Hitzfeld: "Bosz imponiert mir"

Reinhard Franke
Ottmar Hitzfeld (M.) beleuchtet vor dem Revierderby die Situation bei BVB und Schalke 04

Ottmar Hitzfeld gewann 1997 mit Borussia Dortmund die Champions League und damit seinen ersten großen Titel. Dies gelang ihm 2001 auch mit dem FC Bayern.

2014 beendete er seine Trainerkarriere, angesichts der aktuellen Krise beim BVB wurde in den letzten Tagen aber schon eine Rückkehr zum BVB ins Spiel gebracht - ähnlich zum Modell mit Jupp Heynckes beim FC Bayern.

Doch ein Comeback auf der Trainerbank wird es für den 67-Jährigen nicht geben. Seine Dortmunder hat Hitzfeld aber weiter fest im Blick.

Vor dem Revierderby zwischen dem BVB und Schalke am Samstag (ab 15 Uhr im LIVETICKER) spricht Hitzfeld im SPORT1-Interview über beide Klubs sowie deren Trainer Peter Bosz und Domenico Tedesco.

SPORT1: Herr Hitzfeld, wie sehr packt Sie das Revierderby noch?

Ottmar Hitzfeld: Das ist für mich immer noch ein besonderer Moment, wenn das Derby ansteht. Das ganze Umfeld hat dieses Duell schon Tage vorher im Kopf und fokussiert sich komplett auf dieses Spiel. Es ist für die Leute im Ruhrgebiet das Highlight des Jahres.


SPORT1: Wie haben Sie das Derby als Trainer wahrgenommen?

Hitzfeld: Der Stellenwert dieses Derbys war schon immer extrem hoch. Der Druck auch, weil ich wusste, dass die Erwartungshaltung riesig war. Es ist ein besonderes Spiel, weil die Stimmung im Umfeld auch schnell kippen kann. Ich erinnere mich noch an mein erstes Derby als BVB-Coach auf Schalke, das haben wir verloren und danach hieß es in den Medien: "Hitzfeld hat noch nicht kapiert, um was es geht." (lacht)

SPORT1: Schalke kommt als Tabellenzweiter in den Signal Iduna Park. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Hitzfeld: Domenico Tedesco hat bei Schalke in den ersten Monaten einen hervorragenden Job gemacht, sich in diesem schwierigen Umfeld sehr gut eingebracht und seine Philosophie erfolgreich umgesetzt. Er hat mehr Wert auf die Defensive gelegt, die notwendig ist, um langfristig erfolgreich zu sein. Der BVB befindet sich dagegen in einer prekären Situation, hat allerdings mit einem Derbysieg die große Chance, an den Schalkern vorbeizuziehen. Mit nur einem Spiel kann sich die ganze Situation um Borussia beruhigen. Da sieht man, wie wichtig dieses Derby ist.


SPORT1: Was ist Ihrer Meinung nach das Erfolgsgeheimnis, warum Tedesco bei Schalke so gut funktioniert?

Hitzfeld: Er kam und hat gleich konsequent gehandelt, wie die Entscheidung mit Benedikt Höwedes zeigt. Es war sicher sehr schwierig, als junger Trainer zu Schalke zu kommen und eine Vereins-Ikone auszusortieren. Aber dadurch hat er sich Respekt verschafft. Das verdient Hochachtung, weil Tedesco von seinem Handeln überzeugt war. Er hat seine eigene Philosophie entwickelt und macht einen sehr souveränen Eindruck. Er gefällt mir.

SPORT1: Schalkes Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies sagte nach dem Sprung auf Platz zwei, dass man Dortmund auf Dauer überholen will. Große Worte, oder?

Hitzfeld: Diese Aussage in einem Interview hat mich überrascht. Man sollte den Erfolg gerade genießen und erst mal die Vorrunde abwarten. Ich glaube nach wie vor, dass der BVB den besseren Kader hat und dadurch auch die größeren Möglichkeiten in der Tabelle. Im Kampf um Platz zwei sehe ich nur die Dortmunder und RB Leipzig.


