Heynckes zu Bayern? Alarmierend!

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der FC Bayern München bastelt an der Sensation: Jupp Heynckes soll die Mannschaft ein viertes Mal bis Saisonende übernehmen. Macht diese Übergangslösung Sinn oder liegen die Bayern-Bosse damit falsch? Die Yahoo Sport Redaktion diskutiert Pro und Contra. 

Bild aus sehr erfolgreichen Zeiten: Karl-Heinz Rummenigge, Jupp Heynckes und Uli Hoeneß

Heynckes wäre die plausible Lösung – Von Tommy Gaber

Auf den ersten Blick erscheint die kolportierte Heynckes-Verpflichtung aberwitzig. Einen 72-jährigen Rentner aus seiner Idylle herauszuholen, um den selbstgefälligen Spielern des FC Bayern wieder Dampf zu machen. Sind Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge mittlerweile so verzweifelt, dass ihnen niemand anderer einfällt als Ulis Kumpel Jupp? Bei genauerer Betrachtung wäre der Deal aber absolut plausibel.

Die Bayern-Bosse haben sich in der Grundsatzfrage “schnelle große Lösung (Thomas Tuchel) oder Übergangslösung bis Saisonende” auf den langfristigen Neuaufbau und gegen die Ad-Hoc-Revolution entschieden. Interimstrainer Willy Sagnol wird diese Aufgabe nicht zugetraut. Folglich greifen die Münchner zu einem bewährten Mittel: Ein Ex-Trainer, der mit dem Klub große Erfolge gefeiert hat und im gesamten Verein und bei den Fans hochangesehen ist, soll in der Not einspringen.

Dass Heynckes seit 2013 “raus ist”, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er den Fußball von heute nicht versteht. Heynckes hat in München schon 2009 bewiesen, dass er auf Knopfdruck funktioniert, als er die Bayern nach dem Rauswurf von Jürgen Klinsmann für die letzten fünf Bundesligaspiele übernahm. Zum damaligen Zeitpunkt war Heynckes zweieinhalb Jahre ohne Trainerjob.

Heynckes hat ein feines Gespür für Strömungen in der Kabine. Er verhindert mannschaftsinterne Konflikte, bevor sie entstehen. Die Mannschaft braucht in ihrer jetzigen Situation keinen Trainer, der ihr das Fußballspielen neu beibringt, sondern eine Persönlichkeit, die einen guten Draht zu den Spielern pflegt. Neun Spieler des aktuellen Kaders kennt Heynckes aus seiner dritten Amtszeit bei Bayern bestens, 2013 sorgten sie gemeinsam für das erfolgreichste Jahr der Vereinsgeschichte. Seine guten Spanischkenntnisse erleichtern ihm den Umgang mit Thiago und James Rodriguez. Arturo Vidal formte Heynckes einst in Leverkusen zum internationalen Star und Javi Martinez hatte unter ihm seine mit Abstand beste Zeit in München.

Klar ist, dass Heynckes nur eine Zwischenlösung wäre. Er würde den Trainer-Platz auf der Bayern-Bank anwärmen für die große Lösung ab Sommer 2018. Für Julian Nagelsmann.

Tuchel nicht zu holen, ist Wahnsinn – Von Johannes Kallenbach

Als Bayernfan könnte man fast nostalgisch werden: Der erfolgreichste Trainer der letzten Jahre kehrt extra aus dem Ruhestand zurück, um den strauchelnden Klub wieder zu stabilisieren und den Spielern neuen Mut einzuimpfen. Was für eine schöne Vorstellung – und leider ziemlich unrealistisch.

Jupp Heynckes bevorstehende Rückkehr zum Rekordmeister ist einerseits fragwürdig – und andererseits alarmierend. Zählen wir mal auf: Heynckes ist 72, seit Jahren in Rente, er kann gar nicht auf dem neuesten fachlich-taktischen Stand sein. Und er kann der alternden Bayernmannschaft mit Sicherheit auch keine neuen spielerischen Impulse einimpfen. Er wäre ein Verwalter für den Rest der Saison, würde die Egos im Team dadurch aber kaum zähmen können.

Warum? Weil das Team, hart gesagt, durch ist. Ribéry und Robben spielen mittlerweile ihrem Alter entsprechend – soll heißen: Nicht mehr weltklasse. Einsehen möchten das weder die beiden Topstars noch die Führungsriege. Weitere Schlüsselspieler sind seit Monaten, teilweise seit ganzen Spielzeiten außer Form (Müller), andere verfolgen lieber ihre eigene Agenda (Lewandowski). Das ist keine erfolgversprechende Mischung.

Was die Bayern brauchen – und zwar eigentlich schon seit zwei Jahren – ist eine radikale Verjüngungskur. Sonst wird das nichts mit der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Stattdessen wird der Umbruch von Jahr zu Jahr aufgeschoben, mit Heynckes mindestens bis zum Sommer 2018. Das zeugt nicht von Geduld, sondern von Führungsschwäche.

Mit Thomas Tuchel wäre ein streitbarer, aber brillanter Fußballlehrer mit klarer Spielidee auf dem Markt gewesen. Im Oktober. Eigentlich Wahnsinn. Dass man sich in der Münchner Führungsriege nicht auf den Ex des BVB einigen konnte, lässt tief blicken. Wenn Heynckes der einzige Kompromiss ist, den Hoeneß und Rummenigge eingehen können, dann gute Nacht.