Heynckes ist der kleinste gemeinsame Nenner

Martin Volkmar
SPORT1-Bayern-Reporter Martin Volkmar sieht die Verpflichtung von Jupp Heynckes kritisch

Die sich anbahnende Rückkehr von Jupp Heynckes zum FC Bayern wäre eine der größten Sensationen in der Bundesliga-Geschichte und ergibt auf den ersten Blick viel Sinn.

Die Bayern-Bosse hätten sich damit vor allem Zeit erkauft und setzen nun darauf, dass der Triple-Coach mit seiner Erfahrung und seinem Charisma den Übergang bis zum Sommer gut bewältigen wird.

Dafür einigten sich Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und holten Heynckes aus der Rente zurück.

Einen 72-Jährigen, der sich seit seinem Abschied nach dem Triple-Triumph aus der Öffentlichkeit auf seinen Bauernhof am Niederrhein zurückgezogen hatte.

Ob der Routinier ungeachtet seines eindrucksvollen Lebenswerks der richtige Mann zur richtigen Zeit ist, darf man daher bezweifeln.

Heynckes ist seit vier Jahren komplett aus dem Geschäft, und der moderne Fußball hat sich in dieser Zeit rasant weiterentwickelt.

Die Bayern haben sich für das Gegenteil einer zukunftsweisenden und mutigen Lösung entschieden. 


Dafür hat sie den großen Vorteil, dass die Münchner nun in Ruhe nach einem neuen Trainer suchen könnten, der ab der nächsten Saison eine neue Mannschaft aufbauen kann und muss.

Vieles spricht derzeit für Hoeneß' Wunschkandidaten Julian Nagelsmann, doch selbst wenn in den nächsten Monaten Zweifel am Shootingstar aus Hoffenheim aufkommen sollten, kann man parallel und ohne Eile die Alternativen weltweit sondieren.

Aktuell war das nach dem überhasteten Rauswurf von Carlo Ancelotti nicht der Fall. Hoeneß und Rummenigge brauchten schnell einen neuen Mann, aber der Trainermarkt gab keine überzeugende Lösung her.

Dabei hätte Thomas Tuchel fachlich perfekt gepasst, um dem schwächelnden Team wieder neues Leben einzuhauen. Doch die Bosse waren sich unsicher, ob der in Dortmund vor allem menschlich gescheiterte Tuchel die richtige Dauerlösung ist.

Übergangscoach Heynckes dagegen wäre für die Stimmung an der Säbener Straße sicher eine hervorragende Lösung. Schließlich kennt er dort alles und jeden und dürfte bei der zerstrittenen Mannschaft sowohl bei seinen Ex-Spielern als auch bei der spanischsprachigen Fraktion gut ankommen.

Allerdings sind die Helden von 2013 deutlich in die Jahre gekommen, so dass harte personelle Entscheidungen eigentlich unumgänglich sind, wenn man die Wende schaffen will. Nur mit Handauflegen und Heynckes' Aura wird der sportliche Erfolg nicht zurückkommen.

Der Held von Wembley würde also ein hohes Risiko eingehen und könnte sogar seinen Ruf aufs Spiel setzen, wenn es schief geht.


Ein noch größeres Risiko gehen allerdings die Bayern-Bosse ein, deren Kurs von immer mehr Fans zunehmend kritisch gesehen wird.

Statt eines Befreiungsschlags haben sie sich für eine Notlösung entschieden - wenn auch eine sympathische.