«Hollywood-Hingsen» tanzt zum 60. in der Semperoper

Jürgen Hingsen und seine Lebensgefährtin Francesca 2011 in der Semperoper in Dresden. Foto: Arno Burgi

Er ist wohl der spektakulärste Fehlstarter der Leichtathletik- Geschichte. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul zuckt Jürgen Hingsen dreimal zu früh - und wird zum tragischen Helden. Doch den deutschen Zehnkampf-Rekord hält der Modellathlet seit fast 34 Jahren.

Berlin (dpa) - Zum Jubiläum zieht Jürgen Hingsen den Smoking an, und bei der elften Disziplin wird der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer wieder zu Hochform auflaufen und bei bester Laune sein. Zu seinem 60. Geburtstag gönnt sich «Hollywood-Hingsen» etwas ganz Besonderes:

Der Strahlemann aus dem Ruhrpott kommt nach Sachsen und feiert beim Ball in der weltberühmten Semperoper mit seiner Francesca. «Ich habe ja auch schon bei Let's Dance mitgemacht. Wir sind da recht tanzfest, meine Frau und ich. Auch den schnellen Walzer kriegen wir hin», sagte Hingsen der Deutschen Presse-Agentur.

Am Donnerstag (25. Januar) wird der Olympia-, WM- und EM-Zweite 60 Jahre alt. Nach Elbflorenz kommt er schon zwei Tage früher, feiert in den Geburtstag rein und geht am nächsten Abend zum Opernball. «Wir haben einen engen Bezug zu Dresden und sind von dieser Stadt unglaublich fasziniert», verrät er. «Meine Frau hat ein schwarzes Ballkleid an. Da sieht sie wunderschön drin aus», sagt Hingsen. Der Ball sei auch «ein Dankeschön an meine Frau, die mich seit 14 Jahren vorbildlich unterstützt. Wir werden diesen Abend genießen.»

Seinen 50. hatte Hingsen auf Mauritius gefeiert - mit seinem früheren Dauerrivalen Daley Thompson. Der Brite hat ihn in allen wichtigen Duellen der 80er Jahre bezwungen und seinem deutschen Freund auch den Spitznamen verpasst. «Aber der bin ich heute nicht mehr», versichert Hingsen, «ich mache nur noch Dinge, die wirklich sinnvoll sind und die keinen Hollywood-Charakter mehr haben.» Bei Film und Fernsehen hat der 2,03 Meter große Mann kleine Rollen gespielt, bei Let's Dance mal eine flotte Sohle aufs Parkett gelegt.

Einen Wimpernschlag zu schnell war der Modellathlet mit dem markanten Schnauzer nur am 28. September 1988 in Seoul: Bei den Olympischen Spielen brach für den heißen Mitfavoriten nach drei Fehlstarts im 100-Meter-Lauf eine Welt zusammen. Eine Tausendstel-Sekunde (!) zu früh lösten sich seine Spikes beim dritten Fehlstart von den Blöcken - das ersehnte Gold war schon nach der ersten Disziplin futsch.

Für die deutschen Medien war der Strahlemann über Nacht zum «Deppen der Nation» geworden. «Ich hab' damit meinen Frieden gemacht. Aber ich habe wirklich lange gebraucht, um darüber hinweg zu kommen», gesteht Hingsen heute und verrät: «Ich habe mir damals professionelle Hilfe geholt - und jetzt bin ich mit mir im Reinen.»

Und fit ist er auch mit 60 noch. «Ich mache sehr viel Ausdauer mit dem Rad und habe mir jetzt auch ein E-Bike zugelegt», sagt Hingsen. «Drei- bis viermal die Woche» treibt er Sport, aber «einen Zehnkampf würde ich heute gar nicht mehr durchstehen. Ich habe knapp zehn Kilo mehr drauf als früher und wiege jetzt 115 Kilo.»

Zwischen 1982 und 1984 sorgte der Modellathlet gleich für drei Weltrekorde - der dritte, aufgestellt am 8./9. Juni 1984 in Mannheim, wird seit fast 34 Jahren als deutscher Rekord geführt. An den 8832 Punkten beißen sich seine Erben bis heute die Zähne aus. Olympia-
Silber bei den Boykott-Spielen 1984 in Los Angeles blieb sein größter Coup, natürlich auch hinter - Thompson.

Der Duisburger lebt heute mit seiner Lebensgefährtin Francesca in Köln. Man spürt seine Leidenschaft und das Feuer, wenn er von seinen Jobs, drei Projekte im Bereich Umweltschutz und Rückentraining, erzählt. «Ich bin Unternehmer und stelle meine Ideen, Netzwerke und meine Expertise anderen Unternehmen zur Verfügung», erklärt er.

Die gemeinsame Ü60-Party mit Thompson («Wir sind ziemlich beste Freunde») wird im Sommer übrigens nachgeholt, denn auch der Brite «nullt» am 30. Juli. «Da werden wir schon einen schönen Ort finden und uns freuen, dass wir gesund und fit ins 61. Lebensjahr eintreten», kündigte Hingsen verschmitzt an.

Doch der schönste Tag des Jahres wird für ihn der 21. September: Dann heiratet seine ältere Tochter Jaqueline, sie ist 30, in Santa Barbara/Kalifornien. Und seine «Zaubermaus» Alexandra macht mit 22 Jahren bald ihren Bachelor in Amsterdam. Papa Hingsen ist richtig stolz auf seine Mädels. «Unsere Kinder sind alle flügge geworden und haben eine tolle Zukunft vor sich.»