Hongkonger Verleger zum zweiten Mal in China verschwunden

Bilder der Verleger Lee Bo (links) und Gui Minhai

In China ist ein regierungskritischer Verleger, der die schwedische Staatsbürgerschaft besitzt, nach Angaben seiner Tochter festgenommen worden. Der Dissident Gui Minhai wurde nach Angaben seiner Tochter am Samstag von Zivilpolizisten aus einem Zug geholt. Der Vorfall ereignete sich demnach in Anwesenheit schwedischer Diplomaten. Menschenrechtsorganisationen reagierten am Dienstag entsetzt. Die schwedische Außenministerin Margot Wallström berief den chinesischen Botschafter ein.

Gui war schon einmal im Oktober 2015 während eines Urlaubs in Thailand verschwunden - mutmaßlich wurde er vom chinesischen Geheimdienst verschleppt. Insgesamt waren damals fünf Mitarbeiter eines Hongkonger Verlags nicht von Urlaubsreisen zurückgekehrt. Gui wurde 2016 im chinesischen Staatsfernsehen mit einem "Geständnis" vorgeführt, wonach er sich wegen eines Verkehrsunfalls vor elf Jahren in China gestellt habe.

Im Oktober 2017 wurde Gui nach Behördenangaben aus der Haft entlassen, er blieb aber zunächst verschwunden. Wie seine Tochter Angela Gui dem Rundfunksender Radio Sweden sagte, wurde ihr Vater nach seiner Entlassung in eine Polizeiwohnung in der ostchinesischen Stadt Ningbo gebracht und dort observiert.

Am Samstag wurde er ihren Angaben zufolge dann in einem Zug von Ningbo nach Peking von Zivilpolizisten abgeführt. Zwei schwedische Diplomaten begleiteten ihn demnach auf seiner Reise, um ihn zu einer Untersuchung bei einem schwedischen Arzt in Peking zu bringen.

An einem Bahnhof vor Peking seien etwa zehn Männer in Zivil in den Zug gestiegen, die sich als Polizisten vorgestellt hätten, berichtete die Tochter. Sie hätten ihren Vater "einfach gepackt und mitgenommen". Seitdem habe sie "nichts von ihm gehört".

Das Außenministerium in Stockholm erklärte, der schwedischen Regierung sei "vollkommen klar", was mit Gui passiert sei. Es nannte aber zunächst keine Einzelheiten.

Ein Ministeriumssprecher sagte, Stockholm habe "wirksame Maßnahmen auf hoher politischer Ebene ergriffen". Außenministerin Wallström berief demnach den chinesischen Botschafter ein, der ihr Informationen über Guis Verschwinden versprach.

Chinas Außenamtssprecherin Hua Chunying wollte sich vor Journalisten nicht zu dem Fall äußern. Sie sagte, sie kenne nicht die "Einzelheiten" des Falls, der zudem nicht im Zuständigkeitsbereich des Außenministeriums liege. Sie fügte jedoch hinzu, jeder Ausländer müsse "die chinesischen Gesetze und Bestimmungen befolgen".

Auf die Frage, ob Peking und Stockholm den Fall bereits besprochen hätten, antwortete die Sprecherin, die Kommunikationskanäle zwischen China und Schweden funktionierten "reibungslos und effektiv".

Menschenrechtsorganisationen reagierten schockiert. Amnesty International nannte den Fall "absolut erschreckend". Die Tatsache, dass Gui vor den Augen von Diplomaten entführt worden sei, müsse für die internationale Gemeinschaft ein "Weckruf" sein, sagte der China-Experte von Amnesty, William Nee.

Die Hongkonger Sektion des Schriftstellerverbands Pen äußerte seine "größte Besorgnis" über Guis abermaliges Verschwinden. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erklärte, vor allem Schweden und die EU müssten mit "starken Maßnahmen" darauf reagieren.