Hommage an eine der besten Serien aller Zeiten: “Breaking Bad”

Auf dem Filmfest München 2017 wurde Bryan Cranston für seine Verdienste um die Filmkunst mit dem CineMerit Award geehrt. Grund genug, seine nach wie vor schillerndste Rolle des Walter White in “Breaking Bad” zu würdigen und die geniale TV-Serie in einer ausführlichen Hommage in ihre Bestandteile zu zerlegen, in der Hoffnung, ihrem bitterbösen Kern auf die Schliche zu kommen. Let’s break it down!

Von Carlos Corbelle

Achtung: Im Verlauf des Textes werden immer wieder wichtige Details der Handlung verraten.

“Let’s break it down”, sagt auch der junge Chemiker Walter White zu seiner Kollegin Gretchen Schwartz. Was er meint, ist der Versuch, den menschlichen Körper auf seine chemischen Komponenten herunter zu brechen. Als die beiden alle bekannten Bausteine durchgegangen sind, ergibt die Summe der einzelnen Bestandteile dennoch keine 100 Prozent. 0.111958 Prozent fehlen. Der winzig kleine Rest ist nicht entschlüsselbar, irgendetwas scheinen sie übersehen zu haben. “What about the soul?”, fragt seine Kollegin. “The soul?”, erwidert Walter auf die Gretchen-Frage. “There’s nothing but chemistry here.”

Im Grunde bildet der Flashback aus der dritten “Breaking Bad”-Episode “…And the Bag’s in the River” den moralphilosophischen Kern, um den die Serie im Verlauf der folgenden fünf Staffeln kreist. Walters rationale Berechnung der menschlichen Zusammensetzung entspricht der berechnenden Rationalität, mit der er ein menschliches Leben beendet. Kann man die Existenz eines Individuums auf die bloße Zusammensetzung chemischer Elemente zurückführen, erschließt sich auch die pragmatische Logik einer Pro- und Kontraliste, um zu entscheiden, ob man einen Menschen töten oder am Leben lassen soll – was Walter White in der Folge “…And the Bag’s in the River” genauso macht, bevor er seine Entscheidung trifft.

Weg in den Abgrund

Es dauert keine drei Episoden, bis der Held seinen ersten Mord begeht, weil das Gegenteil dazu führen würde oder zumindest könnte, dass er selbst den Kürzeren zieht. Damit macht Serienschöpfer und Showrunner Vince Gilligan bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt unmissverständlich deutlich, dass Walter Whites Weg nur eine Richtung kennt – und die führt mit selten gesehener Konsequenz in den Abgrund.

“Breaking Bad”: Den Titel der Serie muss man im Walter Whiteschen Sinne ernst nehmen, ihn also nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf seine Zusammensetzung hin betrachten. Aus dem Südstaaten-Slang stammend steht der Ausdruck dafür, Gesetzen, Normen und Moral den Mittelfinger zu zeigen, um ohne Rücksicht auf Verluste seinen dunklen Impulsen freien Lauf zu lassen. Walter White beginnt damit, als er eines Tages die verheerende Diagnose erhält: Lungenkrebs im Endstadium. Damit seine schwangere Ehefrau Skyler (Anna Gunn) und sein jugendlicher, an Cerebralparese leidender Sohn Walter, Jr. (RJ Mitte) nach seinem Tod finanziell abgesichert sind, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Der gesetzestreue, fürsorgliche und hochintelligente Highschool-Chemielehrer wird zum Meth-Koch, der mit Hilfe seines ehemaligen Schülers Jesse Pinkman (Aaron Paul) die Drogen an den Mann bringt.

Mit chirurgischer Präzision

Was folgt, ist eine der komplexesten, minutiösesten und am besten ausgearbeiteten Charakterstudien, die das Fernsehen je hervorgebracht hat. Mit jeder Folge dringen die Macher tiefer in das abgrundtiefe Wesen Walter Whites vor, um mit chirurgischer Präzision die fehlenden 0.111958 Prozent freizulegen – was die Chemie nicht hinkriegt, muss eben das blutige Skalpell der Kunst erledigen. Wie die Macher dabei vorgehen, geht bereits aus der Grammatik des Serientitels hervor: Als Gerundium der Gleichzeitigkeit drückt das Wort “Breaking” einen momentan stattfindenden Prozess aus. Dem entspricht auch das dramaturgische Prinzip der Serie: Die graduelle Hinwendung zum Bösen, das Abstreifen moralischer Bedenken wird nicht nur behauptet, sondern als eine lange, auf fünf Staffeln ausgedehnte Momentaufnahme eingefangen. Als hätte man Walter Whites Innerstes nach außen gestülpt und die Kamera zum Mikroskop der Seele gemacht - eine schwindelerregend brillante Leistung von Vince Gilligans Crew sowie des Darstellerensembles um Bryan Cranston, der mit seiner vielschichtigen Interpretation die Rolle seines Lebens spielt.

