Wieso Hunderte Leute aus der Tech-Szene Teil dieser Gruppe sein wollen

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Gründungsmitglieder und Leute aus dem 2hearts-Kernteam: Iskender Dirik, Gülsah Wilke, Min-Sung Sean Kim, Judith Dada, Oktay Erciyaz, Sophie Chung, Constanze Osei und Daniel Khachab (v.l.n.r.)
Gründungsmitglieder und Leute aus dem 2hearts-Kernteam: Iskender Dirik, Gülsah Wilke, Min-Sung Sean Kim, Judith Dada, Oktay Erciyaz, Sophie Chung, Constanze Osei und Daniel Khachab (v.l.n.r.)

Jeder fünfte Gründer hat in Deutschland einen Migrationshintergrund, ist also entweder selbst im Ausland geboren oder die Familie hat ihre Wurzeln in einem anderen Land. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Startup-Verbands. Gorillas-CEO Kagan Sümer beispielsweise stammt aus der Türkei, ebenso wie der Vater von Auto1-Gründer Hakan Koç. Beides haben ein Unicorn aufgebaut. Sophie Chung, Chefin des Medizinportals Qunomedical, ist Tochter kambodschanischer Einwanderer. Und diese Liste lässt sich fortführen.

Viele Unternehmer aus der Tech-Szene sagen, dass sie ihre Karriere und ihren Erfolg Mentoren zu verdanken haben. Denn: „Selbst, wenn man ein Super-Studium abgeschlossen, aber nicht das richtige Netzwerk hat, wird es vor allem am Anfang schwer mit einem anders klingenden Namen oder Aussehen,“ sagt etwa Gülsah Wilke, Investorin bei Axel Springer und Deutsch-Türkin. „Ich bin in so viele Fettnäpfchen getreten, die ich nicht hätte machen müssen.“ Bei einem Event an ihrer Business School sei sie etwa einmal unpassend gekleidet gewesen, weil es solche Anlässe bei ihr zuhause nicht gegeben habe, erzählt sie.

Türöffner für die Karriere

Um junge Leute mit Migrationshintergrund vor solchen Fehltritten zu bewahren, hat Wilke gemeinsam mit drei anderen Unternehmern die Organisation 2hearts gegründet: Iskender Dirik, Business Angel und Venture Partner bei EQT Ventures, Oktay Erciyaz, früherer M&A-Chef bei Bertelsmann, sowie Min-Sung Sean Kim, Managing Partner beim neuen Fonds Digital Health Ventures. „Wir wissen aus persönlicher Erfahrung, wie wichtig es ist, dass man Leute hat, die Türen öffnen – Zugänge, die privilegiertere Personen oft über das Elternhaus oder die​​​​ Universität mitbekommen“, sagt etwa Constanze Osei, Führungskraft im Policy-Management bei Facebook. Sie ist Deutsch-Ghanaerin und eine der 26 Personen aus dem Kernteam von 2hearts.

Der gemeinnützige Verein stehe zum einen als Sparringspartner bei Studien bereit, etwa für den Startup-Verband oder die Steinbeis-Stiftung. Die Tech-Köpfe bieten aber vor allem ein umfangreiches Mentorenprogramm an. Rund 80 Leute stehen dafür zur Verfügung, um Studierende, Jobanfänger oder junge Gründer an die Hand zu nehmen. Kriterium sei, dass diese einen Migrationshintergrund haben und sozial benachteiligt sind – wobei sich letzteres schwer messen lasse, geben Wilke und Osei zu. Zwar würden sie auch Bewerber mit französischen Wurzeln annehmen, die meisten Anfragen würden aber von Drittstaaten kommen. Die Teilnehmer können sich selbst aussuchen, zu welchen Unternehmern sie gehen wollen und können diese in drei Meetings in einem Zeitraum von drei Monaten sprechen.

Eine Mentee erzählt etwa, dass sie Hilfe beim Bewerbungen schreiben bekommen habe. Andere würden Unterstützung bei bürokratischen Angelegenheiten, sozialer Etikette oder Networking benötigen. Choco-CEO Daniel Khachab habe sogar einige seiner Schützlinge in seinem Food-Startup eingestellt, sagt er. Die Idee von 2hearts ist, dass die Mentoren junge Tech-Interessierte in die Szene einführen, ihnen Ratschläge geben – auch bei der Ausbildung. Denn oftmals hätten die Familien keinen Zugang, waren beispielsweise nie an einer Universität, und könnten hierbei nicht unterstützen. Das Programm soll letztendlich auch Deutschland als Tech-Standort stärken und die Szene diverser und inklusiver gestalten.

Deutsche Serienunternehmer als "Verbündete"

Im Juni 2020 entstand die Idee für 2hearts, im Februar ist die Initiative als Test gestartet, die Mitglieder haben dafür ihre eigenen Geschichten auf Linkedin geteilt. Die Organisation hat dadurch viel Aufmerksamkeit in der Startup-Szene erfahren. Hunderte Leute haben auf die Posts reagiert und selbst Anekdoten verfasst. Seine ersten Protegés habe 2hearts durch eine Kooperation mit der Deutschlandstiftung Integration gewonnen, sagt Wilke. In den darauffolgenden Monaten seien zahlreiche Leute durch Mund-zu-Mund-Propaganda und die sozialen Netzwerke auf den Verein gestoßen.

„Das Herzstück neben dem Mentoring ist unsere Slack-Community“, so Wilke. Mehr als 600 Personen hätten sich bereits angemeldet, um ein Teil von 2hearts zu werden – auch welche ohne Migrationshintergrund. Jede Bewerbung werde genau geprüft, die Hälfte habe das Team bereits zugelassen. In der Slack-Gruppe tauschen sich die Mitglieder aus, fragen nach Jobs, geben Feedback. Auch weiße deutsche Männer wie Christian Miele und Christian Vollmann nehmen daran teil, werden von den Gründern als „Verbündete“ verstanden. Da Wilke, Erciyaz, Dirik und Kim in ihrer Karriere oftmals Karrieretipps von deutschstämmigen Menschen bekommen hätten, wollen sie diese per se nicht ausschließen.

Die Organisation habe in den wenigen Monaten bereits Anfragen von Personen aus mehreren europäischen Ländern erhalten. Es sei denkbar, das Programm künftig auszuweiten, sagt Wilke. Und Facebook-Managerin Osei ergänzt: „Idealerweise muss es 2hearts irgendwann nicht mehr geben.“

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