, so Vogts Empfehlung.

KONTEXT

Wie Kunden Betrügereien am Geldautomaten erkennen

Automat checken

Manchmal genügt schon ein genauer Blick auf das Gerät, rät die Verbraucherzentrale NRW. Ist am Karteneinzug ein wackliger Vorbau angebracht oder kommt Ihnen die Tastatur etwa aufgrund falscher Beschriftung merkwürdig vor, waren wahrscheinlich kriminelle Bastler am Werk. Informieren Sie gleich einen Bankmitarbeiter oder die Polizei. Es folgen weitere Tipps der Verbraucherschützer.

Ins Gebäude gehen

Meiden Sie nach Möglichkeit außen liegende Bankautomaten, gerade an Wochenenden. Diese können von Betrügern leichter manipuliert werden als Geräte im Schaltervorraum. Vorsicht angebracht ist aber auch an den Türöffnern, die per Karte bedient werden. In keinem Fall wird dort die Eingabe der PIN verlangt!

Anzeige abdecken

Verdecken Sie bei Eingabe Ihrer Pin die Tastatur mit der Hand. So können die Daten weder von einer hinter Ihnen stehenden Person, noch von einer heimlich installierten Minikamera abgefangen werden.

Wartezeit einhalten

Gibt der Geldautomat nicht sofort die gewünschten Scheine aus, sollten Sie noch einige Zeit warten. Manche Geräte brauchen etwas länger. Wer sich bereits 20 Sekunden nach Rückgabe der Karte davon entfernt, kann jedenfalls nicht behaupten, der Automat sei defekt (AG Düsseldorf, Beschluss v. 11.2.1998, Az.: 48 C 20333/97).

Protokoll von der Bank einfordern

Kommt bei einem Abhebungsversuch auch nach mehreren Minuten kein Geld heraus, empfiehlt die VZ NRW, von der Bank das Auszahlungsprotokoll zu verlangen. Dort müssen auch die unmittelbar vor und nach Ihrem Auszahlungsvorgang getätigten Barabhebungen vermerkt sein. Bei Unstimmigkeiten im Protokoll haben Sie gute Chancen, wieder an Ihr Geld zu kommen. Sie können sich auch das Wartungsprotokoll vorlegen lassen und auf Unregelmäßigkeiten prüfen.

Mögliche Täter ermitteln

Fragen Sie die Bank nach Name und Anschrift der Person, die nach Ihnen am Automaten Geld abgehoben hat. Vielleicht hat Ihr "Nachfolger" das Geld mitgenommen. Wenn sich die Bank unter Hinweis auf das Bankgeheimnis weigert, über einen Kunden Auskunft zu geben, hilft möglicherweise eine Strafanzeige (gegen Unbekannt) bei Polizei oder Staatsanwaltschaft weiter.

Zeugen suchen

Informieren Sie sich auch über die Namen der Bankmitarbeiter, die den Automaten befüllt oder den Kassenabschluss vorgenommen haben. Diese könnten in einem späteren Prozess hilfreiche Zeugen sein, wenn es zum Beispiel technische Probleme gab. Allerdings sollten Verbraucher ohne Rechtsschutzversicherung aufgrund des hohen Kostenrisikos besser von einem Rechtsstreit absehen. Lassen Sie sich diesbezüglich von der Verbraucherzentrale oder einem Anwalt beraten.

Kontoauszüge

Kontrollieren Sie regelmäßig Ihre Kontoauszüge. Auch ohne Skimming-Gefahr ist das für jeden Bankkunden eine Pflichtaufgabe.