„Wir glauben an eine Zukunft des Stahls“

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„Wir glauben an eine Zukunft des Stahls“

Auf der Hauptversammlung von Thyssen-Krupp ging es um die Stahlfusion – und die Zukunft des Konzerns. Vorstandschef Hiesinger hat seinen Kurs verteidigt, musste aber auch Kritik einstecken. Die Ereignisse zum Nachlesen.

Seit Wochen attackierte der schwedische Investor Cevian die Strategie des Industrie-und Stahlkonzerns Thyssen-Krupp. Vor der Hauptversammlung in Bochum hat er den Druck auf Vorstandschef Heinrich Hiesinger deutlich erhöht. Bei dem Aktionärstreffen gab es jedoch vor allem Rückendeckung für Hiesinger in dem Machtkampf. Die Ereignisse zum Nachlesen im Liveblog.

  • Vorstandschef Heinrich Hiesinger verteidigt seinen Kurs gegen die Kritik der Investoren.
  • Der Aufsichtsrat stärkt Hiesinger den Rücken.
  • Die Dividende bleibt stabil bei 15 Cent, soll mittelfristig aber wieder steigen.
  • Für Kritik sorgte die Entsendung von Ursula Gather in den Aufsichtsrat.

+++ Thyssen-Krupp-Vorstand mit 93 Prozent entlastet +++

Nach achtstündiger Dauer hat die Hauptversammlung den Vorstand von Thyssen-Krupp mit 93 Prozent entlastet. Damit hat auch Cevian zugestimmt – trotz der zuvor geäußerten heftigen Kritik an Vorstandschef Hiesinger.

+++ Doch noch etwas Protest +++
Während in der zweiten Fragerunde vor allem die Schließung des Standortes Emden thematisiert wird, rollen Mitarbeiter ein rotes Plakat aus – gegen die Schließung ihres Werkes. Die Saalkamera filmt die Gruppe, und die Thyssen-Krupp-Mitarbeiter erscheinen für einen Moment auf der riesigen Leinwand hinter Vorstand und Aufsichtsrat.

+++ Aktionärsvertreter Buhlmann übt Kritik am Vorstand +++
Nun spricht Aktionärsvertreter Hans-Martin Buhlmann – und macht seinem Ärger über die geplante Fusion mit Tata Luft: „Wir haben nur in zwei Bereichen verdient und einen Bereich sind wir gerade dabei wieder abzugeben.“ Er bezweifelt, dass der Zusammenschluss den Aktionären Vorteile bringen würde: „Was hat der Aktionär von der Fusion mit Tata?", fragt Buhlmann. „Es reicht ja nicht, Herr Hiesinger, dem Kapitalmarkt zu sagen, Sie haben alle Ziele erreicht. Das ist dort noch nicht angekommen.“ Auch mit Kritik am Vorstand hält er sich nicht zurück: „Die Dividenden sind gleichgeblieben, die Gehälter des Vorstands sind gestiegen. Unser Kapital kann doch nicht den Vorständen als besondere Tantieme gezahlt werden.“ Im Saal brandet Applaus auf.


+++ Lehner verteidigt Entsendung Gathers in den Aufsichtsrat +++
Der Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Lehner stellt sich nun Fragen, die den Aufsichtsrat betreffen. Zur oft geäußerten Kritik an der Entsendung von Ursula Gather in den Aufsichtsrat verwies er auf die Stiftung: „Das Entsenderecht liegt im Bereich der Stiftung, und die muss darüber entscheiden, darauf zu verzichten.“ Er verteidigt Gathers Eignung für die Position: „Frau Gather bringt genügend Erfahrungen mit, und außerdem arbeitet der Aufsichtsrat als Kollektivorgan.“ Der zweite Fragenblock beginnt.

