Die Hochkonjunktur geht zu Ende

Das Handelsblatt Research Institute revidiert seinen Ausblick kräftig nach unten. Kommt es zum Handelskrieg, drohen weitere Revisionen.


Die deutsche Wirtschaft ist schwach in das Jahr gestartet. Zwar mögen dafür auch Sonderfaktoren wie Streiks, Grippewelle und das frühe Osterfest ursächlich gewesen sein. Gleichwohl sehen wir im globalen Umfeld und der damit einhergehenden Schwächung der Industrieproduktion sowie in den Querelen innerhalb der Bundesregierung mittlerweile ernste Risiken für den Aufschwung.

Daher revidiert das Handelsblatt Research Institute (HRI) seine Konjunkturprognose für das laufende Jahr kräftig von 2,5 auf nunmehr 1,9 Prozent. Im kommenden Jahr dürfte die deutsche Wirtschaft dann nur noch um 1,4 Prozent wachsen. „Der Höhepunkt des Aufschwungs liegt leider definitiv hinter uns“, kommentierte HRI-Präsident Bert Rürup die neue Prognose. „Sofern der Handelsstreit weiter eskaliert, sind weitere Abwärtsrevisionen wahrscheinlich.“

Nachdem die USA Strafzölle auf Stahl- und Aluimporte erhoben haben, belastet die EU als Antwort einige typische US-Produkte mit Zöllen. US-Präsident Donald Trump kündigte für diesen Fall bereits an, Strafzölle auch auf Autoimporte zu erheben. Somit droht eine Zoll-Spirale aus Reaktion und Gegenreaktion, von der die exportstarke und autolastige deutsche Industrie stark betroffen wäre. Zudem eskaliert der Handelsstreit zwischen den USA und China.


Kehrt in der Politik der USA nicht bald Vernunft ein, besteht die ernste Gefahr, dass internationale Wertschöpfungsketten empfindlich gestört werden. Dies hätte steigende Produktionskosten und Verbraucherpreise und letztlich weniger Wachstum zur Folge. Deutschland wäre als einer der großen Globalisierungsgewinner einer der großen Verlierer dieser Entwicklung. Allerdings müssten auch die US-Verbraucher die Zölle mit höheren Preisen für die betroffenen Güter zahlen.

Regierungskrise in Berlin sorgt für Unsicherheit

Zusätzliche Unsicherheit verursacht die Regierungskrise in Berlin. Lange Zeit galt Deutschland als politischer Anker in Europa. Die politische Stabilität war ein wesentlicher Standortvorteil. Der Streit zwischen den Unionsparteien, die einen Bruch der erst seit wenigen Wochen amtierenden Regierung zu einer realistischen Option werden lassen, ist dabei, diesen Standortfaktor zu entwerten.

Sollte es tatsächlich zum Bruch der Koalition kommen, dürfte der Staatskonsum auch im weiteren Jahresverlauf schwach bleiben, da zentrale ausgabenwirksame Pläne der Regierung noch nicht verabschiedet worden sind. Bislang ist noch nicht einmal der Haushalt 2018 vom Bundestag gebilligt.

Somit verbleibt der private Konsum als wesentliche Stütze der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Nach 1,4 Prozent im laufenden Jahr wird er 2019 um 1,5 Prozent zulegen. Der private Konsum wird durch den vorerst weiter boomenden Arbeitsmarkt gestützt, auf dem nun auch die Löhne allmählich anziehen, wie die jüngsten Tarifabschlüsse belegen. Überdies wurden von der Regierung Steuer- und Beitragssenkungen in Aussicht gestellt.


Im Jahr 2019 dürften im Schnitt 45,3 Millionen Personen erwerbstätig sein – knapp 400.000 mehr als dieses Jahr. Allmählich dürften auch mehr Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen, nicht zuletzt, weil mancherorts echter Arbeitskräftemangel herrscht. Gleichzeitig wird die Arbeitslosenquote 2019 auf 4,8 Prozent sinken; im Jahresschnitt 2019 dürfte die Bundesagentur für Arbeit nur noch 2,16 Millionen Arbeitslose registrieren.

Die daher noch starke Binnenkonjunktur führt zu einer hohen Importnachfrage, während die Exporte angesichts des protektionistischen Trends allenfalls gebremst wachsen dürften. Zusammen führt dies zum Abbau des deutschen Leistungsbilanzüberschusses – was nicht nur US-Präsident Trump erfreuen dürfte.

Nachdem die EZB angekündigt hat, ihr Anleihekaufprogramm Ende 2018 auslaufen zu lassen, müssen Wirtschaft und Verbraucher sich ab dem kommenden Jahr auf steigende Finanzierungskosten einstellen. Daher dürften Betriebe und vor allem Bauherren die derzeit noch sehr günstigen Konditionen ausnutzen, sodass zumindest im laufenden Jahr kräftig investiert wird – trotz des schwächeren Umfelds.

Konsolidierung der Staatsfinanzen setzt sich fort

Die Lohnsumme ist eine Schlüsselgröße für die Lage der Staatsfinanzen. Steigende Löhne und Beschäftigung treiben das Lohnsteueraufkommen und über den steigenden Konsum das Umsatzsteueraufkommen in die Höhe. Gleichzeitig sinken die arbeitsmarktbedingten Staatsausgaben. Daher wird sich die Konsolidierung der Staatsfinanzen fortsetzen; Deutschland wird weiterhin Schulden abbauen.


Wir schließen zwar nicht aus, dass es zu einem Regierungswechsel kommt. Gleichwohl erwarten wir, dass die Koalition zunächst hält und sie ihre verabredeten Ausgaben auch realisieren wird, wenn auch ein oder zwei Quartale später, als zunächst geplant. Daher dürfte trotz weiter steigender Steuereinnahmen der Haushaltsüberschuss 2017 seinen Höhepunkt erreicht haben und 2018 sowie 2019 sinken.

Falls es in dieser Legislatur zu einem spürbaren Konjunktureinbruch kommt, sind auch rote Zahlen wieder denkbar, da die Politik der GroKo in vielen Bereichen auf Ausgabenexpansion ausgerichtet ist. Das Wort „Sparsamkeit“ taucht im Koalitionsvertrag jedenfalls nicht auf.