Hochprämiert von der DLG: Wurst aus Abfall

Sandra Alter
Freiberufliche Journalistin
(Bild: ZDF/frontal 21)

Wurst aus Abfall, prämiert mit der Silbermedaille von der DLG – kann das sein? Traurig, aber leider wahr! Wie das geht, können Metzger in exklusiven Seminaren lernen. Das ZDF-Magazin frontal 21 hat die Probe aufs Exempel gemacht. Für gepanschte Wurst aus Dreck und Schlachtblutplasma gab es eine Medaille.

Wie sich so richtig schön billig Wurst produzieren lässt, die dann auch noch mit einer Silbermedaille ausgezeichnet wird – das bewiesen die Macher des Reportermagazins frontal 21. Sie gründeten zum Schein die Firma Rheinsberger Wurstwaren, um hinter die Kulissen der fleischverarbeitenden Industrie zu schauen.

Als vermeintliche Anfänger in der Branche, wurden die Reporter zu einem exklusiven Seminar eingeladen, in dem sie mehr darüber erfahren sollten, wie man Wurst- und Fleischwaren produziert. Dort lernten die „Rheinsberger“ unter anderem wie man Fleischreste zusammenklebt, wie Speck eingefärbt wird, damit er schmackhaft aussieht und wie man eine Protein-Wassermischung ins Frischfleisch einspritzt, um das Verkaufsgewicht zu erhöhen.

Erkennen können Verbraucher nicht, ob und wie Wurst und Fleisch gepanscht wurden. Sicherheit soll das das Prüfsiegel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) geben. Ob die angeblich hochqualifizierten Topprüfer wirklich merken, wenn sie eine Wurst aus Abfall vor sich haben, wollte frontal 21 herausfinden.

„Es ekelt mich an, so etwas zu machen“

Die TV-Redaktion engagierte den Metzgermeister und ehemaligen Lebensmittelkontrolleur Franz Josef Voll. Er sollte das zuvor auf dem Seminar Gelernte umsetzen und eine Wurst aus 46 Prozent Separatorenfleisch, 27 Prozent Wasser und 18 Prozent Fleisch und Speck herstellen. Zusätzlich wurde ein Proteinpulver aus Schlachtblut zugesetzt, das die Wasserzugabe verdecken sollte. Ekelhafter und vor allem billiger geht es kaum: Die so hergestellte unappetitliche Fleischmansche hat einen Wert von 59 Cent pro Kilogramm.

Separatorenfleisch ist Schlachtabfall, ein Brei der entsteht, wenn Knochen maschinell ausgedrückt werden und der eigentlich in keine Wurst gehört. Laut Gesetz darf die so entstandene Masse nicht als Fleisch bezeichnet werden.

„Ich mache das hier zu Demonstration, es ekelt mich an, so etwas zu machen“, sagt Metzgermeister Franz Josef Voll beim TV-Dreh.

Seit der BSE-Krise ist Separatorenfleisch vom Rind in ganz Europa verboten. Allerdings werden jährlich viele Tonnen Separatorenfleisch von anderen Tieren in den Handel gebracht. Auch das berge Risiken, heißt es im frontal 21-Bericht.

Viele 1000 Tonnen Schlachtabfälle werden in Deutschland verarbeitet

„Die aus Separatorenfleisch hergestellte Paste kann sehr anfällig sein für Bakterien und Mikroben“, so Alessandro Broglia von der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) gegenüber dem Magazin. Allein in 2011 wurden 130.000 Tonnen des Schlachtabfalls in den Handel gebracht, heißt es in dem ZDF-Beitrag. Etwa die Hälfte werde exportiert. 68.000 Tonnen wurden laut Angaben der EU-Kommission von 2012 in Deutschland verarbeitet. In welchen Produkten sei völlig unklar.

Selbst der Verbraucherschutzorganisation foodwatch ist es seit Jahren nicht gelungen, herauszufinden, wo das Separatorenfleisch verarbeitet wurde. „Wir haben die Behörden gefragt, die zuständigen Ministerien, die Systemgastronomie, die fleischproduzierenden Betriebe – wir haben wirklich überall nachgeforscht, wo bleibt denn nun dieses Separatorenfleisch. Aber alle haben angegeben, dies nicht zu verwenden und die Behörden haben auch gesagt, sie wüssten nichts darüber, wo dieses Separatorenfleisch letztlich verwendet wird“, so Luise Molling von foodwatch gegenüber frontal 21.

Die von Metzgermeister Voll zu Demonstrationszwecken hergestellte Ekel-Wurst reichte Frontal 21 beim DLG zur Qualitätsprüfung ein. Sie wurde von den Sachverständigen geprüft, auch in Labortests auf ihre mikrobiologische Qualität.

Ergebnis: Die DLG beglückwünscht frontal 21 zu Ihrem Erfolg und für die hervorragende Qualität des Produkts und prämiert die gepanschte Wurst mit dem silbernen DLG-Preis.

Metzgermeister Voll ist entsetzt: „Wir haben wirklich, wenn ich das Wort verwenden darf, Scheiße genommen, das war ja keine Wurst, das hat ja mein Ehrgefühl berührt. So eine Wurst herzustellen und wenn wir dann trotzdem in der Lage sind mit diesen ganzen Hilfsstoffen dafür eine Medaille zu bekommen, dann ist das traurig“.

Die DLG reagiert verärgert. Voraussetzung für eine Teilnahme an den DLG-Prüfungen sei die schriftliche Bestätigung des Lebensmittelproduzenten, dass die gesetzlichen lebensmittelrechtlichen Vorgaben und die DLG-Prüfbestimmungen eingehalten werden, heißt es in einer Stellungnahme. Aber die DLG räumt auch ein, dass die existierenden Analysemethoden zum Nachweis von Separatorenfleisch weiterentwickelt werden müssten.

Leidtragende sind bis dahin die Verbraucher, die nicht mehr als hoffen können, dass Ihnen keine Schlachtabfälle untergejubelt werden.

Sie wollen noch mehr über den Fall erfahren? Hier geht es zu einem Interview mit Hendrik Haase, der zusammen mit frontal 21 die Scheinfirma Rheinsberger Wurstwaren gründete.

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