Im Grunde ist Walter Whites epischer Aufstieg zum Verbrecherkönig ein zum Psychogramm verdichteter Entwicklungsroman, der sich fast ausschließlich auf ein Jahr im Leben des Protagonisten konzentriert. Eine Entscheidung, die symptomatisch für die moderne Fernsehkunst seriellen Erzählens ist und einen Gegenpol zum epischen Kino bildet. Während ein Leinwandepos wie Martin Scorseses “GoodFellas” den fast drei Jahrzehnte umfassenden Aufstieg und Fall eines Gangsters innerhalb von zweieinhalb Stunden porträtiert, geht eine Serie wie “Breaking Bad” den umgekehrten Weg und widmet einem viel kleineren Zeitabschnitt im Leben des Protagonisten eine wesentlich längere Erzählzeit.

Self-Meth-Millionär

Eine weitere, die moderne US-Serienkunst bestimmende Eigenschaft von “Breaking Bad” ist der Wille zur Sprengung von Genre-Grenzen. Was dank Autoren wie Joss Whedon und J.J. Abrams zur Selbstverständlichkeit im US-Fernsehen geworden ist, hat Vince Gilligan als einer der originellsten Autoren von “Akte X” schon in den 90ern erfolgreich praktiziert: Während die Serie hierzulande einfach als Mystery deklariert wurde, handelte es sich eigentlich um einen wilden Mix aus Krimi-Procedural, Science-Fiction und Horror. Nicht weniger Genre-bewusst ist “Breaking Bad”, wo schwarze Komödie und Tragödie, Gangster-Epos und Familien-Drama Hand in Hand gehen.

Wer “Breaking Bad” nach realistischen Maßstäben beurteilt, verfehlt das Wesen der Serie. Der Chemielehrer, dessen ehemaliger Schüler Drogendealer ist, während sein Schwager (Hank Schrader, gespielt von Dean Norris) als Ermittler der Drogenvollzugsbehörde DEA arbeitet, wird zum Meth-Baron: Das ist denkbar, aber ebenso wenig dem Realismus geschuldet wie der Schmetterlingseffekt, der am Ende der zweiten Staffel zur Flugkatastrophe führt. Oder der Mann, der sich nach einer Explosion ganz lässig die Krawatte zurechtmacht, bevor er tot umfällt, weil ihm gerade die Hälfte seines Schädels weggesprengt wurde. Macht alles nichts, denn “Breaking Bad” ist Genre-Serie durch und durch. Das Geschehen wird vom Zuschauer gar nicht erst auf seinen Realitätsanspruch hinterfragt, weil nichts Realistisches erzählt werden soll, sondern nur Wahres. Das gilt auch für die Bestandsaufnahme der US-Gesellschaft.

Während die große, amerikanische Serie “The Wire” die Schattenseiten des Landes anhand eines breitgefächerten Figurengeflechts im urbanen Kosmos von Baltimore, Maryland verortet, setzt “Breaking Bad” auf Minimalismus. Umgeben von den kargen Landschaften von Albuquerque, New Mexico pocht das gesellschaftliche Herz der Finsternis in der Brust eines einzigen Mannes: Walter White. Walter White ist die bitterböse Antwort auf Verhältnisse, in denen ein Lehrer neben seiner Hauptbeschäftigung in einer Autowaschanlage jobben muss, um sich und seine Familie über Wasser zu halten. Also zieht er los und wird vom mittellosen Angestellten zum Self-Meth-Millionär: Nimm das, prekäres Arbeitsverhältnis! Ich lebe den American Dream, Baby! Und wieso sollte dieser Traum in der Meth-Branche anderen Gesetzen unterworfen sein als in irgendeinem anderen Business? Sorge für den Vertrieb deines Produktes, eliminiere die Konkurrenz, expandiere soweit du kannst. Der Markt wird dir schon sagen, was du machen musst, für die Rechtfertigung deiner Taten sorgt der Erfolg.

Logik des Marktes

Nicht umsonst sind die Gespräche zwischen Walter und “Geschäftspartnern” wie dem Meth-König Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) von der Terminologie der Wirtschaftswelt durchdrungen. Der Verkauf von Meth wird nicht nur wie ein Business gehandhabt, er wird auch immer wieder von allen Beteiligten ganz explizit als Business bezeichnet. Der Logik des Marktes folgt auch immer mehr die Logik von Walters Handlungen: Menschliche Opfer werden schließlich als notwendiges Übel zur Optimierung von Betriebsabläufen in Kauf genommen – Rationalisierung mal anders. “What I’m making is Classic Coke”, sagt Walter, um die Bedeutung und Qualität seines 99.1-Prozent reinen Blue Sky-Meths zu verdeutlichen und fragt: “Do you really want to live in a world without Coca-Cola?” Und wer in der unbarmherzigen Welt von “Breaking Bad” Marx im Regal stehen hat, kriegt sowieso eine Kugel in den Kopf. So einfach ist das.

