Historische Bewertungsmarke von einer Billion Dollar fast erreicht: Was jetzt, Apple?

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Hat gut lachen: Tim Cook auf der Entwicklerkonferenz WWDC (Foto: © Apple)

Das Rennen ist so gut wie entschieden: Apple dürfte in Kürze als erstes Unternehmen in der Börsengeschichte die Bewertungsmarke von einer Billion Dollar knacken. Für CEO Tim Cook ist das ein großartiger Erfolg. Doch welches Potenzial besitzt der iPhone-Konzern in Zukunft noch?

Man kann sich Tim Cook als glücklichen Mann vorstellen. Seit knapp sieben Jahren führt der inzwischen 57-Jährige das wertvollste Unternehmen der Welt – damals wie heute. Als Cook Apple übernahm, war der iKonzern rund 350 Milliarden Dollar wert. Heute sind es etwa 940 Milliarden Dollar auf einem Kursniveau von 191 Dollar.  

Seit dem Ende der Steve Jobs-Ära wurde Apple als heißer Kandidat gehandelt, die „first trillion dollar company“ zu werden, das erste Unternehmen, das jemals in der Geschichte der Kapitalmärkte den Börsenwert von einer Billion Dollar übertreffen könnte. 

Bereits 2012 mit 700 Milliarden Dollar bewertet

Der Anlauf war schließlich lang genug: Bereits 2012, als Apple das iPhone 5 auf den Markt brachte, schien die Bewertungsmarke zum Greifen nah: Binnen gerade einmal acht Monaten zog Apples Marktkapitalisierung von 400 auf 700 Milliarden Dollar an.

Der Himmel schien die Grenze zu sein, doch tatsächlich folgte ein dramatischer Absturz, der Apple in der Folge sogar unter das Bewertungsniveau von 400 Milliarden Dollar drückte und zwischenzeitlich wieder ExxonMobil (2013) und erstmals Google-Mutter Alphabet (2016) auf den Börsenthron beförderte. 

Wohl und Wehe des iPhones 

Der Grund für die Achterbahnfahrt: Apples Aufschwung an der Börse verläuft seit mehr als einer Dekade in unentwirrbarer Kopplung mit dem mit Abstand wichtigsten Produkt der Unternehmensgeschichte, wenn nicht gar der Verbraucherelektronik: dem iPhone. Als das Wachstum 2013 erstmals abebbte, brach entsprechend an den Kapitalmärkten mit einem erdrutschartigen Kurssturz von fast 50 Prozent ein Börsenbeben los.  

Zwar gelang Apple 2014 mit der Einführung der deutlich größeren iPhone-Modelle in 4,7 und 5,5 Zoll noch einmal die Rückkehr zu zweistelligem Absatzwachstum, doch in der Folge zeigte sich deutlich, dass das Wachstum der Smartphone-Sparte ausgereizt ist.

Apple läuft bis heute der alten Bestmarke, die der Techpionier im Fiskaljahr 2014/15 mit 232 Millionen verkauften iPhones aufstellte, hinterher. Weder 2016 noch 2017 kam der iKonzern mit 211 Millionen bzw. 216 Millionen abgesetzten Smartphones heran, und auch in diesem Jahr sieht es nicht nach einem neuen Absatzrekord nach Stückzahlen aus.    

Apples Aktienrückkaufprogramm erschwert Bewertungssteigerung

Entsprechend mühsam verlief der Weg zurück zu alter Börsenstärke: Nach neuen, alten Allzeithochs zwischen 2014 und 2015 bei 134 Dollar dauerte es schließlich zwei lange Jahre, bis das alte Niveau wieder erreicht und verbessert wurde. Seit vergangenem Jahr befindet sich Apple in Erwartung des runderneuerten iPhone X nunmehr im beschleunigten Aufschwung, der der Aktie binnen Jahresfrist Kursaufschläge von mehr als fast 35 Prozent bescherte. 

Trotzdem hat der Börsenwert nur unproportional an Wert gewonnen: Während sich die Apple-Aktie in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt hat, konnte Apples Marktkapitalisierung lediglich um 70 Prozent zulegen. Der Grund dafür ist in Apples gigantischem Kapitalrückführungsprogramm an Aktionäre zu suchen. 