+++ Hiesinger nimmt zu Fragen Stellung +++
Nach der ersten Fragerunde nehmen Vorstand und Aufsichtsrat Stellung zu den Anliegen der Aktionäre. Zum Umgang mit dem Investor Cevian sagt Heinrich Hiesinger: „Ich weise darauf hin, dass Cevian als Aktionär nur Infos erhalten hat, die sie auch alle bekommen. Ansonsten haben wir ein recht konstruktives Arbeitsverhältnis. Deswegen sind wir über die öffentlichen Äußerungen schon überrascht.“ Auf die Frage nach dem Vorstand des Stahl-Joint-Ventures mit Tata erklärt er: „Die 50:50-Beteilgung spiegelt sich auch im Vorstand wider: Drei Personen kommen von Thyssen-Krupp, drei von Tata.“


+++ Privatinvestor: „Ich sehe in Cevian eine Heuschrecke“ +++
Ein Privatinvestor steht nun am Rednerpult. Er redet sich in Rage, gestikuliert wild, das grüne Licht für die Redezeit ist schon längst erloschen. „Solche Attacken ein, zwei Tage vor der Hauptversammlung sind eine ganz üble Sache“, kritisiert er und fährt fort: „Ich sehe in Cevian eine Heuschrecke. Es ist ja noch sehr höflich mit denen umgegangen worden.“ Zwischendurch gibt es Applaus der anderen Aktionäre. Die Kritik des Investors Cevian am Konzern findet offenbar nicht viele Fürsprecher im Ruhrcongress.

+++ Mehr Kritik an Aufsichtsratsposten für Ursula Gather +++
Auch der Aktionär Christian Strenger stößt sich an der Entsendung der Vorsitzenden der Krupp-Stiftung in den Aufsichtsrat. „Das Entsenderecht der Krupp-Stiftung ist antiquiert.“ Die Mathematikerin Gather, Rektorin der TU Dortmund, sei für den Posten nicht ausreichend qualifiziert.

+++ „Sieben negative Jahre“ unter Hiesinger +++
Die erste harte Kritik am Vorstandsvorsitzenden übt Ingo Speich, Portfoliomanager bei Union Investment. „Herr Hiesinger, Sie sind jetzt sieben Jahre an der Spitze. Mit Blick auf die Aktienkursentwicklung sind das sieben negative Jahre.“ Die Bilanz sei zu schwach und der Cashflow trotz anderer Ankündigung des Konzerns negativ. „Thyssen-Krupp ist als Konglomerat ein Gemischtwarenladen. Sie müssen umdenken. Es darf keine Denkverbote geben. Wenn es günstige Zusammenschlüsse gibt, sollte man sie eingehen.“ Der Konzern müsse sich schlanker aufstellen und entflechten. Speich nennt Siemens dabei als ein Vorbild.

+++ Aktionärsschützer hat noch viele Fragen +++
Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) weist darauf hin, dass es selten vor einer Hauptversammlung von Thyssen-Krupp so turbulent hergegangen ist. Außerdem hat er, ähnlich wie viele Kleinaktionäre im Raum, noch mehr Fragen zur Stahlfusion mit Tata. „Da gab es mir noch nicht ausreichend Informationen bisher.“ Er kritisiert, der Konzern habe seine selbstgesteckten Ziele nicht erreicht. Auch, dass die Krupp-Stiftung als Großaktionär ihre Vorsitzende Ursula Gather ohne Votum der Aktionäre in den Aufsichtsrat entsendet, missfällt ihm. „Wir hätten Sie gerne gewählt, Frau Gather, aber es gibt immer noch das Entsenderecht, und das gefällt uns nicht. Vielleicht hätten Sie auch einfach darauf verzichten können?“ Selbst das grüne Licht, das das Ende seiner Redezeit signalisiert, kann Hechtfischer zunächst nicht bremsen.

+++ Redezeit für Aktionäre beginnt +++
Nach den Reden von Hiesinger und Lehner geht es nun zu den fünf Punkten der Tagesordnung. Alle Punkte können hierbei Gegenstand von Äußerungen und Fragen sein, erklärt Lehner im Vorfeld. „Mir liegen schon viele angemeldete Wortmeldungen vor, und deswegen sollte jeder seine Redezeit von zehn Minuten einhalten.“ Eine grüne Lampe am Rednerpult erinnert alle Fragesteller an ihre begrenzte Zeit. Die Aktionäre begrüßen diesen Vorschlag mit Applaus und lachen.
Es beginnt Daniel Vos von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK). „Ich freue mich, dass es so voll ist, dass das Interesse so groß ist. Das mag vielleicht auch an der aktuellen Lage liegen. Überlegungen zu strategischen Umbauten sind sinnvoll, Nachdenken ist an sich immer gut.“ Die Strategiediskussion, die Investor Cevian angestoßen hat, sieht er kritisch. „Ich denke, ob Konglomerat oder Aufspaltung, das sind Trenddebatten. Das ändert sich alle drei Jahre. Was jetzt richtig ist, sollte für jedes Unternehmen einzeln überlegt werden.“

