Hiesinger feiert Auftragsrekord

Thyssen-Krupp meldet ein kräftiges Wachstum. Der Auftragseingang liegt nach drei Quartalen so hoch wie noch nie unter der Ära von Konzernchef Heinrich Hiesinger. Doch die Zukunft des Stahlgeschäfts ist weiter ungewiss.


Stellen streichen, Ausgaben kürzen, Verluste eindämmen: Seit Heinrich Hiesinger vor fast sieben Jahren den Chefposten bei Thyssen-Krupp übernahm, verordnete er dem Essener Industriekonzern ein Sparprogramm nach dem nächsten. Nun zeigen sich deutliche Erfolge seiner Rosskur. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahreses 2017, das bei Thyssen-Krupp schon im September endet, verzeichnete der Konzern ein starkes Wachstum.

Der Umsatz kletterte auf rund 32 Milliarden Euro. Das ist ein Plus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zum Handelsstart am Morgen legten die Aktien um 1,7 Prozent zu.

Besonders erfreulich: Der Auftragseingang legte um fast 16 Prozent zu – auf 32,7 Milliarden Euro. „Das ist der beste Wert seit Beginn der Strategischen Weiterentwicklung“, erklärte Konzernchef Heinrich Hiesinger. Noch nie zuvor unter der bald sieben Jahre andauernden Ägide Hiesingers hat Thyssen-Krupp nach neun Monaten einen höheren Auftragseingang verbucht.


Unter dem Strich verzeichnete der Industriekonzern aber ein Minus von 721 Millionen Euro. Das liegt an dem Verkauf des defizitären Stahlwerks CSA in Brasilien. Anfang des Jahres musste Thyssen-Krupp gut 900 Millionen Euro deswegen abschreiben. Dadurch wird der Konzern auch am Ende des Geschäftsjahres Verluste schreiben.

Betrachtet man die um Sondereffekte bereinigten Ergebnisse läuft es bei Thyssen-Krupp aber deutlich besser als in den vergangenen Jahren. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um 37 Prozent auf fast 1,4 Milliarden Euro. Im Tagesgeschäft verbrennt Thyssen-Krupp aber weiterhin Geld. Der operative Cashflow ist auch im dritten Quartal noch deutlich im Minus – mit fast 1,4 Milliarden Euro.

Das liegt aber weniger an einem rückläufigen Absatz, als vielmehr an den teils sprunghaft angestiegenen Rohstoffpreisen. So hatte sich etwa Koks-Kohle im April enorm verteuert. Und auch die Preise für Eisenerz lagen zwischen Januar und April auf einem sehr hohen Niveau. Wegen der gestiegenen Rohstoffpreise musste Thyssen-Krupp mehr finanzielle Mittel binden, das belastet den Cashflow.


Insgesamt ist die Finanzlage von Thyssen-Krupp weiterhin äußerst angespannt. Im vergangenen Jahr konnten nur zwei der fünf Sparten (Aufzüge, Anlagenbau, Autokomponenten, Stahl, Werkstoffhandel) ihre Kapitalkosten erwirtschaften. Die ohnehin schmale Eigenkapitalquote ist seit 2011 von fast zwölf Prozent auf weniger als sieben Prozent abgeschmolzen. Aktuell weist Thyssen-Krupp lediglich ein Eigenkapital von 2,24 Milliarden aus.

Schon bei der nächsten Wirtschaftskrise würde der Essener Industriekonzern wohl ins Straucheln geraten. Konzernchef Heinrich Hiesinger plant daher den großen Befreiungsschlag. Thyssen-Krupp soll sich von seiner „Keimzelle“ trennen, dem Stahlgeschäft.


Zukunft des Stahlgeschäfts ist weiter in der Schwebe


Läuft es gut, wirft das Stahlgeschäft zwar Milliarden ab. Doch wenn es wie zuletzt meistens eher schlecht läuft, summieren sich die Verluste in existenzbedrohende Höhen. Hiesinger will daher die krisenanfällige Sparte, die für rund ein Fünftel des Jahresumsatzes von 40 Milliarden Euro steht, aus der Bilanz tilgen. Dafür favorisiert er eine Fusion der Stahlgeschäfte mit dem indischen Wettbewerber Tata Steel Europe. Die Verhandlungen dauern schon fast zwei Jahre an. Bis Ende September soll nun endlich eine Entscheidung fallen, ob der Deal zustande kommt.

Zu den Verhandlungen sagte Finanzchef Guido Kerkhoff am Donnerstag: „Es gibt hier keinen neuen Stand“. Er halte eine Konsolidierung im Stahlsektor aufgrund von Überkapazitäten aus Sicht von allen Beteiligten für notwendig und erstrebenswert. Dazu verhandle Thyssen-Krupp unter anderem mit Tata. „Die Gespräche dauern an“, sagte Kerkhoff. Auch ihm wäre zwar daran gelegen, möglichst schnell eine Lösung zu finden, aber „Qualität geht vor Zeit“, erklärte Kerkhoff.