275 Milliarden Dollar an Aktionäre zurückgegeben

Weil Apple in den vergangenen Jahren etwa 50 Milliarden Dollar an Anteilseigner in Form von Aktienrückkäufen und Dividenden zurückgeführt hat, schrumpfte der Börsenwert  entsprechend dem entzogenen Kapital.

Bis Ende März hat Apple enorme 275 Milliarden Dollar an seine Anteilseigner zurückgegeben. In anderen Worten: Apple macht es sich beim Wettlauf um die Billionen-Marke selbst schwer und hätte den Meilenstein ohne das größte Kapitalrückführungsprogramm in der Börsengeschichte längst erreicht.  

Amazon erster Herausforderer 

Nun jedoch scheint die Billionen-Bewertungsgrenze in Reichweite und der Vorsprung vor den nächsten Internet- und Tech-Rivalen zu groß, um ihn noch zu verspielen. Amazon, der zweitwertvollste Konzern der Welt, bringt es aktuell auf einen Börsenwert von 820 Milliarden Dollar und liegt damit rund 120 Milliarden Dollar hinter Apple. Alphabet und Microsoft duellieren sich mit einer Marktkapitalisierung von 780 Milliarden Dollar aktuell um Platz drei.     

Aktuell bräuchte Apple also nur noch eine Wertsteigerung von rund 6 Prozent, um die magische Marke zu passieren – bei 203,50 Dollar wäre es so weit. Die Aussichten auf den historischen Durchbruch in den kommenden Wochen und Monaten sind vielversprechend, zumal die Apple-Aktie in Erwartung neuer iPhone-Modelle, die im September vorgestellt werden dürften, oft zulegte.

Dank Warren Buffett auf dem Weg zur Billion 

Der eigentliche Treiber für den stetigen Kursanstieg der vergangenen zwei Jahre ist indes einer anderer. Es ist der immer größere Appetit von Warren Buffett auf Apple, der die Begehrlichkeiten auf den Kultkonzern aus Cupertino in der Investmentwelt immer weiter steigert – nicht zuletzt, weil das „Orakel aus Omaha“ der Finanzwelt selbst die besten Argumente liefert.  

„Apple hat eine enorme Kundenbindung. Das Ökosystem ist außerordentlich stark. Man ist durch das Apple-Produkt, das man benutzt, darin sehr, sehr gefangen, zumindest psychologisch. Das iPhone ist ein Produkt mit hoher enormer Anziehungskraft“, erklärte Buffett sein immer umfangreicheres Investment, das längst zur größten Wette seines bemerkenswerten Lebens geworden ist.  

Was folgt nach dem historischen Meilenstein?

Doch gesetzt den Fall, Apple gelingt der historische Billionen-Meilenstein, was dann? Nach Einschätzung der New York Times ist „Apples Bewertung bei Weitem noch nicht ausgeschöpft“. Der Grund liegt nicht zuletzt im stagnierenden Zeitenwechsel der Techbranche, die nach Belieben unsere Welt bestimmt.  

Zwar scheint die Menschheit im kommenden Jahrzehnt durch zahlreiche neue Schlüsseltechnologien – allen voran die künstliche Intelligenz – vor einem regelrechten Quantensprung zu stehen, doch bevor es so weit ist, ist das beherrschende Gadget unserer Zeit weiter das Smartphone, an dem kein Konzern der Welt auch nur annähernd so gut verdient wie Apple. 

Nach dem iPhone ist vor dem iPhone 

Konzernchef Tim Cook kann es sich leisten, sich selbstkritisch in die große Masse der Smartphone-Süchtigen einzureihen, wenn er in der vergangenen Woche selbstkritisch bekannte: „Ich dachte, dass ich in der iPhone-Nutzung ziemlich diszipliniert war, aber ich lag falsch. Die Häufigkeit, wie oft ich das iPhone angefasst habe, war viel zu hoch.“ 

Im Herbst, wenn Apple die Nachfolgemodelle zum bestenfalls lauwarm gestarteten Hochpreis-Smartphone iPhone X vorstellt, ist der Apple-CEO jedoch einmal mehr auf die Loyalität seiner Fanboys und -girls angewiesen. Bleibt ein neuer Superzyklus aus, wie erste Bestellungskürzungen bei Zulieferern andeuten, könnte der Billionen-Dollar-Meilenstein schnell wieder zur nostalgischen Erinnerung werden.