Hochtief steigt in Autobahn-Schlacht ein


17,1 Milliarden Euro bietet der Essener Baukonzern Hochtief für den spanischen Autobahnbetreiber Abertis. Das teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Damit steigt das Essener Unternehmen, das zu 72 Prozent dem spanischen Konzern ACS gehört, in die Bieterschlacht um das Mautunternehmen ein. Hochtief biete danach 18,76 Euro in bar für eine Abertis-Aktie oder 0,1281 neue Hochtief-Aktien.

Das Angebot sieht eine minimale Annahmequote von 50 Prozent und einer Aktie an Abertis vor. Zur Finanzierung stünden ein Kreditrahmen in Höhe von 15,0 Milliarden Euro sowie neue Hochtief-Aktien in einem Gesamtwert von 3,6 Milliarden Euro für Abertis-Aktionäre bereit, die die alternative Gegenleistung in Form von Aktien akzeptierten. Der Aufsichtsrat von Hochtief war am Mittwoch zusammengekommen, um über das Angebot zu beraten. Über ein Angebot des Essener Konzerns war bereits seit Monaten spekuliert worden.

Auch der italienische Konkurrent Atlantia, der zur Benetton-Familie gehört, hatte im Mai ein Angebot über 16,3 Milliarden Euro abgegeben. Sollte Atlantia den Zuschlag bekommen, könnte das Unternehmen gemeinsam mit Abertis der größte Mautstraßenbetreiber der Welt werden. Die spanischen Börsenaufsicht hat dem Angebot zugestimmt. Atlantia könnte nun Berichten zufolge seine Offerte nachbessern.


Zudem umgarnt Hochtief die Investoren mit Aussichten auf eine höhere Dividende - die Ausschüttungsquote soll nach offiziellem Bekunden in Richtung 90 Prozent gesteigert werden. Hochtief-Anleger bejubelten die Aussicht auf üppige Ausschüttungen und einen großen Deal: Die Aktie legte in der Spitze 5,7 Prozent auf ein Drei-Monats-Hoch von 158 Euro zu. Atlantia verloren dagegen zeitweise fast drei Prozent und zählten im Mailänder Leitindex zu den größten Verlierern.

Im Sommer hatte Florentino Perez, Chef des größten spanischen Baukonzerns ACS, erklärt, er prüfe eine Offerte – und zwar über die Tochter Hochtief. ACS selbst kann Abertis nicht kaufen, weil Europas drittgrößtem Baukonzern das Geld fehlt.

Doch Abertis ist attraktiv, denn das Unternehmen ist hochprofitabel. 2016 erwirtschaftete Abertis einen Umsatz von 4,9 Milliarden Euro. Der operative Ertrag (Ebitda) lag bei 3,2 Milliarden, unter dem Strich blieb ein Gewinn von 796 Millionen Euro. Zugleich drücken das Unternehmen aber Schulden von über 14 Milliarden Euro. Größter Anteilseigner ist die einflussreiche spanische Investment-Holding Criteria Caixa mit 22,25 Prozent.

Das 2003 gegründete Unternehmen verwaltet Mautstraßen mit einer Länge von mehr als 8600 Kilometern weltweit. Allein in Spanien sind es knapp 1600 Kilometer – mehr als 60 Prozent der dortigen Mautstraßen. In Europa sind die Spanier zudem auch in Italien, Frankreich, Irland, Großbritannien und Kroatien aktiv. Aber auch in Südamerika ist Abertis stark vertreten. Mehr als 70 Prozent der Umsätze werden außerhalb des Heimatmarkts eingefahren.


Hochtief trägt das finanzielle Risiko


Analysten sind geteilter Meinung über den Deal. Der Kauf würde Hochtief in der Summe mehr als 30 Milliarden Euro kosten. 17,1 Milliarden für die Gegenofferte und 15 Milliarden Euro für die Übernahme der Schulden von Abertis. „Für ACS wäre der Kauf ein cleverer Deal, weil das finanzielle Risiko bei Hochtief läge“, heißt es in Finanzkreisen.

Für Hochtief ergäben sich durch den Kauf keine offensichtlichen Synergien. Abertis unterhalte in Deutschland keine nennenswerten Bauaktivitäten – Hochtief habe keine Aktivitäten als Autobahnbetreiber. Seit Beginn der Spekulationen sank der Aktienkurs von Hochtief.

Doch es gibt auch Analystenstimmen, die einen Kauf positiv sehen. Mit der neuen spanischen Tochter könnte der Essener Baukonzern noch viel kräftiger wachsen als bisher, schreiben die Analysten des Bankhauses Lampe.