Als wesentlichen Knackpunkt in den Verhandlungen nannte Kerkhoff die Pensionsverpflichtungen für die britischen Stahlarbeiter von Tata. Im Fonds liegen zwar rund 13,5 Milliarden Pfund (14,5 Milliarden Euro), aber zur finalen Absicherung fehlen noch knapp zwei Milliarden Pfund (2,3 Milliarden Euro). Da Thyssen-Krupp nicht dafür bürgen will, soll die britische Regierung in London für den Betrag einspringen. Bevor diese Frage nicht geklärt ist, dürfte die angedachte Fusion nicht zustande kommen.

Für den Fall, dass der Zusammenschluss der Stahlsparte mit Tata scheitert, prüft Thyssen-Krupp mögliche Alternativen. „Wir haben immer verschiedene Optionen in Betracht gezogen“, sagte Kerkhoff. Wie die weiteren Optionen im Detail aussehen, wollte er aber nicht erläutern.

Denkbar wäre etwa ein Teilverkauf an Interessenten aus Asien oder Osteuropa oder ein Börsengang. So oder so: Betriebsrat und Gewerkschaft laufen gegen die Pläne von Hiesinger seit Monaten Sturm. Sie fürchten um den Verlust von Tausenden Arbeitsplätzen. In der Stahlsparte beschäftigt Thyssen-Krupp mehr als 27.000 Mitarbeiter. Die Arbeitnehmervertreter werfen Hiesinger „Bilanzkosmetik“ vor.

Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath führt die Front gegen ein Ende des Stahls bei Thyssen-Krupp an. Anfang Juli forderte er den Vorstand auf, endlich für Klarheit zu sorgen, wie es nun weitergeht. „Es ist ein unerträglicher Zustand für die Beschäftigten“, sagte Segerath. „Die Unruhe ist groß. Die Mitarbeiter brauchen eine Perspektive.“

KONTEXT

Die größten Stahlproduzenten in Deutschland

ESF Elbestahlwerke Feralpi

Der Stahlproduzent aus dem sächsischen Riesa wurde 1992 gegründet und produziert unter anderem Stranggussknüppel, Betonstabstahl und Walzdraht. 2016 produzierte Feralpi eine Million Tonnen Stahl.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl

Lech Stahlwerke

1970 wurde das Stahlwerk im bayrischen Meitingen gegründet. Das Unternehmen hat sich auf Betonstahl spezialisiert. Lech produzierte 2016 1,2 Millionen Tonnen Stahl.

Georgsmarienhütte

1,3 Millionen Tonnen Stahl produzierte das Stahlwerk 2016. Georgsmarienhütte wurde 1856 in der gleichnamigen Stadt in Osnabrück gegründet. Das Unternehmen produziert Stabstahl, Halbzeug und Blankstahl.

Riva

Der italienische Stahlkonzern hat mehrere Werke in Deutschland. 1954 wurde das Unternehmen von den Brüdern Emilio und Adriano Riva in Mailand gegründet. 2016 produzierte Riva in Deutschland 1,8 Millionen Tonnen Stahl.

Dillinger Hütte

Das Hüttenwerk (Anlage zur Erzeug von Stahl und Eisen aus Erzen) mit Sitz im saarländischen Dillingen produzierte 2016 2,2 Millionen Tonnen Stahl. Das Unternehmen wurde bereits 1685 gegründet.

Badische Stahlwerke

Der Stahlhersteller wurde 1955 im baden-württembergischen Kehl gegründet und produziert hauptsächlich für die Bauindustrie. 2016 konnte das Unternehmen 2,4 Millionen Tonnen Stahl produzieren.

Saarstahl

1989 wurde der Stahlproduzent im saarländischen Völklingen gegründet. 2016 produzierte er 2,5 Millionen Tonnen Stahl.

Salzgitter

Die Wurzeln der 1998 im niedersächsischen Salzgitter gegründeten Salzgitter AG gehen ins Jahr 1858 zurück. Rund sieben Millionen Tonnen Stahl produzierte das Unternehmen 2016.

Arcelor-Mittal

Der Konzern ging 2007 aus der Fusion der niederländischen Mittal und Arcelor aus Luxemburg hervor. Der Konzern hat mehrere Standorte in Deutschland und produzierte 2016 hierzulande 7,8 Millionen Tonnen Stahl.

Thyssen-Krupp

1999 wurden die Ruhrgebietskonzerne Krupp-Hoesch und Thyssen zusammengelegt. Deutschlandweit ist das Unternehmen mit Sitz in Essen der größte Stahlproduzent. Allein 2016 fertigte er 12,1 Millionen Tonnen Stahl.