Heynckes und das frische Blut der Bayern

Der Unterschied zwischen Carlo Ancelotti und Jupp Heynckes? Beim aktuellen Bayern-Trainer lautet das Fazit nach seiner Fünf-Mann-Rotation für das Champions-League-Spiel bei Celtic Glasgow: Alles gut gegangen. Sein Plan, das Duell mit dem BVB im Hinterkopf, ging auf.

Aus Glasgow berichtet Patrick Strasser

Der FC Bayern qualifizierte sich vorzeitig fürs Achtelfinale der Champions League

Durch das 2:1 in Schottland erreichte der FC Bayern das Achtelfinale der Königsklasse, Platz zwei ist den Münchnern nicht mehr zu nehmen. Die Pole Position in der Gruppe hat Paris St.Germain inne, das den RSC Anderlecht souverän mit 5:0 besiegte. Doch weil es vor genau fünf Wochen ein desaströses 0:3 in Paris setzte, hinken die Bayern hinterher.

Auch damals hatte der Trainer einige Spieler aus der A-Elf auf die Bank oder gar die Tribüne gesetzt, unter anderem Hummels, Boateng, Robben und Ribéry. Es ging schief. Ancelotti hatte es übertrieben. Die Führungsspieler wendeten sich vom Italiener ab, senkten den Daumen. Anschließend die Bosse.

Wie Heynckes die Spieler trotz Rotation bei Laune hält

Jupp Heynckes, der mit dem 2:1 bei Celtic am Dienstag seinen sechsten Erfolg im sechsten Spiel seit seiner Rückkehr aus der Rente feierte, hat – wieder einmal – alles richtig gemacht. Wenn der 72-Jährige verdiente Spieler zum Zuschauen verurteilt, gibt es kein böses Wort, keinen Groll.

Weil der Trainerfuchs seine Maßnahmen einfühlsam und ausführlich erklärt und die Atmosphäre innerhalb der Startruppe souverän moderiert. Er bestärkt die Spieler, die er kurzfristig außen vor lässt. Weil sie ihm wichtig sind, weil er sie am Samstag braucht: Beim deutschen Clásico, dem Top-Spiel der Bundesliga gegen Verfolger Borussia Dortmund, das trotz Emporkömmling RB Leipzig immer noch der Konkurrent des Rekordmeisters ist.

Es geht um mehr als die Tabellenführung, es geht wie immer bei Schwarzgelb gegen Rot, dem Dauer-Duell des letzten Jahrzehnts, ums Prestige, um die Vorherrschaft im deutschen Fußball.

Hummels leicht angeschlagen

Also saßen Spielmacher Thiago, Mittelfeld-Entdeckung Sebastian Rudy, Rechtsverteidiger Joshua Kimmich und Innenverteidiger Mats Hummels, muskulär leicht angeschlagen, auf der Bank. Und Mittelstürmer Robert Lewandowski verfolgte die Partie zu Hause in München vor dem Fernseher, er durfte seine Muskelverhärtung in Ruhe auskurieren.

Heynckes hatte in den beiden erfolgreichen Duellen mit RB Leipzig im DFB-Pokal und in der Meisterschaft “sehr viel Kraftverlust” ausgemacht. Wegen der Belastung von über 210 Minuten Tempofußball gegen Leipzig habe in Glasgow “die Frische ein wenig gefehlt”, sagte Heynckes. Aber das sei “ganz normal”.

Also lobte der Fußball-Lehrer seine Mannschaft, die nach der Führung durch Kingsley Coman (22.) etwas nachgelassen hatte und dadurch Celtic durch Callum McGregor zum nicht unverdienten Ausgleich gekommen war (74.): “Über weite Strecken haben wir aber gut gespielt. Aber es gab auch Phasen, in denen der Gegner hohes Tempo gegangen ist und gedrückt hat. Da sind wir auch in Schwierigkeiten gekommen. Die Jungs haben sich richtig reingekniet.”

Javi Martínez, der Spieler des Spiels

Vor allem Javi Martínez, der Spieler des Spiels. Nach 77 Minuten köpfte der defensive Mittelfeldspieler in Mittelstürmer-Position eine Flanke von David Alaba zum 2:1 ein. So entschlossen, so wuchtig, so Dieter-Hoeneß-mäßig, dass sich Martínez dabei eine Risswunde über der Augenbraue zuzog und kurzzeitig heftig blutete. Der Spanier nahm’s locker, sagte hinterher gelassen: „Ich ziehe mir gerne jedes Spiel einen Cut zu, wenn ich dabei ein Tor schieße.”

Es war sein erster Champions-League-Treffer im 38. Einsatz. Auf die Reporterfragen nach der Gesichtsverletzung ergänzte er, passenderweise an Halloween: “Das ist nicht weiter schlimm. It’s just blood.“ Nur Blut. Also nur die Ruhe. Die hat der 29-Jährige.

2012, nach dem schicksalhaften Triple-Vize, investierte der FC Bayern für damalige Verhältnisse sensationelle 40 Millionen Euro Ablöse in den deutschen Fans weitgehend unbekannten Martínez, der bei Athletic Bilbao spielte. Mit dem neuen Nebenmann von Bastian Schweinsteiger gewannen die neu geordneten Heynckes-Bayern 2013 das Triple.

Seit dreieinhalb Wochen ist Heynckes zurück an der Säbener Straße – und Martínez, unter Pep Guardiola und Ancelotti meist Innenverteidiger, spielt wieder auf seiner geliebten Sechserposition. Dort räumt er alles weg.

“Die Defensive hat für mich erste Priorität, weil wir viele sehr gute Offensivspieler haben”, erklärte Martínez, “wir greifen viel an, mit vielen Spielen, müssen aber auch auf Konter aufpassen. Kein Gegentor zu kassieren, ist das Wichtigste.” Als spräche Jupp Heynckes.

Am Samstag beim BVB spielt das A-Team

Zurück zur Rotation: Thiago, Rudy, Kimmich, James und Hummels spielen auch deshalb am Samstag in Dortmund wieder von Beginn an, weil sich die B-Besetzung nicht besonders gut präsentiert hat in Glasgow.

Einzig Niklas Süle, der Hummels-Ersatz, zeigte eine ordentliche Leistung. Auf den jungen Innenverteidiger ist Verlass. Doch Rechtsverteidiger Rafinha etwa hat bei weitem nicht die Qualität von Joshua Kimmich, der als gesetzt gilt.

Im Mittelfeld haben die Spiele gegen Leipzig und bei Celtic gezeigt, dass auf das Duo Martínez/Rudy Verlass ist während Arturo Vidal und Neuzugang Corentin Tolisso viel zu schwankend in ihren Leistungen sind. Und James Rodríguez, der in Abwesenheit der verletzten Lewandowski und Thomas Müller eine falsche Neun gab, muss beim BVB auch wieder zuschauen. Wenn Torjäger Lewandowski stürmt. Einer aus dem A-Team.