Auch die Arbeitnehmer stellten sich hinter die Pläne des Vorstands. „Das hat Hand und Fuß“, sagte IG-Bau Bundesvorstand Carsten Burckhardt, der auch Mitglied des Hochtief-Aufsichtsrats ist, der Nachrichtenagentur Reuters. Beide Unternehmen ergänzten sich gut: „Es passt.“ Der Zusammenschluss könne in der Perspektive Arbeitsplätze sichern und sogar neue Stellen schaffen. „Abertis ist auf Wachstum ausgelegt“, sagte Burckhardt. Zudem habe Hochtief-Chef Marcelino Fernández Verdes den Mitarbeitern versichert, dass die Zentrale eines fusionierten Unternehmens in Deutschland bleiben werde. „Hauptsitz soll Essen bleiben“, unterstrich Burckhardt.

Hochtief hat mehr als 51.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete Umsatzerlöse von 19,9 Milliarden Euro und einen Konzerngewinn von 320,5 Millionen Euro. Schulden bereiten Hochtief keine Sorgen: Zum Jahresende 2016 verfügte der Konzern über ein Netto-Finanzvermögen von über 700 Millionen Euro.

ACS, kontrolliert von Real-Madrid-Präsident Florentino Perez, verdient mit Bau- und Dienstleistungen sein Geld. Die Spanier sind nach einem erbitterten Übernahmekampf bei Hochtief eingestiegen und haben ihren Anteil stetig ausgebaut – auch dadurch, dass Hochtief eigene Aktien aufkaufte und diese dann einzog. ACS kommt auf einen Umsatz von knapp 32 Milliarden Euro, der Gewinn lag 2016 bei 751 Millionen Euro.

Mit Material von Reuters.

KONTEXT

Das sind Europas größte Baukonzerne

Platz 9

NCC AB - 8,42 Milliarden Euro Umsatz

Das schwedische Unternehmen mit seinen knapp 18.000 Mitarbeitern wurde erst 1988 gegründet. Heute besteht es aus vier großen Geschäftsbereichen, unter anderem "NCC Housing" und "NCC Roads".

Platz 8

Ferrovial (Spanien) - 9,7 Milliarden Euro Umsatz

Das Unternehmen aus Madrid baut und betreibt auch Autobahnen und Flughäfen. Der Konzern errichtete unter anderem das Guggenheim-Museum in Bilbao.

Platz 7

Balfour Beatty (Großbritannien) - 11,63 Milliarden Euro Umsatz

Bereits seit 1909 sind die traditionsreichen Briten im Baugeschäft tätig und gehören zu den Platzhirschen in Europa. Die Londoner beschäftigen europaweit rund 30.000 Mitarbeiter.

Platz 6

Strabag (Österreich) - 13,12 Milliarden Euro Umsatz

Aus Wien in die Welt: Die Österreicher haben vor allem in Osteuropa expandiert. Seit 2014 konnte der Konzern den zuvor stark abgerutschten Umsatz stabilisieren und zuletzt wieder leicht steigern.

Platz 5

Eiffage (Frankreich) - 14,06 Milliarden Euro Umsatz

Neben einigen TGV-Trassen gehört auch die Erweiterung des EU-Parlaments zu den großen Projekten des Konzerns. In Deutschland sind rund 3.000 Eiffage-Mitarbeiter beschäftigt.

Platz 4

Skanska (Schweden) - 16,36 Milliarden Euro Umsatz

Kaum eine Straße, ein Kraftwerk oder Bürogebäude in Schweden ist ohne Beteiligung des skandinavischen Bauriesen entstanden. Auch international sind die Schweden aus Solna mittlerweile breit aufgestellt.

Platz 3

Bouygues (Frankreich) - 32,43 Milliarden Euro Umsatz

Neben Immobilien und dem Straßenbau ist der Pariser Konzern Großaktionär des französischen Fernsehsenders TF1. 2015 musste das Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr leichte Umsatzeinbußen hinnehmen.

Platz 2

ACS (Spanien) - 34,93 Milliarden Euro Umsatz

Die Spanier haben in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum hingelegt. Allein in den vergangenen drei Jahren stieg der Umsatz um rund zehn Milliarden Euro und ACS klettert das Treppchen weiter hoch. Zum Konzern gehört auch das deutsche Unternehmen Hochtief.

Platz 1

Vinci (Frankreich) - 38,52 Milliarden Euro Umsatz

Der größte Baukonzern Europas ist auch der größte Baukonzern der Welt und in der Kleinstadt Rueil-Malmaison nahe Paris beheimatet. Dem Konzern gehört unter anderem die Hälfte aller französischen Autobahnen. 2015 verzeichnete das Unternehmen ein Umsatzminus von knapp 0,5 Prozent.

Quelle: Deloitte