SPORT1: Warum ist die Situation beim BVB inzwischen so verkorkst?

Hitzfeld: Ich kenne natürlich nicht das Innenleben der Mannschaft und kann nur vorsichtig eine Analyse abgeben. Die Dortmunder sind da in etwas hineingeraten und der Grund könnte sein, dass es am Anfang mit fünf Siegen ohne Gegentor zu gut lief. Da hat vielleicht der eine oder andere Spieler schon gedacht, dass es von alleine läuft. Und plötzlich haben sich Fehler eingeschlichen und eine Verunsicherung kam auf. Diese hält bis jetzt an, obwohl gegen Tottenham in der Champions League schon bessere Ansätze erkennbar waren. Für mich war das eine unglückliche Niederlage.

SPORT1: Peter Bosz hält verbissen an seinem System fest. Ein Fehler?

Hitzfeld: Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie und wenn man so einen Mann holt, dann weiß man das auch. Ein 4-3-3 kann auch anders ausgerichtet sein mit einer etwas defensiveren Taktik. Oder es wird in der Aufstellung ein Defensivspieler mehr integriert wie gegen Tottenham, als Bosz Guerreiro und Schmelzer links spielen ließ. Wichtig ist, dass die Defensive stabiler werden muss und im Mittelfeld mehr Zweikämpfe gewonnen werden. Letztendlich ist es keine Systemfrage, sondern eine Frage, welche Mannschaft ich als Trainer auf dem Platz habe und was die einzelnen Spieler aus der jeweiligen Situation machen.


SPORT1: Kann das zwischen Bosz und dem BVB noch funktionieren?

Hitzfeld: Ja. Dieses Projekt braucht einfach Geduld. Am Anfang waren alle mit fünf Punkten Vorsprung vor den Bayern hochzufrieden und plötzlich soll alles schlecht sein? Die Kritik an Bosz geht mir zu schnell. Geduld ist gefragt. Er ist ein guter Trainer, der auch jetzt in der Krise besonnen und souverän reagiert. Das imponiert mir. 

SPORT1: Sollte der BVB das Spiel verlieren: Glauben Sie, dass die Bosse dann die Reißleine ziehen werden?

Hitzfeld: Die Verantwortlichen müssen Ruhe bewahren. Bosz ist ein neuer Trainer mit einem neuen Konzept - und dieses wurde langfristig angelegt. Nach wie vor hat man gute Chancen in der Meisterschaft. Natürlich ist das jetzt eine kleine Krise, aber aus der kann man auch gestärkt hervorgehen.


SPORT1: Bosz wirkt nach außen hin sehr souverän und entspannt. Ist das nur gespielt?

Hitzfeld: Das glaube ich nicht. Er verfällt nicht in Panik und Aktionismus, das ist gut. Er ist überzeugt von seinem Stil und muss nur die Balance zwischen der attraktiven Offensive und der stabilen Defensive finden. Gegen Tottenham war nicht alles so schlecht, wie es gemacht wird. Ich glaube, dass Bosz die Wende schaffen wird. 

SPORT1: Zuletzt sorgte Pierre-Emerick Aubameyang für Unruhe, wurde für ein Spiel suspendiert. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Hitzfeld: Dieser Spieler hat natürlich schon viele tolle und wichtige Tore für den BVB geschossen und war maßgeblich am Erfolg in den vergangenen Jahren beteiligt. Doch man muss Aubameyang in den Griff bekommen. Ich halte nicht so viel von Suspendierungen, so fehlt dir der Spieler. Ich war immer ein Freund von hohen Geldstrafen. (schmunzelt)

SPORT1: Wo stehen am Saisonende der BVB und S04?

Hitzfeld: (ohne zu überlegen) Dortmund landet vor Schalke.