+++ Ulrich Lehner spricht Hiesinger das Vertrauen aus +++
Der Aufsichtsratsvorsitzende ergreift das Wort im Ruhrcongress und lobt Heinrich Hiesinger: „Das war ein intensives Jahr. Sie haben einen Weg für die Zukunft aufgezeigt. Der Aufsichtsrat wird Sie dabei unterstützen.“ Hiesinger habe in seiner Rede sehr deutlich die Fortschritte und den weiteren Weg beschrieben. Ein umfassender Veränderungsprozess, wie ihn Thyssen-Krupp beschreite, sei nicht von heute auf morgen möglich. Auch der Aufsichtsrat schlage eine Dividende von 15 Cent vor.


+++ Schlussworte von Heinrich Hiesinger +++
„Natürlich wird Thyssen-Krupp mit der Gründung des Joint Ventures in der Stahlsparte anders aussehen. Aber erst schließen wir die Verhandlungen mit Tata erfolgreich ab. Und während das passiert, arbeiten alle im Konzern daran, unsere Ziele zu erreichen.“

+++ Turbulenzen bleiben bisher aus +++
Die Aktionäre verfolgen bisher ruhig die Ausführungen von Hiesinger. „Ich hoffe auf clevere Fragen der Aktionärsvertretungen“, sagt eine Kleinaktionärin im Ruhrcongress. „Fragen, auf die ich nicht gekommen wäre. Fragen, die mir genauere Informationen über die Pläne von Thyssen-Krupp liefern. In den Reden der Vorstände erfährt man eh nichts.“

+++ Hiesinger geht auf die Kritiker zu +++
Der Vorstandschef kündigt an, im Frühsommer die Ziele des Konzerns zu konkretisieren. „Wie genau wir das angehen, wird Teil unseres jährlichen Strategiedialogs von Vorstand und Aufsichtsrat im Mai sein“, sagte der Manager laut Redetext. Der Konzern werde nach der Gründung des Stahl-Joint-Ventures mit Tata Steel anders aussehen. „Entsprechend werden wir unser strategisches Zukunftsbild schärfen und auch unsere finanziellen Zielsetzungen anpassen.“ Er schloss nicht aus, weitere Geschäfte zu verkaufen. „Wir führen Thyssen-Krupp integriert, weil das zu messbaren Vorteilen führt. Das schließt jedoch Veränderungen in der Zusammensetzung des Unternehmen nicht aus: Vor sechs Jahren hatte Thyssen-Krupp acht Geschäftsbereiche, heute sind es fünf, mit Gründung des Joint Ventures werden es vier sein.“

+++ Bekenntnis zum Stahlgeschäft +++
„Wir glauben an eine Zukunft des Stahls“, sagt Hiesinger. „Deshalb bleiben wir gemeinsam mit Tata für sechs Jahre zu 50 Prozent an dem Unternehmen beteiligt. Bei einer positiven Entwicklung des Joint Ventures könnten wir auch vorher einen Börsengang einleiten.“ Eine starke Partnerschaft mit Tata sei die richtige Lösung für das europäische Stahlgeschäft des Konzerns.


+++ Dividende bleibt stabil +++
Hiesinger: „Wir schlagen erneut eine Dividende von 15 Cent je Aktie vor. Sie berücksichtigt zum einen unsere finanzielle Situation. Gleichzeitig ist der Vorschlag Ausdruck einer starken, operativen Entwicklung und der klaren Erwartungen, dass sich diese im laufenden Geschäftsjahr fortsetzt und sich dann in einem positivsten Jahresüberschuss niederschlägt.“ Ein Kleinaktionär ist davon enttäuscht. Er war zwar auch wegen der Infos zur Fusion hier. „Aber vor allem natürlich, um eine höhere Dividende zu erhalten und lecker zu frühstücken“, erklärt er und beißt in sein Brötchen. Jetzt muss er doch mit 15 Cent pro Aktie nach Hause gehen. „Das ist ja nicht besonders viel, wenn wir mal ehrlich sind.“ Hiesinger stellt den Aktionären immerhin eine höhere Ausschüttung in Aussicht. „Mittelfristig werden wir deutlich höhere Ergebnis-, Cash-, und Wertbeiträge erzielen, und damit wird auch wieder eine höhere Dividende möglich.“