Eng damit verknüpft ist auch die Art und Weise, wie “Breaking Bad” die traditionellen Rollenverhältnisse in der Familie hinterfragt. Als Rechtfertigung für sein skrupelloses Vorgehen beharrt Walter immer wieder darauf, dass er alles im Interesse seiner Frau und seiner Kinder tut. Ein Mann hat gefälligst seine Familie zu versorgen, argumentiert auch Gustavo Fring, um Walter nach seinem vorübergehenden Ausstieg wieder ins Business zu locken und insistiert: “And a man, a man provides. And he does it even when he’s not appreciated, or respected, or even loved. He simply bears up and he does it. Because he’s a man.” Sprich: Wer seine Familie nicht versorgen kann, ist kein echter Mann – um das Streben nach Profit als gesellschaftliche Notwendigkeit zu rechtfertigen, kann sich der Markt kaum eine bessere Ideologie als den Machismo wünschen.

Amerikanische Mythen wie der American Dream werden in “Breaking Bad” gnadenlos entlarvt. Die Freiheitsstatue verkommt zur aufblasbaren Karikatur und ziert das Dach des Anwaltsbüros von Saul Goodman (Bob Odenkirk), der dafür sorgt, dass auch Drogendealer und andere Gangster nicht um ihre Freiheit bangen müssen. Als ur-amerikanisches Genre wird immer wieder der Western zitiert und variiert, sei es durch die cineastische Inszenierung vor dem Hintergrund der weiten Wüstenlandschaft New Mexicos oder den genretypischen Eisenbahnraub. Vince Gilligan selbst hat “Breaking Bad” wiederholt als modernen Western bezeichnet. Statt die Genre-Konventionen zu bedienen, werden sie aber ebenfalls einem bitteren Twist unterzogen: Wie die Season 5-Episoden “To'hajiilee” und “Ozymandias” zeigen, hat in “Breaking Bad” nicht der Zugräuber, sondern der Gesetzeshüter das Nachsehen.

Moderner Macbeth

Trotz allem ist die eigentliche Tragödie in “Breaking Bad” nicht den äußeren Umständen geschuldet, sondern dem Wesen Walter Whites. Darin liegt die große Wahrheit und die wahre Größe von Vince Gilligans Schöpfung. Wie bei William Shakespeares Macbeth, der sich ebenfalls vom rechtschaffenen Individuum zum gnadenlosen Mörder wandelt und Walter White so nahe stehen dürfte wie wenige andere Figuren in der Kunst, erfolgt der von Leichen übersäte Weg an die Spitze aus dem von Anfang an im Charakter angelegten, unbedingten Streben nach Macht. “We’ve got nowhere to go but up”, sagt Walter zu seiner Frau Skyler beim Einzug in ihr erstes Haus, 16 Jahre vor seiner unheilvollen Krebsdiagnose. Die ehrgeizige Selbstwahrnehmung Walters deutet das an, was einige Staffeln später megalomanische Gewissheit wird: “You asked me if I was in the meth business or the money business”, sagt er in der letzten Season zu Jesse. “Neither. I’m in the empire business.”

Während sich bei Macbeth das Schicksal in Gestalt eines prophezeienden Hexen-Trios manifestiert, klopft es bei Walter in Form eines bösartigen Tumors an die Tür. In beiden Fällen sind diese nicht beeinflussbaren, zu Beginn der Erzählung von außen über die Helden hereinbrechenden Umstände jedoch keineswegs im Sinne einer höheren Macht zu verstehen. Die Tragik resultiert stets aus dem selbstbestimmten Handeln der Figuren, deren Entscheidungen und den daraus folgenden, fatalen Konsequenzen. Das zugrundeliegende, existentielle Dilemma bringt der von Schuldgefühlen gequälte Jesse auf den Punkt: “The thing is, if you just do stuff and nothing happens, what’s it all mean? What’s the point?” Dem Universum ist es ebenso egal, ob du jemandem eine Kugel in den Kopf jagst wie der Kugel selbst. Das herausgerissene Auge eines pinken Teddybären schaut dich an, aber es urteilt nicht. Einen höheren Sinn gibt es nicht, keine Strafe, keine Erlösung.

Das gilt auch für das phänomenal konsequente Ende von “Breaking Bad”: In der letzten Folge “Felina” muss Walter White das Zeitliche segnen, einen Weg zurück gibt es nicht. Keine Versöhnung, keine Wiedergutmachung. Aber: Er kann seine Rivalen ein letztes Mal – sogar über sein Ableben hinaus – für seine Zwecke benutzen und die verbliebenen Gegner eliminieren. Am Ende ist er der Last Man Standing. Der letzte, böse Geniestreich der Serie ist das Happy End, das keines ist. Die letzte, brillante Einstellung die Erlösung, die keine ist. Walter White schaut mit einem Blick der Selbstzufriedenheit dem dunklen Sternenhimmel entgegen, während er auf dem Boden des Meth-Labors verblutet und rechtzeitig vor der Ankunft der heranrückenden Polizeibeamten stirbt.

Wir müssen uns Walther White als einen glücklichen Menschen vorstellen. Und irgendwie ist das auch für uns Zuschauer ein überaus tröstlicher Gedanke.

Ist das nicht erschreckend?