Uli Hoeneß' Machtfülle beim FC Bayern: Wo ist das Korrektiv?

Der 65-Jährige (Mitte) ist wieder der unbestrittene Taktgeber bei den Bayern.

Uli Hoeneß hat den Emanzipationsprozess des FC Bayern München von seiner Person als wiedergewählter Präsident in kurzer Zeit rückgängig gemacht. Die Vereinsikone ist wieder das Herz des Rekordmeisters. Für die Münchner wird das zum Problem.

Ein Kommentar von Johannes Kallenbach

Anfang März 2016 war der FC Bayern München für Uli Hoeneß noch ganz weit weg. Zu dem Zeitpunkt war der damals 64-Jährige gerade vorzeitig aus der Haft entlassen worden, eine Zeit, die “nicht so einfach zu vergessen” war. “Ich möchte jetzt meine Ruhe”, hieß es damals in seinem ersten Interview nach der Haft. Und: “Ich bin nicht Präsident, ich bin gar nichts.”

Keine anderthalb Jahre ist das her. Seitdem ist Hoeneß wieder Präsident des Clubs geworden – und auch mit der Ruhe hat er es nicht mehr so. Der Übervater des Münchner Fußballs ist wieder zurück auf der Brücke, an den Schalthebeln der Macht in der Säbener Straße.

Bayern ist Hoeneß

Die letzte Bestätigung dafür gab es im Rahmen der Pressekonferenz am Montag zur Vorstellung des neuen Premium Partners Siemens. Hoeneß sprach freimütig über Personalien, Transfers, Gehälter: Über Marco Verratti und Alexis Sanchez, über Kingsley Coman, Douglas Costa und Joshua Kimmich – sprich: über das fußballerische Tagesgeschäft beim FC Bayern. Hoeneß ist jetzt wieder Hoeneß, ist jetzt wieder alles.

Der neue, alte Vereinspräsident nutzt seine “zweite Chance”, so nannte er seine Wiederwahl am Tag der Jahreshauptversammlung selbst, wie man es von ihm erwartet hat: Voller Tatendrang, Leidenschaft und einer Präsenz, die alle anderen überstrahlt.

Den Bayern gelingt es nicht, sich von Hoeneß zu emanzipieren

Der FC Bayern – das ist immer noch in erster Linie Uli Hoeneß. Egal, ob es um die kurzfristige Kaderplanung, die langfristige Strategie oder die Kultur beim Rekordmeister geht: Hoeneß ist der Taktgeber, die entscheidende Figur in nahezu allen Bereichen des Clubs.

Dem Verein ist es während der zweieinhalbjährigen, haftbedingten Auszeit ihres Präsidenten nicht gelungen, sich von ihm zu emanzipieren. Für den Verein war die immense Bindungs- und Strahlkraft eines Uli Hoeneß oft von Vorteil. Jetzt wird dieser Umstand jedoch mehr und mehr zum Problem.

Kader, Konzept, Kultur – nichts geht ohne Hoeneß

Das Konfliktpotential ist groß: Wie Uli Hoeneß im Rahmen der Siemens-Präsentation am Montag beim Thema Kimmich Partei ergriffen hat (“Carlo hat fest vor, Kimmich fest zu integrieren”), Trainer Carlo Ancelotti quasi die Aufstellung abgenommen hat, steht keinem Vereinspräsidenten zu. Auch seine eindeutigen Äußerungen zu Douglas Costa, der noch lange nicht den Verein gewechselt hat, aber von Hoeneß im Grunde aus der Mannschaft geredet wurde (“Wenn ein Verein kommt, der die Summe bezahlt, wird er gehen”), sind harter Tobak.


Was passiert, wenn Costa wider erwarten doch bleiben müsste? Glücklich könnte mit der Konstellation keiner der Beteiligten mehr werden. Gleichzeitig gibt Hoeneß klar die kulturelle Entwicklung des Vereins vor: Nachwuchsleistungszentrum, regionale Bindung, keine finanziellen Auswüchse. Nichts wird auf der strategischen Ebene ohne ihn entschieden. Oder, stärker noch: Er entscheidet, was passiert.

Das Korrektiv für Hoeneß ist nicht mehr da

Uli Hoeneß hat in seinem Leben als Bayern-Funktionär deutlich mehr richtige als falsche Entscheidungen getroffen. Er bleibt jedoch streitbar – nicht nur in seinem Auftreten, auch in seinen Aussagen. Speziell am Montag, als die ohnehin schon steilen Aussagen zur Kaderplanung mit einem wenig zurückhaltenden, bisweilen eitlen Auftritt garniert wurden.

Hoeneß wirkte in diesen Momenten wie jemand, der nichts und niemanden bei Fragen rund um den FC Bayern München Rechenschaft schuldig ist. Es war ein wenig aus der Zeit gefallen, als wäre man wieder in der Ära eines Rudi Aussauer, eines Karl-Heinz Wildmoser, eines Gerhard Mayer-Vorfelder.

Dabei müsste eigentlich jemand klarstellen, dass immer noch der Trainer entscheidet, ob und wie oft er Joshua Kimmich aufstellt. Und wie mit Douglas Costa umgegangen werden soll – nämlich respektvoll, im Wissen, dass er noch Teil des Vereins ist. Dieses Korrektiv fehlt im Moment.

Ein starker Sportdirektor täte dem Verein gut

Jetzt kann es sich rächen, dass die Position des Sportdirektors weiterhin vakant ist. Karl-Heinz Rummenigge kann oder will die Rolle des Hoeneß-Antagonisten nicht übernehmen, das ist zumindest der Eindruck der letzten Monate. Carlo Ancelotti ist viel zu sehr auf Ausgleich aus, um contra zu geben.

Ein starker Sportvorstand täte dem Verein jetzt gut. Nicht, um Uli Hoeneß zu entmachten oder ihn in die Schranken zu weisen. Entscheidend ist, dem Verein dadurch mehr Blickwinkel und eine größere Meinungsvielfalt zu vermitteln. Ein Alleinherrscher, sei er auch noch so gütig und versiert, schadet im modernen Fußball auf Dauer jedem Verein.