Hiesinger verteidigt sich gegen Cevian-Kritik


+++ Hiesinger verteidigt seinen Kurs gegen Investorenkritik+++
Jetzt spricht der Vorstandschef von Thyssen-Krupp. „Operativ sind wir zurück in der Spur“, sagt Heinrich Hiesinger. „Mit 1,9 Milliarden Euro haben wir das beste Ergebnis seit Beginn unseres Konzernumbaus. Wir haben Rekord-Aufträge und einen Rekord-Umsatz verbucht. Womit wir noch nicht zufrieden sind, das ist unser Cashflow.“ Seinen Kurs verteidigt Hiesinger gegenüber der Investorenkritik. „Was wir unter dem Konzerndach von Thyssen-Krupp aus eigener Kraft besser machen können, gehen wir selbst an. Da, wo wir eine bessere Zukunft für ein Geschäft außerhalb des Konzerns sehen, verfolgen wir diesen Weg konsequent. Das zeigt der Verkauf von CSA genauso wie das angestrebte Gemeinschaftsunternehmen mit Tata.“

+++ Autosparte entwickelt sich gut, Anlagenbau schwächelt +++
„Das Automobilgeschäft hat sich im abgelaufenen Geschäftsjahr sehr erfolgreich entwickelt“, sagt Hiesinger. „Die Ebit-Marge lag auf bereinigter Basis bei 5,0 Prozent. Erreichen wollen wir sechs bis acht Prozent. Einen Schub für die Rendite erwarten wir vor allem durch den Umsatz aus den neu gewonnenen, margenstarken Aufträge, für die wir gerade weltweit die Werke hochfahren.“ Im Hinblick auf die übrigen Sparten ergänzt er: „Unser Aufzugsgeschäft hatte erneut ein sehr gutes Jahr. Noch nicht ganz so weit sind wir in unserem Anlagenbau, dem einzigen Geschäftsbereich, der sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert hat.“

+++ Kleinaktionäre vertrauen Hiesinger +++
„Ich bin für die Abspaltung der Stahlsparte. Deutschland ist einfach zu teuer und unrentabel“, sagt ein Kleinaktionär. „Ich vertraue da Hiesinger. Er ist ein fähiger Mann. Er sieht, dass Stahl keine Zukunft allein in Deutschland hat.“ Eine weitere Aktionärin ergänzt: „Ich bin ganz klar gegen die Zerschlagung des Konzerns. Trotzdem möchte ich mir die Argumente von Cevian anhören. Aber letztendlich sollte dann die Geschäftsführung entscheiden, was für das Unternehmen richtig ist. Die haben da den Überblick.“


+++ Spannung unter den Kleinaktionären +++
Der Ruhrcongress in Bochum füllt sich langsam. Die Aktionäre sitzen in der großen Halle, warten auf den Auftritt von Heinrich Hiesinger und blättern im Geschäftsbericht. Sie warten ab, sind gespannt auf die Hauptversammlung und erwarten einen ereignisreichen Tag. „Ich hab‘ gehört, dass es heute turbulent zugehen soll und bin selbst gespannt auf die Nachfragen“, erzählt ein Kleinaktionär. Er selbst sitzt weiter hinten, schaut sich alles aus sicherer Entfernung an. „Ich stehe der Fusion mit Tata skeptisch gegenüber, einfach weil es nicht genügend Infos gibt.“ Deswegen ist er heute hier, um mehr zu erfahren. Trotzdem ist er sich sicher, dass der Zusammenschluss Arbeitsplätze kosten wird. „Für Aktionäre wird nichts besser. Langfristig wird der Stahl zu Tata übergehen, und wir bei Thyssen-Krupp bleiben auf dem Rest sitzen.“

+++ Hiesinger kontert Kritik von Cevian +++
Im Vorfeld der Hauptversammlung hat sich Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger im Handelsblatt gegen die anhaltende Kritik der Investmentgesellschaft Cevian gewehrt. „Wir führen das Unternehmen nicht eindimensional“, sagte Hiesinger. „Natürlich schaffen wir Wert für unsere Aktionäre. Dabei handeln wir immer auch gleichermaßen im Interesse unserer Kunden und Mitarbeiter. Das ist für uns verantwortungsvolles, unternehmerisches Handeln.“